Auf dem Campus herrscht an diesem Tag eifriges Gewusel. Während manche Mitarbeiter gerade draußen die Mittagssonne genießen, werden im Laces-Gebäude gerade die Überreste einer Veranstaltung abgebaut. Doch weder die Spätsommersonne noch die laute Betriebsamkeit reichen ein Stockwerk tiefer: Hier, im Archiv von Adidas, ist es kühl. Gedämpftes Licht und eine tiefe Ruhe empfangen den Besucher.
„Sie merken schon, es wird deutlich kühler. Wir haben hier 18 Grad und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit, das ist ein sogenanntes Mischklima. Hier im Archiv wird nicht nur eine Produktart aufbewahrt: Wir haben Bälle, Schuhe, Kleidungsstücke und diese Temperatur ist die beste Schnittmenge“, erklärt Sandra Trapp.
Besondere Bedingungen im Adidas Archiv
Maximal 50 Personen dürfen die heiligen Hallen am Tag betreten, denn die Schätze, die hier lagern, sind empfindlich. „Zwischen den Touren brauchen wir Pausen, um das Klima stabil zu halten. Denn wenn wir ungefähr ein Grad Temperaturschwankung am Tag haben, können wir sehen, dass gewisse Produkte in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren schneller altern“, sagt Trapp.
Die Schuhe und Klamotten lagern in Kartons und Kleidersäcken. Selbst mit den weißen Handschuhen, die man vor dem Betreten anziehen muss, traut man sich fast nicht, die eingelagerten Stücke tatsächlich anzufassen. Die Ehrfurcht hält Besucher hier fest im Griff.
Adidas Herzogenaurach: Ein Blick ins Archiv
Als Firmenhistorikerin kennt Trapp sich hier bestens aus, kann zu den meisten der rund 40.000 katalogisierten Produkte eine Geschichte erzählen – auch wenn sie, wie sie selbst sagt, sicher nicht jeden Artikel hier kennt. „In einem normalen Jahr, in dem keine große Sportveranstaltung, wie eine Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele stattfindet, nehmen wir rund 1000 neue Produkte auf“, so Trapp.
Natürlich findet nicht jedes einzelne Adidas-Produkt den Weg ins Archiv, dafür brauche man wohl eine Fläche bis nach München, scherzt die Archivarin. „Wir sammeln alles, was von Athleten getragen wurde, alle Produkte, die einen Bezug zu einem Event haben, neue Technologien, neue Materialien, neue Schuhmodelle, Limited Editions, Special Collaborations – also alles, was für die Firmen- und Designhistorie wichtig ist.“ Bei einer Firmengeschichte von 76 Jahren – am 18. August feierte der Sportartikelhersteller seinen Geburtstag – kommt dabei ein beachtlicher Fundus zusammen.
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Wunder von Bern: Schuhe von Max Morlock
Da ist zum Beispiel der Schuh, in dem Max Morlock beim Finale der Weltmeisterschaft 1954 das erste Tor schoss. Teils verwischt steht auf den drei Streifen auf der Seite geschrieben: „WM 1954, Max Morlock, 1. Tor“. „Die deutsche Nationalmannschaft musste sich nach dem Zweiten Weltkrieg erst wieder neu formieren. Die WM 1954 war die erste, an der sie teilnehmen durfte als extremer Underdog“, sagt Trapp. Was viele nicht wissen: Auch Adidas habe seinen Beitrag zum Wunder von Bern geleistet.
