Wobbler. Posen. Spinner. Haken. Maden. Bleie. Bissanzeiger. Ruten.
Bei Carolin Sitzmann gibt es alles. Wer ihren Laden im Eggolsheimer Industriegebiet Weinhütten 5 betritt, taucht ein in ein Meer aus Waren, die Anglerherzen aus dem gesamten Umkreis höherschlagen lassen. Seit 18 Jahren betreibt die 56-Jährige nun schon als Herrin der Angelprodukte ihren eigenen Laden – und kann sich nichts Schöneres vorstellen. Nicht nur, weil der Angelsport seit Jahren den wohl größten Boom seiner Geschichte erlebt.
Anglerquelle Eggolsheim versorgt Angler in ganz Franken
Sitzmann lehnt an ihrem Tresen, es ist kurz vor 9 Uhr. Gleich öffnet ihr Geschäft, Zeit um noch die letzten Auszeichnungen vorzunehmen, die letzten Wirbeltütchen an den richtigen Platz zu hängen. „Ich bin selbst leidenschaftliche Hobbyanglerin, meistens bin ich an den Wochenenden am Wasser zu finden“, sagt sie. Nur mit dieser Leidenschaft könne sie überhaupt so gerne, so lange und so erfolgreich ein Fachgeschäft für Angelbedarf im ländlichen Raum betreiben. Und das die ganze Woche über (Montag bis Freitag 9 bis 19 Uhr, Samstag 9 bis 14 Uhr).
Knapp 20.000 verschiedene Artikel vertreibt sie auf knapp 350 Quadratmetern. Es finden sich Angeln und Zubehör wie Rollen, Kescher sowie Naturköder wie Maden und Würmer. Ihr Sortiment ist in den vergangenen Jahren stets angewachsen. So verkauft sie auch Mützen, Zelte, Pullis. Außerdem können Angler Ersatzteile ordern und ihre Rollen mit neuen Schnüren bespulen lassen. „Mal kommen Neuheiten hinzu, mal verschwinden Produkte. Es wird nie langweilig“, sagt sie.
„Angelsport eine Art Lifestyle geworden“
„Den einen Angler früherer Klischees gibt es kaum noch“, sagt Michael Ordnung. Er arbeitet seit fünf Jahren in der Eggolsheimer Anglerquelle, betreibt den Angelsport selbst mehr als leidenschaftlich, und gilt als versierter Fachberater. „Der Angelsport ist eine Art Lifestyle geworden.“ Das spiegelt sich auch in der Anglerquellen-Kundschaft in Eggolsheim wider. „Anfänger, Profis, Nichtangler – alles dabei“, sagt Sitzmann.
Die Szene wandle sich seit Jahren, zwar gebe es nach wie vor den ruhesuchenden Naturburschen am abgelegenen Weiher, erzählen die beiden. Aber insgesamt sei das Angeln sportlicher geworden, hipper, präsenter. Das liegt auch daran, dass Sportfischer längst ihren Weg in die sozialen Medien gefunden haben. Angelnde Influencer erreichen mit ihren Videos heutzutage Hunderttausende Menschen.
Carolin Sitzmanns Anglerquelle: Wie alles begann
Der Weg zur Angelshop-Chefin ist der charismatischen 56-Jährigen nicht in die Wiege gelegt. Die gelernte Fleischereifachverkäuferin ist nach der Geburt ihrer Kinder einige Jahre zu Hause, dann will sie wieder loslegen. In eine Metzgerei will sie nicht mehr, verkaufen aber schon. Dann entspringt eine Idee: „Mein Mann war damals schon begeisterter Angler. Warum also sollten wir nicht einen Angelladen aufmachen?“, fragt sie sich damals.
Gefragt, getan. „Wir“, das sind damals im Jahr 2007 ihr (2021 verstorbener) Schwiegervater Hilmar Sitzmann und sie, die in der Forchheimer Straße gegenüber von der Eggolsheimer Feuerwehr ihren Shop eröffnen. „Bei null hatten wir angefangen und uns allmählich eingearbeitet.“ Bis ihr Mietvertrag dort plötzlich gekündigt wird. 2013 zieht die Anglerquelle dann in die Weinhütten.
