Zwölf Jahre lang war Eberhard Irlinger (SPD) Landrat im Landkreis Erlangen-Höchstadt. Heute lebt Irlinger in Erlangen und feiert am 28. Juli seinen 80. Geburtstag. Im Gespräch mit fraenkischertag.de blickt Irlinger auf seine politische Karriere zurück und erklärt, wie er die aktuelle Lage des Landkreises wahrnimmt.
Herr Irlinger, Sie sind schon seit einigen Jahren nicht mehr politisch aktiv. Wenn Sie heute auf Ihre zwölf Jahre als Landrat zurückblicken – was bleibt davon?
Eberhard Irlinger: Für mich ganz persönlich ist hängengeblieben, dass es eine wunderbare Zeit war. Ich habe 1970 begonnen, politisch aktiv zu sein und mir vorgestellt, zu gestalten und für die Menschen ganz persönlich was zu tun. Und das ist hier in einem überschaubaren Umfeld in einem Landkreis mit damals 130.000 Einwohnern geschehen. Ich hatte ein umfassendes Aktionsfeld und habe viel erreicht. Ich war wahnsinnig gerne bei den Menschen und ich denke, sie haben das gespürt.
Apropos, erreicht: Worauf sind Sie rückblickend stolz?
Wir haben beispielsweise sehr viel in Schulen investiert. Das macht mein Nachfolger jetzt auch ganz hervorragend. Bildung ist eine sehr wichtige Grundlage für die Entwicklung der Menschen. Außerdem bedeutet es für die einzelnen Menschen immer Chancen. Zusammenfassend kann ich sagen, dass wir auf allen kommunalpolitischen Feldern so zusammengearbeitet haben, dass die Entwicklung für die Zukunft gesichert war. Ich denke, das ist als Politiker wichtig. Politik muss heißen, dass es den Menschen danach besser geht als vorher.
Das Thema Bildung scheint Ihnen persönlich sehr am Herzen zu liegen.
Das ist richtig. Ich war vorher im Landtag, da war ich Vorsitzender des Bildungsausschusses. Ich habe immer mit Monika Hohlmeier um die richtige Bildungspolitik gestritten. Aber als SPD wurde man dort damals nicht gehört. Das war für mich ein Grund, Landrat zu werden, um auch etwas umsetzen zu können.
Was waren denn die schwierigen Momente, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?
Schwierig war es 2007, das jährt sich fast auf den Tag, als wir den Sturzregen in Baiersdorf hatten. Wir haben den Katastrophenfall ausgerufen. Heute lächelt man darüber, aber damals haben wir nachts eine Nachricht bekommen, dass wir Boote brauchen. Für die Autobahn – weil dort das Wasser stand und die Leute auf den Dächern ihrer Autos warteten.
Dann hatten wir als erster Landkreis in Bayern die Vogelgrippe. Da mussten wir bei der Firma Wichmann ein paar hunderttausend Tiere keulen. Das sind Dinge, die sind nicht einfach zu bewältigen. Aber es musste sein, die Vorschriften waren so.
Eines Ihrer Ziele während Ihrer Amtszeit war es, den Landkreis, der durch die Gebietsreform zusammengeführt wurde, zu vereinen. Denken Sie nach heutigem Stand, dass der Landkreis inzwischen zusammengewachsen ist?
Das ist weniger greifbare Politik, aber mir lag das Wir-Gefühl immer sehr am Herzen. Mit Aktionen wie „Der Landkreis tanzt“ wollte ich zeigen, dass wir ein Landkreis sind. Ich bin heute nicht mehr so nah an der Tagespolitik dran, mein Gefühl sagt aber, dass von Eckental bis Vestenbergsgreuth doch ein gewisses Einheitsgefühl da ist. Natürlich kennt nicht jeder Eckentaler das Dorf Vestenbergsgreuth oder andersherum, das ist logisch. Aber entscheidend sind auch die Institutionen, die Vereine, wo die Menschen zusammenkommen. Und ich denke gerade bei den vielen Vereinen, wie den Feuerwehren, Sport- und Kulturvereinen, sind wir zusammengewachsen.
Sie sprechen immer wieder von den Menschen. Ist das etwas, das Sie in ihrer politischen Laufbahn sehr interessiert hat – die Menschen, die Hintergründe?
Da sprechen Sie etwas an, was genau der Punkt ist. Das war mein Leben, mit den Menschen zu reden. Die Leute haben gespürt, dass ich gerne unter Leuten und für sie da war. Man hatte ja meist um die 50 Termine die Woche. Ich denke, so ein Amt geht nur bei den Menschen und mit den Menschen.
50 Termine – das klingt fordernd.
Es war anstrengend. Man hatte eine 100-Stunden-Woche. Aber so habe ich das Amt damals verstanden. Man muss aber sagen, dass das der Gesundheit vielleicht schon auch geschadet hat, auch wenn ich das nicht belegen kann.
Bereuen Sie es dann heute, sich so eingesetzt zu haben?
Überhaupt nicht. Ich hatte drei Berufe. Grundschullehrer – wunderbar. Ich wäre sofort gerne wieder Lehrer gewesen, wenn es mit der Politik nichts mehr geworden wäre. Landtagsabgeordneter, auch das war wunderbar. Das Amt des Landrats war das i-Tüpfelchen. Ich habe das wahnsinnig gerne gemacht.
Ein Thema aus Ihrer Amtszeit, das auch heute noch hochaktuell ist, ist die Stadt-Umland-Bahn. Wie stehen Sie heute zu dem Projekt?
