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Stadt steht vor Horrorhaushalt
Healthineers in Forchheim: Zweckehe oder echte Freundschaft?
Mit bald 4800 Beschäftigten ist der Medizintechnik-Konzern Siemens Healthineers der größte Arbeitgeber Forchheims. Doch spätestens seit der Gewerbesteuerrückzahlungen legt sich ein Schatten auf das Verhältnis. Oder ist dieser Schatten gar der Grund für das historische Haushaltsloch der Stadt? Versuch einer Analyse.
Mit bald 4800 Beschäftigten ist der Medizintechnik-Konzern Siemens Healthineers der größte Arbeitgeber Forchheims. Doch spätestens seit den Gewerbesteuerrückzahlungen legt sich ein Schatten auf das Verhältnis. Oder ist dieser Schatten gar der Grund für das historische Haushaltsloch der Stadt? Versuch einer Analyse. // Fotos: Stephan Großmann
Forchheim – Forchheim und Siemens Healthineers gehören zusammen. Oder? Welche Rolle der größte Arbeitgeber der Region für die Stadt spielt, wo es knirscht in der Partnerschaft und warum es anderswo besser läuft.

Türkis und Orange. Das Logo des fränkischen Medizintechnik-Riesen Siemens Healthineers ist weithin sichtbar für jene, die sich Forchheim über die Autobahn nähern. Auch in der Stadt hinterlässt der Konzern beinahe überall seine Spuren, nicht nur weil er mit bald 4800 Beschäftigten der mit Abstand größte Arbeitgeber des gesamten Landkreises ist. Und damit der wichtigste Gesprächspartner der Stadtverwaltung.

Oder?

Warum Siemens Healthineers so wichtig für Forchheim ist

„Forchheim ist der innovative Kern des Unternehmens“, sagte Healthineers-CEO Bernd Montag im November 2025 im Interview mit dem Fränkischen Tag. Und nicht nur das: Tausende Mitarbeiter, dreistellige Millionensummen an Investitionen in neue Gebäude, das Herzstück der Computertomografen-Technologie wird in Forchheim entwickelt und produziert – Forchheim war, ist und bleibt neben Erlangen der wichtigste Standort in der Region und ganz Deutschland. So heißt es.

Und Forchheim nimmt diesen Umstand gerne an. Zum einen des Aushängeschildes wegen, schließlich avanciert Forchheim nicht zuletzt wegen Siemens Healthineers zu einem wichtigen Player innerhalb der Gesundheitstechnikachse der Metropolregion Nürnberg. Das bringt Prestige. Und Geld.

Bernd Montag, CEO der Siemens Healthineers AG: „Immer eine Portion Paranoia als Antrieb nutzen"
Bernd Montag, CEO der Siemens Healthineers AG: „Immer eine Portion Paranoia als Antrieb nutzen" // Foto: Matthias Hoch

Gewerbesteuereinnahmen steigt und steigt – bis zum schwarzen Jahr 2024

Denn zum anderen stiegen die Gewerbesteuereinnahmen nach dem Börsengang von Siemens Healthineers 2018 Jahr für Jahr. Dann kam die Pandemie – und mit ihr ein Sondergeschäft, das die Kassen erst richtig klingeln ließ: Antigentests. Siemens Healthineers verdiente damit über zwei Milliarden Euro. Die Gewerbesteuer floss in Strömen. Forchheim investierte, plante, baute und träumte.

Dann das schwärzeste Jahr in Forchheims Finanzgeschichte: Zunächst musste Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD) verkünden, dass die Stadt 19,5 Millionen Euro Gewerbesteuern zurückzahlen müsste. Das geschieht, wenn geleistete Vorauszahlungen die tatsächliche Steuerschuld der Firmen übersteigen. Kurz darauf der Super-GAU: 55,8 Millionen Euro muss die Stadt zurückzahlen. Geld, das längst ausgegeben war, in Projekte geflossen ist, in Infrastruktur, in Prestigevorhaben.

