In atemberaubender Geschwindigkeit rasen die Folien über die Rollen der Druckmaschine. Heute hat der Kunde, ein Hersteller von Damenhygieneartikeln, ein helles Grün bestellt. Automatisch rollt sich die fertig bedruckte Folie wieder auf, wird anschließend in die Endfertigung gebracht. Dort wird sie geprüft, zugeschnitten, verpackt, versendet.
Ein paar Stunden vorher war von dieser Folie noch nicht viel zu sehen, da gab es nur Millionen kleinster Kunststoffgranulatkügelchen. Der lange Weg dazwischen gehört zu den großen Geheimnissen des traditionsreichen Spezialfolienherstellers Loparex in Forchheim.
Loparex Germany: Produkte hatte jeder schon in der Hand
Die Produkte der Forchheimer Firma hat wohl ein jeder schon einmal in der Hand gehalten. Ohne zu wissen, dass sie aus der Zweibrückenstraße stammen. Etiketten, Verpackungen für Damenbinden, Klebefolien für Autos, Schutzfolien für Handys, Baustoffe und mehr – die Produktpalette des weltweit agierenden Unternehmens ist groß. Insgesamt elf Standorte gibt es auf der Welt, in den USA, in Indien, China, den Niederlanden und in Deutschland.
Wer die 30.000 Quadratmeter großen Fabrikhallen betreten will, braucht Sicherheitsschuhe, Gehörschutz und antistatische Kleidung. „Die Folien sind sehr empfindlich“, erklärt Forchheim-Standortleiter Christian Sattler. Er führt an diesem Weg durch die weitläufigen Hallen, stellt mit Stolz die Großmaschinen vor und wozu sie 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche, zu leisten imstande sind. Sattler macht vor dem neuen 9-Schicht-Extruder Halt, der selbst dünnste Folien aus bis zu neun verschiedenen Schichten herstellen kann.
Vom Granulat zur Spezialfolie: Blick hinter die Kulissen
Das funktioniert, vereinfach gesagt, so: Je nach Kundenwunsch haben die Loparex-Experten die Rezeptur für die neue Folie erstellt. Welche Lösungsmittel und wie viel, welche Kunststoffsorten für welche Eigenschaften in der Praxis – vor dem Produktionsprozess stellen sich viele Fragen. Sind diese beantwortet, kommt der Extruder ins Spiel. Über Rohr- und Schlauchleitungen werden die verschiedenen Rohstoffe (wie zum Beispiel das Kunststoffgranulat, von dem bis zu 35.000 Tonnen pro Jahr verarbeitet werden) zusammengemischt und erhitzt. Aus der fertigen Masse wird – wieder vereinfacht gesprochen – dank starken Gebläsen und Maschinenkraft die Folie hauchdünn herausgepresst. Wie eine Art Nudelholz, nur mit Luft.
„In einer Folie mit einer Stärke von zehn Mikrometern können schon neun Schichten stecken“, erklärt Sattler. Zur Erklärung, das entspricht gerade einmal einem Hundertstel Millimeter. „Genau darin liegt unser besonderes Know-how, dass wir trotz dieser kleinen Größen passgenaue Lösungen für viele verschiedene Anwendungsfälle liefern können.“ Ist die Fabrik an der Zweibrückenstraße voll ausgelastet, könnten dort im Jahr bis zu 680 Quadratkilometer Folie entstehen (zum Vergleich, die Fläche Hamburgs beträgt 755 Quadratkilometer). Nur: Die Fabrik ist nicht voll ausgelastet.
2023: Loparex baute massiv Stellen ab
Das war auch im vorigen Jahr das Ausgangsproblem, als die Firma mit unliebsamen Schlagzeilen durch die Presse ging. „Forchheims Folienspezialist baut massiv Stellen ab“, lautete vor ziemlich genau einem Jahr die Schlagzeile. Der Nachricht folgten monatelange Verhandlungen darüber, wie viele und auf welche Weise Mitarbeiter das Unternehmen verlassen sollten. Am Ende gab es 67 Kündigungen von Festverträgen, zudem liefen etliche Zeitverträge aus. Innerhalb kürzester Zeit schrumpfte der Personalbestand von 650 auf unter 500 (lesen Sie hier mehr darüber).