Ursprünglich hat Sitzmann die Räumlichkeiten des heutigen Fristo-Marktes im Auge (damals Schlecker). Weil sie durch den Umzug dort hinein aber ihre Fläche hätte reduzieren müssen und gegenüber zufällig auch der Kleidungsdiscounter Kik gerade auszieht, übernimmt sie dort. Und bleibt.
Angeln im Trend: immer mehr Sportfischer in Bayern
Angeln ist im Trend. Laut Zahlen des Bayerischen Tourismusministeriums wird Angelfischerei in Bayern von etwa 270.000 Menschen ausgeübt. Wer in Bayern fischen möchte, benötigte einen Fischereischein auf Grundlage einer bestandenen staatlichen Fischereiprüfung sowie einen für das jeweilige Gewässer gültigen Erlaubnisschein. Die Prüfungen lassen sich online ablegen, die Vorbereitungslehrgänge zum Teil auch. Pro Jahr legen demnach 10.000 Personen ihre Fischereiprüfung neu ab. Tendenz steigend, wie es vonseiten der Anglervereine heißt.
Das kann Sitzmann bestätigen. „Seit einigen Jahren kommen wieder mehr Jungangler hinzu und auch mehr Frauen. Als ich meine Prüfung damals abgelegt habe, waren wir zwei Frauen von 40 Teilnehmern. Das sieht heute etwas anders aus.“ Auch in den Vereinen ist das zum Teil zu spüren. Die Zukunft nicht nur des Sportangelns scheint also gesichert – ebenso die der Angelläden wie der von Carolin Sitzmann.
Großer Wirtschaftszweig: Angelindustrie macht Milliardenumsätze
Wie das Statistikportal Statista meldet, wird der Umsatz mit Angelzubehör in Deutschland in diesem Jahr auf etwa 117 Millionen Euro prognostiziert. Der gesamte volkswirtschaftliche Umsatz der Angelfischerei in Deutschland einschließlich Angelkarten und Vereinsbeiträge soll etwa 5,2 Milliarden Euro betragen. Auch hier gilt, Tendenz wohl steigend.
Wenngleich dieser sportliche und wirtschaftliche Boom, der während der Corona-Pandemie noch einmal zulegte, auch immer Konkurrenz aus dem Internet auf den Plan rufe, sagt sie. Neben fachlich geführten Online-Shops dominieren vor allem im Kleinstzubehör die großen Billig-Onlinehändler wie Temu und Alibaba, sagen Ordnung und Sitzmann. Das lasse sich kaum verhindern; sei aber auch nicht tragisch.
Beratung und Zusammenkommen stechen Online-Konkurrenz aus
Das Gute: „Ich habe viele Stammkunden. Manche sind damals als kleine Jungs an der Hand ihrer Papas in den Laden gekommen. Heute fahren sie selbst mit ihren Kindern vorbei.“ Und: Vor allem Ruten wollten viele vor dem Kauf in die Hand nehmen, ausprobieren. „Das geht im Internet nicht, das ist ein echter Vorteil des stationären Handels.“
Und die Beratung nicht zu vergessen. Sitzmann schielt zu Michael Ordnung hinüber. Der nickt. Drei Mitarbeiter beschäftigt Sitzmann, auf Minijob-Basis. „Wir alle angeln gerne“, sagt Ordnung. Jeder habe sich anders spezialisiert und könne spezifisch beraten. „Ich kann stundenlang übers Raubfischangeln sprechen, ein Kollege eher über Karpfen. Wir ergänzen uns.“
So verstehen Sitzmann und ihre Mitarbeiter den Laden in Eggolsheim, eingebettet in eine große und abwechslungsreiche Gewässerlandschaft, zudem als Treffpunkt. Mit den Anglern aus ganz Oberfranken in Kontakt kommen, plaudern, fachsimpeln, beraten. Denn auch das sei Angeln für sie und die meisten ihrer Kunden, sagt Sitzmann. Raus aus dem Alltag, rein in die Natur.
Bestenfalls mit Wobblern, Posen, Spinnern, Haken, Maden, Bleien, Bissanzeigern und Ruten aus ihrem Laden.


