Forchheim berät am 14. April seinen neuen Haushalt unter schlechten Vorzeichen

Forchheim verhängte eine Haushaltssperre, einen Besetzungsstopp, verabschiedete erstmals seit Jahrzehnten einen Nachtragshaushalt und muss seither um jede Ausgabe streiten. Und nun, am 14. April 2026, berät der Stadtrat über den nächsten regulären Haushalt – immer stärker unter den Bedingungen einer Stadt, die sich neu erfinden muss.

Haushaltslöcher rund um Healthineers-Standorte: Wie konnte es so weit kommen?

Doch die eigentliche Frage ist nicht, wie tief das Haushaltsloch ist. Und wie tief es noch wird. Die eigentliche Frage ist: Wie konnte es so tief werden? Und warum war die Überraschung so groß?

Zwar wurde der Name Siemens Healthineers nie offiziell mit den erheblichen Steuerrückzahlungen genannt, aber hinter vorgehaltener Hand bestätigen dies mehrere Akteure. Zumal es beinahe zeitgleich auch in Erlangen zu ähnlichen Problemen gekommen ist. Auch dort gehört Healthineers zu den größten Arbeitgebern. Insgesamt beschäftigt der weltweit agierende Konzern nach eigenen Angaben etwa 11.000 Menschen in den beiden Städten.

Hätten Forchheim und Erlangen Bescheid wissen können – oder müssen?

Dass der Steuerhöhenflug in beiden Städten nicht ewig so weitergehen konnte, war kein Geheimnis. Weder hatte die Führungsetage von Siemens Healthineers damit hinter dem Berg gehalten, wie es aus Unternehmenskreisen heißt. Weiterhin habe man immer wieder darauf hingewiesen, dass die Gewerbesteuer nach den Rekorden eines Tages sinken würden.

Noch sind die Stadtverwaltungen von einem endlosen Geldsegen ausgegangen – seit Jahren schon weist die Kämmerei darauf hin, kaum „Spielräume nach oben“ zu sehen. Städten und Stadträten hätte klar sein müssen, dass sie gefährlich leben, weiterhin derart abhängig von einem großen Steuerzahler zu agieren. Oder haben die mittlerweile abgewählten Rathausspitzen in Erlangen und Forchheim samt ihrer Stadträte diese Gefahr jahrelang gar nicht ignoriert, sondern aktiv verdrängt?

Rathäuser halten sich mit Äußerungen bedeckt

Öffentlich äußern will sich aus Kreisen der Stadtpolitik niemand, Gesprächsanfragen dieser Redaktion werden abgelehnt beziehungsweise bleiben unbeantwortet. Auch andere hochrangige Vertreter aus Stadtverwaltung und Stadtrat wollen sich nicht äußern.

Dass dies in Forchheim kaum zum Lieblingsthema taugt, ist kein Wunder: Die einstige Königsstadt bewegt sich seit 2024 am Rande der finanziellen Handlungsunfähigkeit – und die aktuellen Prognosen der Kämmerei lassen noch Schlimmeres vermuten.

Wieso haben Städte und Konzern nicht gesprochen – oder haben sie?

Nun schreibt das deutsche Steuerrecht nicht vor, dass sich Firmen und Städte unterhalten. Schon gar nicht über Geld. Die Kommunikation läuft indirekt: Das Unternehmen gibt eine Steuererklärung ab, das Finanzamt bescheidet, die Gemeinde erfährt das Ergebnis. Doch wäre anzunehmen, dass bei derart wichtigen Partnern trotzdem Gespräche laufen. Mindestens nach, bestenfalls vor solchen Problemen.

Haben diese in Forchheim und Erlangen stattgefunden? Darauf gibt es ebenfalls keine Antwort aus den Rathäusern. Ein Sprecher von Siemens Healthineers schreibt: „Mit Finanzverwaltungen und allen öffentlichen Amtsträgern streben wir einen transparenten Austausch auch über das gesetzlich geforderte Maß hinaus an. Wir sind immer für Gespräche offen.“

Klingt, als wären und sind die Hände von Unternehmensseite ausgestreckt. Stimmt das, dann liegt der Verdacht nahe, dass diese sowohl in Forchheim als auch in Erlangen nicht adäquat ergriffen worden sind.