Mitte der 1980er Jahre hat ein Student das allererste Konzept für diese Stadt-Umland-Bahn gemacht. Da war ich dafür, weil es eine Art Fünf-Finger-System durch den Landkreis war. Später, als ich Landrat war, wurde das immer mehr gekürzt. Ich war radikal dagegen, das bin ich auch heute noch. Ich sage, die Kosten werden unterschätzt. Außerdem bringt die Bahn den wenigsten Erlangern etwas. Dazu muss man sagen, dass keiner die Nachfolgekosten beachtet, die Instandhaltungskosten, da wird nichts mehr gefördert. Erlangen ist finanziell angeschlagen und muss viele wichtige Ausgaben und Investitionen zurückstellen. Mich ärgert auch, dass wir bei dem Bürgerentscheid nicht vollumfänglich informiert waren, denn meiner Meinung nach hätte das Dilemma mit den Steuerausfällen bereits zu einem früheren Zeitpunkt absehbar gewesen sein müssen.
Die wirtschaftlichen Probleme betreffen ja nicht Erlangen allein. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage des Landkreises ein?
Dem Landkreis geht es trotz der Krisen immer noch gut. Mein Nachfolger macht sehr gute Arbeit und setzt sehr viel auf Bildungsangebote. Das ist ein Vorteil gegenüber größeren Städten, unsere Schulen sind alle in bester Ordnung. Wir sind nach wie vor einer der wirtschaftsstärksten Landkreise in Deutschland, das ist unbestritten. Wir haben infrastrukturell alles, wir haben gute Unternehmen im Landkreis. Natürlich müssen die ein oder anderen jetzt kämpfen, ob das die Zölle sind oder die Entwicklungen in der Automobilindustrie. Aber ich gehe davon aus, dass sich alle wieder erholen und rechtzeitig transformieren. Ich wüsste nicht, wo der Landkreis nicht gut dastehen würde, auch im Vergleich zu anderen Landkreisen.
Sie sind zwischenzeitlich aus der SPD ausgetreten, inzwischen wieder Mitglied. Wie bewerten Sie die Lage der Partei bundesweit?
Ich denke, sie haben bestimmte Werte, für die wir als SPD eingetreten sind, liegengelassen. In der Migrationspolitik zum Beispiel. Wir machen da oben Dobrindt'sche Migrationspolitik, die der AfD nachläuft und das finde ich nicht in Ordnung. In anderen Bereichen hat man viel versprochen, was man nicht gehalten hat, zum Beispiel beim Thema Wohnen. Dann hat die SPD den Klimaschutz völlig liegengelassen. Das ist für die Partei anscheinend gar kein Thema mehr. Nur das als Beispiele, wieso mich viele Leute ansprechen und sagen, dass sie nicht mehr wissen, wieso sie die SPD noch wählen sollten. Und ich muss den Leuten manchmal recht geben – das Profil fehlt. Die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, die immer größer werdende Armut, das wird alles so laufen gelassen. Wir waren immer Partei der Gerechtigkeit, aber dann muss man auch mal sagen, dass Gerechtigkeit anders aussieht als das, was sich jetzt entwickelt.
Was hat das Ihrer Meinung nach für Auswirkungen?
Scholz hat viel gemacht, auch nicht nur Schlechtes. Aber ich denke, es gehört zum politischen Handwerk, die Leute mitzunehmen und ihnen Dinge zu erklären. Das machen wir nicht mehr und das führt zu viel Verdrossenheit. Deswegen rennen die Leute zur AfD, das darf nicht sein. Ich habe immer gesagt, die Leute sind wie Erstklässler. Das ist nicht despektierlich gemeint, aber wer ist schon so tief drin in politischen Themen? Also muss ich es so erklären, dass auch ein Erstklässler es versteht.
In knapp zwei Wochen feiern Sie ihren 80. Geburtstag. Was würden Sie sich für die kommenden Jahre wünschen – sowohl politisch als auch privat?
Für mich persönlich ist der größte Wunsch eine stabilere Gesundheit, weil ich noch viel am Leben teilhaben will. Ansonsten würde ich mir wünschen, dass wir endlich ein Rezept gegen die Autokraten, den Rechtsextremismus, gegen den Trumpismus, der verborgener Faschismus ist, finden. Da ist jeder einzelne gefordert, in Zivilcourage. Die Menschenwürde ist unantastbar. Es darf nicht sein, dass man Kinder in Gaza vernichtet, weil man sagt, man führt einen Krieg gegen Terroristen. Es darf nicht sein, dass Putin ganz Europa bedroht. 800 Millionen Hungernde werden nicht beachtet, obwohl jeder Mensch ernährt werden könnte, wenn nicht die Großkonzerne alles in der Hand hätten. Die Liste lässt sich fortsetzen. Ich finde, wir müssen die Gleichgültigkeit überwinden. Jeder Mensch muss Courage zeigen und für die Freiheit kämpfen. Freiheit in der Demokratie heißt auch, Verantwortung zu übernehmen.
Eberhard Irlinger wurde 1945 in Regensburg geboren. Sein Lehramtsstudium absolvierte er in München, wo er zunächst auch als Lehrer arbeitete. Seine letzte Station als Lehrer war in Höchstadt an der Aisch. 1990 zog Irlinger in den Bayerischen Landtag ein. Von 2002 bis 2014 war er Landrat für den Landkreis Erlangen-Höchstadt.















