Vor 150 Jahren gründete Louis Berneis seine Schuhfabrik. Die Berneisstraße führt seit 1984 durch Herzogenaurach-Lohhof. Sie erinnert an den umtriebigen und fürsorglichen Unternehmer Louis Berneis, der 1889 eine Zweigniederlassung seiner „Schuhfabrik B. Berneis“ in Herzogenaurach eröffnet hatte. In Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste wurde Louis Berneis im Jahr 1907 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Herzogenaurach verliehen.
Schuhfabrik Berneis: Wie ein Herzogenauracher zur Legende wurde
Im Fürther Stammhaus begann die Unternehmensgeschichte bereits im Jahr 1875. Offizieller Gründungstag des Unternehmens war der 11. Juni 1875. Die kleine Fabrik wurde von den beiden Brüdern Louis Berneis und Albert Berneis in Fürth ins Leben gerufen. Sie firmierte unter dem Namen des bereits verstorbenen Vaters Bärmann Berneis „B. Berneis“, der in der Kleeblatt-Stadt die renommierte „Kurz- und Manufakturwarenhandlung en gros et en détail B. Berneis“ geführt hatte, und der mittlerweile seine Witwe und ihre Söhne vorstanden.
Louis Berneis: Erfolg mit Filzschuhen
Die anfänglich kleine Filzschuhfabrikation expandierte im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens merklich und errang in fast allen Ländern Europas Bedeutung. Die Filzschuhe wurden zunächst im elterlichen Betrieb und von Heimarbeitern aus Fürth und Umgebung gefertigt, ehe ein eigenes, dreistöckiges Fabrikgebäude mit Schuhmacherwerkstatt und Lagerraum in Fürth errichtet werden konnte.
1882 wurden zudem Sommer- und Lederartikel ins Sortiment aufgenommen. Berneis investierte in moderne Maschinen und ließ ganz Europa von seinen Handelsvertretern bereisen, die erfolgreich Aufträge nach Fürth mitbrachten.
Erweiterungen der Fabrikation wurden daher bald notwendig, sodass 1889 in Herzogenaurach und in Mering (bei Augsburg) Filialbetriebe entstanden. In Herzogenaurach richtete sich Louis Berneis zunächst in einer ehemaligen Spinnerei in der Würzburger Straße ein. Das Betriebsgebäude wurde um ein weiteres Stockwerk erhöht und um ein Kesselhaus für die Dampf- und Energieerzeugung erweitert. An der Aurach wurden so zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen.
Schuhfabrik Berneis: Fusion und Wachstum in Herzogenaurach
Am 21. Februar 1890 meldete der für Herzogenaurach zuständige Fabrikdirektor Johann Zolleis, dass die mechanische Schuhfabrik seit 1. Januar 1890 mit 56 männlichen und 48 weiblichen Gehilfen offiziell in Betrieb gegangen sei. Der für Herzogenauracher Verhältnisse relativ große neue Fabrikbetrieb löste nach wenigen Monaten sogar einen regelrechten Gründerboom vor Ort aus. Es entstanden um die Schuhproduktion herum weitere kleinere Handwerksbetriebe und Zulieferbetriebe für die Schuhbranche.
Nachdem es im Jahr 1892 zu einer dramatischen Brandkatastrophe im Fürther Fabrikgebäude in der Gebhardtstraße gekommen war, entschloss sich die Firmenleitung dazu, den Fürther Produktionsstandort zugunsten der Filialen aufzugeben und auf den ebenso innovativen Nürnberger Mitbewerber Max Brust zuzugehen. Tatsächlich gelang das Meisterstück: Die beiden Betriebe fusionierten am 15. Oktober 1892 zur Kapitalgesellschaft „Vereinigte Fränkische Schuhfabriken vorm. Max Brust vorm. B. Berneis AG“ mit Sitz in Nürnberg. Die Leitung verblieb in den Händen der Vorbesitzer.
Über Nacht zur „größten Filzschuh-Fabrik der Welt“
Die neu gegründete Aktiengesellschaft avancierte gleichsam über Nacht zur „größten Filzschuh-Fabrik der Welt“, wie es in einer Selbstdarstellung hieß. 9000 bis 10.000 Paar Schuhe in einem breit aufgestellten Sortiment wurden täglich von rund 1600 Beschäftigten fertiggestellt. Dabei entfielen rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Fabrik in Herzogenaurach, und auch etliche Heimarbeiter waren damals an der Aurach beheimatet.