Denn der Schuh, den die Nationalmannschaft trug, sei ein für damalige Verhältnisse sehr moderner Schuh gewesen, kein Stiefel, wie man sie damals noch trug. „Der Stiefel der Ungarn ist in trockenem Zustand fast doppelt so schwer, wie der Schuh der Deutschen“, erklärt Trapp. „Der Stiefel hat sich mit Wasser vollgesogen und wurde einfach immer schwerer und schwerer. Zusätzlich konnte Adi in der Halbzeit die Stollen in der Länge variieren. Die deutsche Nationalmannschaft hatte also besseren Grip in der zweiten Hälfte.“
Ob der Zauber eines solchen Stückes zum Alltag wird? „Ich kriege auch immer noch Gänsehaut hier drin – und das liegt nicht an der Temperatur“, verrät Trapp. „Es ist nicht nur Firmenhistorie, es ist auch Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte in Deutschland. Damit hat das Wirtschaftswunder begonnen. Und auch Adidas war Teil davon. Das ist was ganz Besonderes.“
Kleidungsstücke, Taschen, Schuhkartons
Neben Morlocks Schuh auf einem Tisch stehen Schuhe von Legenden wie Lionel Messi, David Beckham oder Zinédine Zidane. Doch nicht nur Schuhe sind hier vertreten. Ein ganzer Gang ist gefüllt mit alten Sporttaschen, Reisetaschen, einem Medizinkoffer, Handtaschen.
Auch Kleidung findet sich hier. Trapp zeigt einen blauen Trainingsanzug von Franz Beckenbauer. Ein bisschen farbenfroher präsentiert sich der Anzug der Damennationalmannschaft der Olympischen Spiele 1972. Ein hellblauer Streifen auf der Schulter spiegelt die Farbe der Herrenanzüge wider. Doch auch das Trefoil, das heute weltbekannte Adidas-Logo, auf diesem Anzug ist etwas ganz Besonderes, denn es wurde erst 1972 erfunden und ziert seither alle Kleidungsstücke.
Historische Stücke als Inspiration für Designer
Wichtig ist das Archiv bei Weitem nicht nur, um die Firmenhistorie zu sichern, wie Trapp erklärt. „Das Archiv wird sehr häufig dafür genutzt, dass unsere Designer sich Inspiration holen und Sachen neu interpretieren, Materialien oder Farben verändern und daraus neue Produkte schaffen.“ Doch in den meisten Fällen dürfen nicht einmal die Designer das Archiv betreten, für ihre Recherche ist jedes Teil auch digital katalogisiert.
Trotz der Vorsicht, die im Umgang mit den historisch wertvollen Artikeln geboten ist, sollen sie auf gewisse Weise auch der Öffentlichkeit zugänglich sein. „Auch wenn der Zugang zum Archiv beschränkt ist, wollen wir trotzdem die Historie teilen. Denn das ist etwas, was die Firma besonders macht, was uns besonders macht. Und jeder hat diesen einen Moment, der ihn mit Adidas verbindet. Den herauszukitzeln, ist immer schön, denn damit kommen auch die Emotionen“, sagt Trapp.
Archivarin Sandra Trapp: Immer auf der Suche nach Artikeln
Übrigens kommen auch heute nicht nur neue Artikel im Archiv an. Immer wieder gebe es auch Neuzugänge von früher. „Es kann sein, dass jemand bei seinen Großeltern im Keller oder auf dem Dachboden etwas findet und sich an uns wendet. Dann schauen wir uns das gerne an, denn es gibt immer wieder Sachen, die wir noch nicht haben.“
Bei einer Frage muss Trapp zum Schluss dann doch eine ganze Weile überlegen: das persönliche Lieblingsstück aus 40.000 Artikeln? „Mein Lieblingsartikel ändert sich eigentlich jede Woche“, gibt sie mit einem breiten Lächeln zu und beginnt, die langen Regale abzusuchen. Eines ihrer Lieblingsteile sei wohl definitiv der Marathon Trainer von 1978 – einer der letzten Schuhe, an denen Adi Dassler selbst gearbeitet hat.
Dann zieht Trapp noch einen anderen Karton aus dem Regal und zeigt einen blauen Low Profile Stiefel. „Ein Schuh, den ich sehr, sehr gerne mag, ist ein Motorsportschuh aus den 1980er-Jahren.“ Doch bei all der Vielfalt könnte das Lieblingsteil schon morgen ein anderes sein.



