„2023 war ein schweres Jahr, da wir uns wegen der geschrumpften Auftragseingänge gezwungen sahen, die Belegschaft zu reduzieren“, sagt Burkard Baumgärtner, Personalleiter bei Loparex Germany. Demnach sei vor allem der Bausektor sowie die Nachfrage bei den Automobilzulieferern eingebrochen, so Baumgärtner. Dies sei kein Forchheimer oder deutsches Problem, sondern habe sich auf die gesamte Unternehmensgruppe ausgewirkt.
Erst Sozialplan und nun positiver Trend
Immerhin habe man damals mit dem Betriebsrat zusammen eine sozialverträgliche Lösung finden können, wie Dieter Koppenhöfer, Gewerkschaftssekretär der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) bestätigt. Zudem, und dabei nicken sich Baumgärtner und Sattler gegenseitig zu, es gebe positive Nachrichten zu vermelden. „Seit diesem Jahr sind die Auftragsbücher plötzlich wieder voll“, sagt Baumgärtner. Daher sei man aktuell dabei, wieder Leiharbeiter und befristete Mitarbeiter einzustellen. Verfestigt sich dieser positive Trend, könne man vielleicht gar wieder fest aufstocken. „Aber so weit sind wir noch nicht. Wir müssen erst einmal flexibel bleiben“, sagt Sattler. Auch das kann Gewerkschaftssekretär Koppenhöfer bestätigen. „Geschafft ist die Kehrtwende noch nicht ganz. Aber auf jeden Fall gestartet“, sagt er.
Loparex wirbt aktuell um Ausbildungswillige
Aktuell wirbt Loparex sogar wieder offensiv für neue Auszubildende. Medien-, Kunststoff- und Kautschuktechnologen, Mechatroniker, Industriekaufleute – etwa zehn Ausbildungsstellen hoffen Sattler und Baumgärtner insgesamt kontinuierlich besetzt zu halten. Auch gebe es die Möglichkeit, bei Loparex ein duales Hochschulstudium in Wirtschaftswissenschaften zu absolvieren.
Junge Leute zu finden und zu halten, sei immer schwerer, so Baumgärtner. Um für den Bewerber- und Kundenmarkt attraktiv zu bleiben, gehen sie offensiv in die Werbung, gehen in die Schulen und auf Ausbildungsmessen. Und die Folienspezialisten erfinden sich immer wieder neu. Sie arbeiten an neuen Technologien und stellen die Fabrik nachhaltiger auf. Auch ökologisch, etwa durch moderne Wärmerückgewinnung, quasi emissionsfreie Abgasreinigungsanlagen und einen immer höheren Anteil an recyceltem Material.
„Jeder hat unsere Produkte hin und wieder in der Hand“, sagt Sattler noch einmal. „Und ganz ohne Kunststoffe wird es auch weiterhin nicht funktionieren.“ Dabei schaut der Werkleiter durch die Halle, in der die versandfertigen Folienrollen gelagert sind. Absolute Gewissheit, dass sein Loparex die Kehrtwende geschafft hat, liegt noch nicht in seinem Blick. Aber immerhin überzeugter Optimismus.
Loparex – ein Blick in die Geschichte
Die Ursprünge der Forchheimer Folienherstellung gehen auf die im Jahre 1854 gegründete Spiegelglas- und Folienschlägerei Forchheim zurück. Die heutige Firma Loparex wurde 1906 als Papierhersteller in Finnland unter dem Namen Lohjan Paperi gegründet. Nach dem Zusammenschluss mit dem britischen Getränkedosenhersteller Rexam plc im Jahr 2001 nannte sich das Unternehmen in Loparex um – eine Kombination der beiden Namen.
2019 wurde die Firma durch den Investor Pamplona Capital Management gekauft und fusionierte mit dem Unternehmen Infiana, welches 2015 aus der ehemaligen Foliensparte der finnischen Firma Huhtamaki hervorgegangen ist.
Zu Infiana gehörte damals auch das Werk am Standort Forchheim. Dieses wurde 2020 offiziell zur „Loparex Germany GmbH“ und somit ein eigener Teil der Loparex-Organisation.
Der Sitz des Mutterkonzerns liegt heute nicht mehr in Finnland, sondern im US-amerikanischen Cary in North Carolina.
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