Zehn Zimmer, Küchen, Bäder: Es ist keine gewöhnliche Wohnungsannonce, mit der Wiebke Glogger nach neuen Gesichtern für ihre Wohngemeinschaft sucht.
Die 36-Jährige lebt seit September in einer 500 Quadratmeter großen Architektenvilla aus den 1970er Jahren im Ebermannstadter Gemeindeteil Wohlmuthshüll. Knapp 200 Einwohner, alte Bauernhäuser, eine Kapelle – und eine WG der etwas anderen Art.
Wohnprojekt in der Fränkischen Schweiz: Keine Zweck-WG
Für Wiebke und ihr aktuellen sowie künftigen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ist das Anwesen im Herzen der Fränkischen Schweiz mehr als nur eine Zweck-WG. „Ich wohnte noch nie allein und möchte das auch nicht“, sagt die junge Ärztin.
Auch wenn ihr das Haus offiziell gehört – mehr als ein Zimmer bewohnt auch sie dort nicht. „Wer kann schon in mehreren Zimmern gleichzeitig sein?“, fragt sie. Ihr Traum: „Im Idealfall werden wir wie eine große Familie sogar zusammen alt“.
Ein Stück 68er in der Idylle in Wohlmuthshüll
Aktuell wohnen sie zu dritt in dem noch in weiten Teilen uneingerichteten, aber einzugsfertigen Haus. Drei weitere Leute sind bereits Teil der Gemeinschaft, trudeln in den kommenden Wochen ein. Alle sind zwischen 32 und 43 Jahre alt, leben vegetarisch, sind alternativ angehaucht.
In der Internetannonce heißt es aber, man sei „schwurbelfrei“ und wolle „einfach gerne in Gemeinschaft“ leben. Es gibt einen großen Garten mit Obstbäumen, einen Brunnen, Werkstätten, Homeoffice-Bereich, bald eine Sauna.
Vorbehalte von den Nachbarn habe sie bisher noch keine gespürt, im Gegenteil. „Wir wollen uns ja auch einbringen, vielleicht sogar ein jährliches Frühlingsfest organisieren.“
Ein kleines Dorf im Dorf, ein kleines Stück 68er-Gefühl.
Wohnungsmangel in Deutschland bleibt akut
Auch wenn Wiebke und ihre WG keine politischen Ziele verfolgen, ganz frei von aktuellem Zeitgeist ist ihre alternative Wohnidee nicht.
In Deutschland gibt es nach wie vor zu wenig Wohnraum. Statt der von der Bundesregierung geplanten 400.000 Wohnungen pro Jahr sind im vergangenen Jahr laut Zentralverbands des Deutsches Baugewerbes gerade einmal 295.300 gebaut worden.
Zudem gingen seit Monaten die Zahlen für Genehmigungen wie auch konkrete Aufträge im Wohnungsbau zurück. Das ist auch im Landkreis Forchheim zu beobachten: Sind laut Bayerischem Landesamt für Statistik 2021 noch 594 Baugenehmigungen für Wohnungen durchgegangen, waren es 2022 nur noch 507. Beispiele wie das kurz vor dem Aus stehende Forchheimer Mega-Projekt Philosophenviertel machen wenig Mut.
Gemeinsam Wohnen wie in Ebermannstadt: Idee für die Zukunft?
Abhelfen können Initiativen wie die Wiebkes. Statt für neue Einfamilienhäuser weiterhin grüne Wiesen zu vernichten, beleben sie alte Gemäuer neu. Auch wenn die Wohlmuthshüller WG für viele nach Verrücktheit klingen mag, gemeinschaftliches Wohnen beschränkt sich in Deutschland schon längst nicht mehr auf partyträchtige Studentenbuden.
Wohnraum ist theoretisch da. Vor allem in ländlichen Gebieten stehen oft ältere Häuser leer oder werden nur von Einzelpersonen bewohnt. Alleinlebende (41 Prozent der mehr als 40 Millionen Haushalte) hatten 2022 im Schnitt 73,4 Quadratmeter zur Verfügung, meldet das Statistische Bundesamt.
„Verteilungsproblem“: Plattform von Karin Demming will abhelfen
„Wir haben in Deutschland ein Verteilungsproblem“, sagt Karin Demming. Sie ist Mitbegründerin der Plattform bring-togehter.de, auf der Gemeinschaften und Wohnprojekte nach Mitbewohnern suchen.
„Gemeinsames Wohnen ist die Antwort auf viele Probleme: demografischer Wandel, Klimawandel, Einsamkeit, bezahlbarer Wohnraum und mehr“, sagt sie. Neu ist diese Idee freilich nicht, habe aber zugenommen in den vergangenen Jahren.
Derzeit zählt allein ihre Plattform 53.000 Nutzer, etwa 700 aktive Profile betreue sie mit ihrem Team im Schnitt. Das Besondere: Vier von fünf Menschen suchten ortsunabhängig. „Wenn das Projekt zu ihnen passt, wären sie bereit, beinahe überall hinzuziehen“
Entscheidend: Achse Nürnberg-Forchheim-Bamberg
So geht es auch den Neu-Anwohnern von Wohlmuthshüll. Bis auf Internistin Wiebke, die in eine Klinik in der Region pendeln muss, können die anderen von zu Hause aus arbeiten.
Dass sie ihr Domizil in der Fränkischen Schweiz gefunden hat, war purer Zufall. „Ich wollte etwas auf der Achse zwischen Nürnberg, Forchheim und Bamberg finden. Und hier ist es zwar schon weit abgelegen, aber einfach perfekt für uns“, sagt sie.
Dafür, dass sich ihr „uns“ wie geplant vervollständigt, stehen die Chancen gut. Auf ihre Internetannonce hin haben sich schon Interessierte gemeldet, sogar aus dem Dorf selbst. Nun muss es nur noch matchen, wie es neudeutsch heißt.
Denn Platz gibt es ja genug; in den zehn Zimmern, Küchen, Bädern.
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