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Erlangerin begleitet Sterbende
Kosmetikbehandlung auf dem letzten Weg: Rührendes Ehrenamt
Pia Jacobi
In ihrem Kosmetikinstitut in Erlangen behandelt Pia Jacobi normalerweise Menschen mit Hautproblemen jeglicher Art. // Foto: Anna-Lena Reif
Erlangen – Mit einer Box voller Kosmetikprodukte übt Pia Jacobi in Erlangen ein besonderes Ehrenamt aus. Wie sie Menschen damit ihr Lebensende bereichert und wieso kein anderes Ehrenamt sie so erfüllt.

Wenn Pia Jacobi angefragt wird, muss es meist schnell gehen. Mit einer Plastikkiste gefüllt mit blütenweißen Handtüchern, kleinen Fläschchen und Cremetiegeln macht sie sich dann auf den Weg zur Klinik am Europakanal. Wie bei den Kunden in ihrem Kosmetikinstitut in Erlangen-Bruck will Jacobi mit ihren Behandlungen Menschen verwöhnen, ihnen ein wenig Entspannung bieten. Doch anders als in ihrem Studio, kümmert sie sich hier um Menschen, die nur noch wenige Stunden vor sich haben. 

„Ich möchte ein Ehrenamt machen.“ Mit diesem Satz hat für Jacobi alles angefangen. Eine Freundin riet ihr, sich über Hospizarbeit zu informieren und Jacobi, begeistert von der Idee, machte eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin. „Ich hatte mich damit noch nie beschäftigt“, sagt Jacobi. „Als meine Mama auf der Intensivstation gestorben ist, gab es so ein Angebot dort nicht.“ Heute begleitet sie Menschen auf ihrem letzten Weg, bietet Möglichkeiten für Gespräche oder einfach die Anwesenheit eines anderen Menschen. „Damit war ich erstmal sehr glücklich“, erzählt die gelernte Kosmetikerin.

Ehrenamt in Erlangen: Arbeit auf der Palliativstation

Dann entdeckte sie zufällig ein Video auf Instagram. „Es ging um einen Mann, der ein Restaurant hat und ehrenamtlich für ein Hospiz kocht. Er ermöglicht Menschen damit quasi ihre letzte Mahlzeit. Oft können die Menschen das ja gar nicht mehr essen, aber sie können es riechen und auch ein wenig schmecken“, erzählt sie. Das Video begeistert die 45-Jährige. „Ich bin ans Fenster gegangen, habe nach oben geschaut und gesagt: Mama, ich kann das auch. Mir ist sofort dieser Gedanke gekommen, ich könnte Kosmetikbehandlungen anbieten. Warum nicht?“ 

Pia Jacobi
Mit Handtüchern und Cremes im Gepäck besucht Jacobi Menschen auf der Palliativstation. // Foto: Anna-Lena Reif

Über eine Freundin erfährt die Palliativstation von Jacobis Idee – und ist begeistert. Nicht jeder will oder kann ihr Angebot noch in Anspruch nehmen, bei manchen Patienten lässt es der Zustand nicht zu, andere wollen in dieser letzten Phase nur noch bestimmte Menschen sehen. „Wenn ich überhaupt reinkommen darf, ist das ein schönes, sehr großes Privileg für mich“, sagt Jacobi. 

Meist beginnt Jacobi ihre Behandlungen dann bei den Händen. „Ich komme erst einmal an, berühre die Hände und stelle mich vor. Ich sage den Menschen: Ich bin Kosmetikerin und heute verwöhnen wir Sie mal ein bisschen.“ Mit einem warmen, feuchten Tuch reinigt sie die Hände, massiert sanft die Haut, cremt sie ein. „Ich will, dass der Patient merkt, dass da jemand ist, der einem etwas Gutes tun will. Sie sollen sich noch einmal richtig fallen lassen und genießen können“, sagt die Kosmetikerin. 

