Er rauchte wie ein Schlot, er war Patriarch, er war ein Genie: Fragt man Helmut Fischer, lautet so in etwa die Beschreibung von Rudolf Dassler. Fischer erzählt von Weltrekorden, von schicksalhaften Begegnungen, von glorreichen Ideen der Dasslers. Er war mit Rudi Völler frühstücken, hat Diego Maradona kennengelernt und ist um die Welt gereist. Er kennt Geschichten aus rund einem Jahrhundert Puma. Nur von sich selbst spricht er auffallend wenig – dabei gäbe es ohne ihn kein Archiv.
Über 5000 Puma-Schuhe in der Sammlung
Dass es ein solches einmal geben werde, habe er sich vor zehn Jahren nicht vorstellen können. „Ich habe auf meinem Dachboden angefangen, bis der voll war“, erzählt Fischer und blickt die Regale voller Schuhkartons entlang. „Dann habe ich eine Garage gemietet, bis die voll war. Dann haben wir von Puma aus zwei oder drei große Omnibusgaragen gemietet, da habe ich meine Garage aufgelöst und die Schuhe da reingestellt. Da war ich bei rund 5000 Schuhen. Das war ungefähr 2005.“
Wie in einer Rumpelkammer sei das damals gewesen. Jetzt herrscht Struktur in dem großen Kellerraum des Firmensitzes. „Wir nehmen jeden Schuh auf, er wird gefilmt, es werden 3D-Aufnahmen gemacht. Die Idee ist, dass sich jeder Mitarbeiter die Produkte anschauen kann. Und man sieht ja auch, dass Modelle aus den 70er und 80er Jahren wieder in sind, die Inspirationen dafür kommen aus unserem Archiv.“ Einige der bedeutendsten Stücke sind auch auf der Puma Brücke, die in Herzogenaurach so prominent über dem Hans-Ort-Ring thront, ausgestellt.
Wenn er von „seinem“ Archiv spricht, sieht man Fischer die Begeisterung an. Er holt einzelne Kartons aus den Regalen, zeigt hier auf einen signierten Ball, streift dort mit den Fingern an einem Kleidungsstück entlang: Der Raum birgt unendlich viel Geschichte. Und Helmut Fischer kennt sie wie sonst keiner.
Puma vor Adidas
„Zusammen mit Sepp Herberger hatte Rudolf 1950 die glorreiche Idee, einen Schraubstollenschuh zu machen. Das war der 'Atom' und die Steigerung davon war 1952 der 'Super Atom'. Das waren seine besten Schuhe. Lange vor Adidas hat Puma schon Schraubstollenschuhe gehabt und produziert, das konnte ich nachweisen“, erzählt er zum Beispiel mit einem etwas stolzen Schmunzeln.
Vor einer kleinen Vitrine auf der Puma Bridge bleibt er stehen, und erzählt, wie das ikonische Logo entstanden ist – der Puma mitten im Sprung: „1968 hat Rudolf einen Nürnberger Grafiker beauftragt, Lutz Backes. In meinem Ordner steht: ‚Geh in den Tiergarten, schau, ob du einen Puma siehst. Zeichne den Puma und wenn er mir gefällt, kriegst du 600 Mark oder einen Pfennig pro verkauftem Artikel‘. Er hat sich für die 600 Mark entschieden, sonst wäre er Millionär geworden.“
Aber Fischer kennt nicht nur die Geschichten über die Dassler Brüder. In seinen 40 Jahren bei Puma hat er auch Legenden der Sportgeschichte getroffen, ist mit einigen von ihnen bis heute befreundet. Er deutet auf einen Schuh in einer weiteren Vitrine, darin ein Namensschildchen: Michael Schuhmacher. „Eine traurige Geschichte“, setzt er an. „14 Tage vor seinem Unfall war Michael Schuhmacher noch bei mir. Er hat mir diesen Schuh hier mitgebracht, mit den Worten: ‚Helmut, das ist mein letzter Ferrari-Schuh, heb ihn auf, bei dir ist er besser aufgehoben.‘“
Bewunderung für Tommie Smith
Bei all den Menschen, die Fischer über die Jahre kennengelernt hat, ist eine Person ihm besonders in Erinnerung geblieben. Er deutet auf ein Plakat. In schwarz-weiß ist eine berühmte Szene eingefangen und auf Papier gebannt.
„Dann kam 1968, eines der Schicksalsjahre“, erzählt Fischer. „Die beiden Afroamerikaner Tommie Smith und John Carlos haben bei der Siegerehrung gegen den Rassismus in den USA demonstriert. Sie haben ihre Puma-Schuhe ausgezogen, haben ihre Jacken aufgemacht, hatten sich eine Kette umgehängt und haben die schwarze Faust gereckt. Das ist ihnen zum Verhängnis geworden. Smith war erst vor kurzem hier in Herzogenaurach und er sagt, er würde es immer wieder tun. Er ist für mich einer der größten Sportler, die Puma je hatte. Wenn jemand so viel Respekt und so viel Mut hat, für seine Überzeugung einzutreten, da kann man nur glücklich sein, wenn jemand wie er Puma trägt. Er war für mich mein ganzes Leben lang das Highlight. So viel Charakter ist für mich unvorstellbar.“
Nach dem Höhepunkt bei Puma gefragt, muss er ein wenig überlegen. „Höhepunkt war die Siegesfeier mit Boris Becker in Leimen 1985“, sagt er dann. „Ich habe Boris 84 kennengelernt und kenne ihn bis heute sehr gut. Diese Euphorie und der Tennisboom, den Boris in Deutschland ausgelöst hat, von dem Puma und alle anderen profitiert haben, waren einzigartig. Und das kam von einem Menschen, der 17 Jahre alt war.“
Fischer: Rudolf und Adolf Dassler waren „nie Feinde“
Auch vom Leben in der Stadt zwischen Dassler und Dassler kann er als gebürtiger Herzogenauracher berichten. „Die Stadt war zweigeteilt, das ist so. Das hat aber eigentlich keiner gemerkt. Warst du 'Pumeraner', dann bist du zu deiner Puma-Werkstatt, zu deinem Puma-Bäcker, zu deiner Puma-Tankstelle gegangen.“ Doch von dem, was über die Dasslers erzählt wird, stimme einiges nicht. „Alles, was über Rudolf und Adolf geschrieben wurde, haben Leute geschrieben, die sie nicht persönlich gekannt haben. Sonst hätten sie gewusst, dass es niemals eine Feindschaft gegeben hat. Sie waren Konkurrenten. Rudolf Dassler hat 1967 nochmal gesagt: 'Wir sind keine Feinde.'“, betont Fischer.
Die Firma sei sein Leben, sagt Fischer. Ans Aufhören denkt er auch mit 75 noch lange nicht. „Ich habe so viele kennengelernt, Fußballer, Leichtathleten, und zu guter Letzt habe ich immer gemerkt: Das sind Menschen wie du und ich. Sie haben vielleicht eine Autogrammkarte, was ich nicht habe, aber sie sind wie du und ich. Das habe ich aus den 47 Jahren gelernt: Ich habe vor jedem Achtung, aber mir zittern vor keinem die Knie“, erklärt er. „Sie sind alle gleich. Sie sind Stars, die ganz oben und ganz unten sein können und ich habe sie begleitet.“
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