Rauschgift
Bahnhof Ebelsbach: Tatort des letzten Deals
Am Bahnhof in Ebelsbach sollten im Mai zehn Gramm Crack den Besitzer wechseln. Ein Spezial-Einsatz-Kommando und ein Mobiles Einsatz-Kommando verhindern das.
Am Bahnhof in Ebelsbach sollten im Mai zehn Gramm Crack den Besitzer wechseln. Ein Spezial-Einsatz-Kommando und ein Mobiles Einsatz-Kommando verhindern das.
Matthias Hoch
F-Signet von Udo Güldner Fränkischer Tag
Ebelsbach – Mit dem Zugriff der Polizei endet für einen süchtigen Händler die Karriere. Er muss ins Gefängnis und in eine Klinik. Sein Begleiter kommt auf freien Fuß.

Als die Kriminalpolizei Schweinfurt von einem Dealer erfährt, der die Haßberge mit Heroin, Kokain und Crack versorgen soll, stellen sie dem Mann aus Frankfurt am Main im Mai 2022 eine Falle. Noch bevor das überwachte Drogengeschäft am Bahnhof Ebelsbach über die Bühne geht, kommt es zum Showdown. Nun musste das Landgericht Bamberg entscheiden, welche Strafe der Dealer bekommen sollte und ob sein Begleiter etwas mit der Sache zu tun hatte.

Alfred macht eine Geschäftsreise

Ruhig liegt er da, der Bahnhof von Ebelsbach. Schließlich ist es ein Donnerstag kurz nach Mitternacht. Gerade ist der Regionalexpress aus Frankfurt am Main eingetroffen. Zwei Männer verlassen den Zug. Wir wollen sie Alfred (58) und Holger (55) nennen. Für Alfred ist der Ausflug in die Haßberge eine Geschäftsreise. Zehn Gramm Crack sollen den Besitzer wechseln. Dabei handelt es sich um Kokain, das mit Backpulver gekocht wurde. Die kristalline Substanz ist deutlich reiner als normales Kokain und kann geraucht werden.

Sein Kunde wartet schon am Parkplatz. Als Alfred ihm das Tütchen zeigt, nimmt sein Gegenüber die Mütze ab. Das ist das Zeichen! Plötzlich wird die Nacht zum Tag. Überall Scheinwerfer, Blaulicht, Polizei-Rufe und schwerbewaffnete Einsatzkräfte. Ein Spezial-Einsatz-Kommando (SEK) und ein Mobiles Einsatz-Kommando (MEK) stürmen das Gelände. Offenbar rechnet die Kriminalpolizei Schweinfurt angesichts der eindrucksvollen „kriminellen Karriere“ Alfreds und Holgers mit einigem Widerstand. Es bleibt aber ruhig.

„Der Frankfurter“ wird der Dealer bei seinen Kunden in den Haßbergen genannt

Den „Frankfurter“, wie Alfred bei seinen Kunden in den Haßbergen genannt wird, haben die Polizisten schon einige Zeit auf dem Schirm. Er wird ständig observiert, sein Smartphone wird abgehört. Ein Kleinkrimineller aus Oberaurach hatte sich gemeldet und wollte helfen, Alfred aus dem Verkehr zu ziehen. Wohl um sich selbst bei seinem eigenen Prozess einen Strafrabatt zu verschaffen.

Ein erster „Probekauf“ geht am Bahnhof Ebelsbach über die Bühne. Die 200 Euro Bargeld kommen von der Polizei, die zwei Gramm Crack landen in der Asservatenkammer. Danach will der Lockvogel mit Alfred das ganz große Ding drehen: 50 Gramm Crack für 4250 Euro. Doch Alfred ist kein Großhändler, sondern nur ein kleiner Konsument, der seine eigene Sucht finanzieren will. An solche Mengen kommt er nicht heran. Er kann mit einiger Mühe nur jene zehn Gramm zusammenkratzen, die in jener Nacht am Bahnhof Ebelsbach beschlagnahmt werden.

Beim Konsum der eigenen Rauschmittel ist Alfred nicht wählerisch

Als man Alfred durchsucht, findet man nicht nur die zehn Gramm Crack, sondern auch noch acht Gramm Heroin, sechs Gramm Marihuana, sowie 33 Gramm Haschisch – schön sauber in der Unterhose versteckt. Einiges will Alfred in Eltmann zu Geld machen, den Rest selbst nehmen. „Er schmeißt alles ein, was er in die Finger kriegt“, so sein Verteidiger Andreas Dräger aus Strullendorf.

Alfred hat grausame Erlebnisse als Kind

Damit verfolgt Alfred offenbar das Ziel, seine Dämonen, die ihn seit Kindestagen verfolgen, zum Schweigen zu bringen. Sein brutaler Stiefvater hatte ihn nämlich nicht nur täglich geschlagen, sondern auch mehrfach versucht, den kleinen Alfred umzubringen – noch bevor der Junge seinen ersten Schultag hatte.

Mit heißem Wasser verbrüht, zahlreiche Knochenbrüche

Die Narben auf der Haut erzählen noch heute vom heißen Wasser, mit dem er verbrüht wurde, die verheilten Knochenbrüche vom wiederholten Aufprall des Kopfes auf den Rahmen einer Stahltür und die Angstzustände von der Situation, als Alfred in der Badewanne ertränkt werden sollte.

Wie sich im Laufe des Prozesses herausstellte, hat Holger mit dem Drogenhandel seines langjährigen Freundes, mit dem er auch zusammenwohnt, nichts zu tun. Holger nutzt nur die Freifahrt auf dem Ticket Alfreds, um nach Eltmann zu gelangen. Dort will er bei einem Bekannten eine Tätowierung zu Ende bringen. Ihm wird freilich zum Verhängnis, dass er neben einer Crackpfeife zum Rauchen auch Rauschgift dabei hat. Ein knappes Gramm Crack, das er selber rauchen will.

Alfred bekommt sein Urteil, aber auch die Chance, von den Drogen loszukommen

Am Ende wurde Alfred wegen unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln in normaler und auch in „nicht geringer Menge“ zu drei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Zugleich ordnete die Dritte Strafkammer unter ihrem Vorsitzenden Richter Markus Reznik die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

Zwei Jahre lang wird Alfred in der geschlossenen Abteilung eines Bezirkskrankenhauses in einer Therapie daran arbeiten, von seinen Suchtmitteln loszukommen. Es dürfte seine letzte Chance sein.

Holgers Körper ist vom Rauschgift zerstört

Holger indes verließ das Justizgebäude am Wilhelmsplatz als freier Mann. Wenn auch nicht mit einem Freispruch. Die verkündeten sechs Monate Freiheitsstrafe wegen des unerlaubten Erwerbs von Betäubungsmitteln hatte er aber bereits mit der Untersuchungshaft in der JVA Nürnberg abgesessen. Damit wurden die 22 Jahre, die er zeit seines Lebens hinter Gittern verbracht hatte, „voll“.

Lange leben dürfte er angesichts der enormen körperlichen Schäden durch seine Drogensucht nicht mehr. Angesichts völlig zerstörter Venen am ganzen Körper und mehrerer Schlaganfälle gab ihm der psychiatrische Sachverständige Dr. Thomas Wenske vom Bezirksklinikum Erlangen „höchstens fünf Jahre, wenn er so weitermacht“.

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