Kosmetikbehandlungen für Menschen im Hospiz

Es ist eine ungewöhnliche Beschäftigung für diese letzte Lebensphase, doch die Patienten bestärken Jacobi in ihrer Idee. „Für viele ist das die erste Behandlung in ihrem Leben, oft sind sie danach sehr glücklich und freuen sich, dass sie sowas noch erleben durften“, so Jacobi. Ihre älteste Patientin war 94. „Manche werden ganz still und genießen es einfach. Andere blühen richtig auf und erzählen nochmal von ihrem Leben, was ich auch schön finde.“

Pia Jacobi
Seit zwölf Jahren ist Jacobi in Erlangen selbstständig. // Foto: Anna-Lena Reif

Wenn eine Anfrage aus der Klinik kommt, tut Jacobi alles, um einen Besuch möglich zu machen, denn auch ihr geben die Behandlungen viel. „Es ist ein unfassbares Gefühl. Man weiß, es ist die letzte Behandlung. Man kann helfen, diesen Menschen nochmal einen schönen Lebensabschluss zu geben. Danach ist man unglaublich beseelt“, erzählt Jacobi. 

Das Programm von Jacobis Behandlungen ist nicht in Stein gemeißelt. Die Patienten können Wünsche aussprechen. „Manche möchten zum Beispiel gerne mehr am Kopf berührt werden, manche legen dann Wert auf die Augenfalten“, sagt sie schmunzelnd. „Dann lege ich spezielles Augenmerk darauf, reinige hier ein bisschen länger, oder gebe da mehr Druck hin.“ 

Besondere Wertschätzung für dieses Ehrenamt 

Auf ihrem Instagram-Kanal teilt Jacobi immer wieder Gedanken und Einblicke in ihre ehrenamtliche Arbeit. „Mir ist es so wichtig, aufmerksam zu machen. Sterben ist immer noch so ein Tabuthema, aber Menschen müssen sich Gedanken machen, wie sie sterben möchten, ob sie Vorsorgen getroffen haben. Ich merke immer wieder, dass es sehr schnell gehen kann. Das ist ja kein schlimmes Thema, es passiert ja nichts, nur weil man sich darum kümmert.“

Die Behandlungen auf der Palliativstation sind längst nicht Jacobis einziges Ehrenamt. Die Kosmetikerin engagiert sich im Queeren Zentrum in Erlangen, leitet seit Kurzem einen Ableger der Suppkultur im Kulturpunkt Bruck und steckt gerade mitten im Wahlkampf als Stadtratskandidatin der SPD Erlangen.

Pia Jacobi
Jacobis Kosmetikinstitut mit eigenen Produkten für die Haut findet sich in Erlangen-Bruck. // Foto: Anna-Lena Reif

Doch die „tiefe Verbindung“, wie sie sagt, ist bei den Kosmetikbehandlungen anders als bei ihren anderen Ehrenämtern. „Ich glaube, das ist mit das Schönste, was ich an Feedback bekomme“, sagt Jacobi. „Meine Kunden sind auch immer dankbar, wenn sie hier rausgehen, aber das ist eine viel tiefere Art der Dankbarkeit. Denn es ist sicher, dass wir uns nicht wiedersehen und ich gebe meine Zeit kostenfrei. Ich komme, weil ich wirklich Lust darauf habe und das spüren die Menschen. Das ist unfassbar befriedigend.“ 

Selbstschutz beim Ehrenamt

Wichtig für sie ist aber auch die Zeit für sich nach einer Behandlung. „Ich würde da nie einen Folgetermin ausmachen oder danach hier weiterarbeiten. Ich brauche danach Zeit für mich. Ich setze mich ans Wasser oder in den Wald, oder trinke gemütlich einen Kaffee Zuhause. Einfach um das erstmal zu verarbeiten“, erklärt sie. „Es ist wichtig, sich selbst zu schützen, denn man hört da auch nicht immer nur schöne Sachen. Sie erzählen einem manchmal auch, was schiefgelaufen ist im Leben oder sie leiden einfach darunter, dass sie alleine sind, dass niemand mehr kommt, um sie zu besuchen.“ 

Umso wichtiger findet Jacobi das Ehrenamt, das sowohl den Patienten selbst hilft, als auch den Angehörigen oft eine kurze Pause zum Durchatmen gibt. Mit ihrer Arbeit möchte sie auch andere inspirieren. „Dass nicht jeder Zeit für ein Ehrenamt hat, ist völlig verständlich“, sagt sie. „Ich kann es mir leisten und ich mache es gerne. Viele sagen aber, sie möchten sich engagieren, wissen aber nicht wo. Aber ich bin mir sicher: Für jeden, der sich ehrenamtlich betätigen möchte, gibt es ein Feld.“  

 

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