0
Patienten verabschieden sich
Hausarztpraxis schließt: So emotional war der letzte Tag
Tilman Gothner
Nach langem Kampf ist es jetzt vorbei für Dr. Gothner: Seine Praxis in Lonnerstadt bleibt ab jetzt geschlossen. // Foto: Anna-Lena Reif
Lonnerstadt – Leere Flure und eine gedrückte Stimmung in Lonnerstadt: Patienten und Team verabschieden sich am letzten Tag der Hausarztpraxis in Lonnerstadt.

Es ist ein ungewohntes Bild: Am Empfang stehen keine Patienten, das Wartezimmer ist verwaist. In der Hausarztpraxis von Dr. Tilman Gothner in Lonnerstadt ist der letzte Tag angebrochen. 

„Hier gibt es nur Verlierer“, sagt Gothner enttäuscht. Tatsächlich scheint dieser eine Satz die Situation gut zusammenzufassen. Schon seit dem vergangenen Jahr kam es in der Praxis, die erst 2021 in Lonnerstadt eröffnet hatte, immer wieder zu Problemen, erst mit der Heizung, dann mit Schimmelbefall, schließlich folgte ein Rechtsstreit mit dem Vermieter. Auch Gespräche mit der Gemeinde und einem Träger für Arztpraxen führten nicht zu einer Lösung, so dass Gothner schließlich die Schließung der Praxis ankündigte. 

Hausarztpraxis Lonnerstadt ist jetzt geschlossen

„Ich bin sehr traurig, das hat sich so keine Seite gewünscht“, resümiert Gothner nun also am letzten Tag. „Es ist eine sehr emotionale Sache. Die Menschen hier sind mir ans Herz gewachsen, ich kenne die Diagnosen auswendig, ich kenne die Medikamentenpläne auswendig.“ Doch nun folgt der Abschied. Für Gothner selbst wird es in Nürnberg-Mögeldorf weitergehen, verrät er. „Das Team zerstreut sich in alle Winde“, so Gothner. „Der Abschied ist schon sehr schwer. Wir sind wie eine kleine Familie, wir waren sehr stolz darauf, wie das hier so gewachsen ist. Wir waren eine Hausarztpraxis mit Herz und ich denke, das hat jeder gespürt.“ 

Tilman Gothner
Ein ungewohnter Anblick in der Praxis: An diesem Tag kommen die meisten Patienten nur noch, um ihre Akte abzuholen. // Foto: Anna-Lena Reif

Auch beim zehnköpfigen Praxisteam ist die Stimmung an diesem Tag gedrückt. Ab und zu holt ein Patient noch seine Akte ab und wünscht alles Gute, die Mitarbeiterinnen am Empfang sitzen immer wieder am Telefon, doch ansonsten ist es ruhig. „Es ist seltsam“, sagt Ärztin Nadine Schubert. „Wir wussten alle, dass der Tag kommt, aber jetzt fühlt es sich einfach komisch an.“

Team um Doktor Gothner trauert um die Praxis 

So richtig real sei es für sie und Kollegin Georgina erst geworden, als die beiden an diesem Vormittag anfingen, die ersten Kisten zu packen. „Wir machen das hier alle mit Herz, sonst würden wir den Beruf nicht ausüben. Wir haben die Patienten ins Herz geschlossen, von daher tut es sehr weh“, so Schubert. 

Tilman Gothner
Bis zum Ende des Monats muss das Team die Praxis räumen, doch der Freitag war der letzte Tag, an dem die Praxis Patienten empfing. // Foto: Anna-Lena Reif

Auch für die Bewohner von Lonnerstadt ist es ein Schlag, denn ein Nachfolger ist nicht in Sicht. „Es ist schwer jetzt“, sagt ein Patient aus Lonnerstadt, der kurz vor Schluss in die Praxis kommt. „Endlich habe ich jemanden gefunden, wo es passt, habe Vertrauen aufgebaut. Aber die Politik hat es versaut. Ich gehe jetzt mit nach Nürnberg, da sind mir die paar Kilometer mehr dann egal“, sagt er und lässt sich am Empfang die Kontaktdaten der neuen Praxis geben, in der Gothner im kommenden Jahr startet.

Eine andere Patientin bringt nur kurz liebevoll eingepackte Abschiedsgeschenke vorbei. „Es ist sehr traurig“, sagt sie. „Hier war immer alles super, eine einwandfreie Versorgung.“ Auf einem Tisch in einem Nebenraum der Praxis stapeln sich schon andere Päckchen, große Pralinenschachteln und Blumensträuße. „Diese Wertschätzung ist wirklich toll“, sagt Gothner der die Patienten am Empfang einzeln verabschiedet und ihnen alles Gute wünscht. 

Medizinische Versorgung: Patienten müssen neue Ärzte finden

Dass es für viele Patienten nicht so einfach sein dürfte, Gothners neue Praxis in Nürnberg aufzusuchen, oder überhaupt einen neuen Arzt zu finden, ist dem Mediziner durchaus bewusst. „Für die älteren Menschen, oder diejenigen, die auf Hausbesuche angewiesen sind, tut es mir so leid“, sagt er. Generell sieht er die Politik in der Pflicht, sich darum zu kümmern, dass eine Niederlassung auf dem Land für Ärzte attraktiv bleibt. „Es gibt so viele Stellen, an denen man das Gesundheitssystem da verbessern müsste. Wir müssen schauen, dass wir dem Nachwuchs da nicht zu viele Stolpersteine in den Weg legen“, warnt er. 

Tilman Gothner
Auch das Team rund um den Hausarzt ist traurig. Am letzten Tag bedanken sich Patienten mit Blumensträußen und Leckereien. // Foto: Anna-Lena Reif

Während einige Patienten Gothner in Nürnberg erhalten bleiben, haben die meisten Teammitglieder Anstellungen in der näheren Umgebung gefunden. Doch noch hadern einige von ihnen mit dem Abschied. „Ich war immer noch zuversichtlich“, sagt Nadine am Empfang. „Man realisiert das noch gar nicht richtig. Das Team war wirklich super. Ich glaube, man muss jetzt erstmal ein bisschen Gras über die Sache wachsen lassen.“ 

In den kommenden Tagen und Wochen geht es nun daran, die Praxis zu räumen. „Wir müssen die Abrechnung machen, ausräumen, die Endreinigung“, zählt Gothner auf. „Eigentlich ist gerade die Vorweihnachtszeit eine schöne Zeit im Jahr – jetzt ist es eine wehmütige.“ 

 

Inhalt teilen
  • kopiert!