Wie viele Geschäftsleute jüdischen Glaubens trug auch Louis Berneis zum Wohl der Allgemeinheit bei. Er wurde zum Wohltäter für die Armen: Regelmäßig bedachte er mit einer Neujahrsspende die Bedürftigen der Aurachstadt. Zeit seines Lebens kennzeichnete sein Wesen eine ausgeprägte soziale Ader. Auf wirtschaftlichem Gebiet waren seine Verdienste um Herzogenaurach enorm, blieb seine Fabrik, liebevoll „die Fränkische“ genannt, doch über Jahrzehnte der mit Abstand größte Betrieb am Ort.
Wiederaufbau und Weiterentwicklung
Im Jahr 1901 wäre es damit beinahe zu Ende gewesen, denn am 4. Mai 1901 kam es in der Herzogenauracher Fabrik zu einer Brandkatastrophe. Trotz raschen Einschreitens der Feuerwehren aus Herzogenaurach und Umgebung brannten die Fabrikgebäude nieder. Einige Tage später schalteten die „Vereinigten Fränkischen Schuhfabriken Nürnberg“ eine Danksagung, die sich an die beteiligten Helfer richtete.
Der wichtigste Satz für die Stadt Herzogenaurach und ihre Bevölkerung war ganz am Ende des Artikels zu lesen: „Wir werden... unsererseits alles aufbieten, den Arbeitern raschest wieder volle Beschäftigung zu schaffen und den Wiederaufbau der Fabriken thunlich zu beschleunigen.“ Die Herzogenauracherinnen und Herzogenauracher konnten aufatmen. Am Standort Herzogenaurach würde es weitergehen. Binnen weniger Monate waren die Werksanlagen wieder aufgebaut und die Produktion konnte bereits während der Bauphase in einem Nachbargebäude in Betrieb gehen.
In den folgenden Jahren kam es zu mehreren Betriebserweiterungen in Herzogenaurach. Berneis hielt am Standort Herzogenaurach eisern fest und trat für diesen vehement ein. Er setzte sich für eine Eisenbahnverbindung nach Herzogenaurach ein, spendete für die Liebfrauenhauskirche und wirkte weiterhin im sozialen Bereich. „In Würdigung seiner außerordentlichen Verdienste um hiesige Stadt“ verliehen ihm daher die beiden Kollegien der Stadt am 7. Dezember 1907 einstimmig das Ehrenbürgerrecht.
Bernies Vermächtnis
Nach dem Ersten Weltkrieg und den Entbehrungen der Kriegszeit konnte erst um 1920 die Vorkriegsproduktion in der Schuhindustrie wieder einigermaßen erreicht werden. Um die Nachwirkungen der Rückschläge aus der Zeit der Zwangswirtschaft während des Krieges abzumildern, kam es 1920 zur Fusion der Vereinigten Fränkischen Schuhfabriken mit der „August Wessels Schuhfabrik AG“ in Augsburg. In Nürnberg war die alte Fabrik am Aufseßplatz unterdessen zu klein geworden.
Unter dem neuen Namen „Vereinigte Schuhfabriken Berneis-Wessels“ begann der Neubau einer neuen Firmenzentrale mit größeren Fabrikgebäuden, die auf über 30.000 Quadratmetern Grundfläche an der Ulmenstraße 52 entstanden. Nach schwierigen Krisenjahren zwischen 1923 und 1925 gelang eine abermalige Erholung, und die Schuhfabriken Wessels-Berneis rangierten 1928 mit 1900 Beschäftigten an den Standorten Nürnberg, Augsburg und Herzogenaurach auf Platz vier der größten deutschen Schuhunternehmer.
Nachklang in Herzogenaurach
Bereits 1925 – im Jahr des 50-jährigen Bestehens – hatte sich Louis Berneis aus der Geschäftsführung zurückgezogen. Er wollte im Ruhestand lediglich im Aufsichtsrat weiterwirken. Die schwierigen Jahre infolge der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er-Jahre, der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, die Stilllegung des Herzogenauracher Betriebs, die „Arisierung“ seines Unternehmens und die Verbrechen und Morde an den Juden Europas, einschließlich an vielen seiner Verwandten, blieben Louis Berneis erspart.
Er verstarb am 25. Mai 1930 in Nürnberg. An der Beerdigung von Louis Berneis am 27. Mai 1930 auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Nürnberg nahm eine hochrangige Delegation aus Herzogenaurach teil, darunter Bürgermeister Weiß und Verwaltungsinspektor Schürr. Sie erwiesen dem „Begründer der hiesigen Schuhindustrie“ damit die letzte Ehre, wie es im offiziellen Nachruf der Stadt Herzogenaurach hieß.

