Forchheims OB hätte eventuell guten Draht haben können

Für Forchheim ist das besonders pikant. Erstens haben viele von Noch-OB Uwe Kirschstein aufgrund seiner früheren Tätigkeit bei Healthineers einen guten Draht in das Unternehmen unterstellt. Zumindest einen besseren. Denn hätte ein OB, der aktiv den Kontakt gesucht hätte, früher gewusst, was kommt?

Uwe Kirschstein, Oberbürgermeister Forchheim (SPD)Forchheim & Fränkische Schweiz
Uwe Kirschstein, Oberbürgermeister Forchheim (SPD) // Foto: Stephan Großmann

Taugt Röttenbach als Positivbeispiel für Forchheim?

Während Forchheim und Erlangen weiterrätseln, floriert beispielsweise das 4.500-Seelen-Dorf Röttenbach. Der Grund: Siemens Healthineers hat dort in den vergangenen Jahren seine globalen Patentrechte und sein geistiges Eigentum gebündelt – und profitiert von einem im Jahr 2020 auf 230 Prozent gesenkten Gewerbesteuerhebesatz.

Doch daran allein liege die Wirtschaftsfreundlichkeit seiner Kommune nicht, erklärt Bürgermeister Ludwig Wahl. „Wir kümmern uns proaktiv um unsere Firmen und gehen auf deren Bedürfnisse bestmöglich ein“, sagt er. Das gehe weit über den Hebesatz hinaus. Flächennutzung, Infrastrukturprojekte, offene Jahresgespräche: Wahl interpretiert das Rathaus so: als besten Freund der Firmenentwicklung.

Bundesregierung beschließt Mindesthebesatz: Auswirkungen auf Franken

Wie stark diese Freundschaft wirklich ist, wird sich eventuell schon bald zeigen. Im Januar hatte das Bundeskabinett beschlossen, dass der Mindesthebesatz bei der Gewerbesteuer in Deutschland von bisher 200 Punkten auf künftig 280 Punkte steigen solle. Dann müsste auch Röttenbach anheben.  

Was das für Röttenbach und die gesamte Region bedeuten könnte? Healthineers lässt sich nicht in die Karten schauen. Das Unternehmen könne und wolle keinen Einfluss auf die Haushaltspläne der Städte nehmen, schreibt ein Healthineers-Sprecher. Aber: „Eine Anhebung des Mindesthebesatzes stellt eine Steuererhöhung dar; im internationalen Standortwettbewerb würde das Deutschlands Position nicht verbessern“.

Healthineers: Standorte in Forchheim und Erlangen gelten als gesetzt

Steht also doch ein möglicher Rückzug im Raum, sollten Steuern weiter steigen? Während diese zumindest abstrakte Gefahr kleine, aber (steuer)finanzstarke Standorte wie Röttenbach wenigstens im Hinterkopf haben sollten, sind derlei Gedankenspiele etwa für Forchheim beinahe ausgeschlossen. Erst vor Kurzem wurde für 350 Millionen Euro ein neues Center eröffnet, aktuell fährt eine 100-Millionen-Euro schwere Kristallzucht in Forchheim hoch.

Standorttreue gibt es nicht zum Nulltarif

Und doch – ob das dem Selbstbewusstsein von Stadt und Stadtrat schmeichelt oder nicht – gibt es das uneingeschränkte Standortbekenntnis wohl nicht zum Nulltarif. Ausgestreckte Hände, wohlwollende Betrachtungen künftiger Projekte und eine weltweit wettbewerbsfähige Steuerpraxis gehören für Healthineers zur proaktiven Willkommenskultur dazu. Ob sie das so sagen würden oder nicht.

Forchheim tut gut daran, diese Willkommenskultur wieder aufleben zu lassen. Und: Auch wenn sich die haushalterische Not wider Erwarten in den nächsten Jahren lindern sollte: Die Planung von Investitionen über das Pflichtmaß hinaus muss realistischer erfolgen, als es in den vergangenen Jahren der Fall war. Ob mit neuen orange und türkis gefärbten Healthineers-Millionen. Und erst recht ohne.

 

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