Wie kann ich mich informieren, ohne, dass ich mich runterziehen lasse?
Die Dosis macht das Gift. Wenn man es übertreibt und permanent Horrormeldungen verfolgt, ist das ein Problem. Die zweite Frage ist, wann man Nachrichten konsumiert. Wenn man sensibel ist, würde ich nicht empfehlen, sich kurz vor dem Einschlafen noch den Horror reinzuziehen.
Mein Vorschlag wäre, dass man sich bewusst Zeiten nimmt, wo die eigene Gesundheit so ist, dass man das entsprechend verarbeiten kann, dass man mit anderen Leuten die Sachen besprechen kann und die Nachrichten reflektieren kann. Außerdem ist es sinnvoll, verschiedene Medien zu vergleichen.
Also lieber gezielt informieren anstatt konstanter Nachrichtenflut?
Genau. Dass man in so einen Dauer-Scroll-Modus kommt, das ist menschlich nachvollziehbar. Natürlich will man mehr wissen, aber wie bei anderen Dingen ist es sinnvoll, eine Struktur in den Tag zu bringen. Die Tagesschau war – zumindest bin ich so sozialisiert worden – immer ein Ritual. Das hat sich inzwischen etwas geändert, aber vom Grundsatz her ist es nicht schlecht, wenn man sich Nachrichteninseln im Laufe des Tages schafft.
Das zweite ist, welche Kanäle man nutzt. Da würde ich empfehlen, seriöse Medien zu nehmen, wo man nicht direkt mit dem Horror konfrontiert wird. Nach dem Anschlag in Moskau war ich sehr überrascht, dass die Bilder von den gefolterten möglichen Straftätern teilweise im privatkommerziellen Fernsehen gezeigt wurden. Bei den Öffentlich-Rechtlichen waren die Gesichter dagegen verpixelt, zum Schutz. Deshalb ist es wichtig, dass man sich mit den Kanälen, versorgt, wo man sicher sein kann, dass die Redaktion sich Gedanken macht, wie berichtet wird.
In den sozialen Medien begegnen einem ungefiltert Inhalte. Welche Folgen hat das?
Im Netz finden sie alles, Hinrichtungsvideos, alle Formen menschlicher Brutalität in Wort und Bild. Da gibt es den Zugang für Kinder und Jugendliche, alles zu bekommen. Das kann ein regelrechter Sport werden, sich immer noch brutalere Bilder anzukucken.
Wie können Kinder und Jugendliche geschützt werden?
Natürlich müssen Kinder und Jugendliche mit Handys groß werden. Aber in welchen Bereichen sollten die zugelassen werden? Wie kann man mit einer vernünftigen Medienerziehung dieser Problematik Herr werden? Es gibt viele Ansätze, die heftig diskutiert werden, aber im Grund genommen gibt es eine große Hilflosigkeit. Man kann und will Kindern und Jugendlichen nicht alles verbieten.
Wie kann man Kindern und Jugendlichen bei einem gesunden Umgang mit Nachrichten helfen?
Eltern sind Vorbilder. Zu sagen, wir schaffen beispielsweise das Handy beim Abendessen ab und sprechen über persönliche Dinge, aber auch über Medienereignisse, kann helfen.
Auf der anderen Seite sollten Eltern, aber auch Kindergarten und Schule aufzeigen, was Qualitätskriterien für eine angemessene Berichterstattung sind. Wie ist das Mediensystem in Deutschland aufgebaut? Wo sollte man seine Aufmerksamkeit investieren?
Wenn alles so negativ ist, könnte man einfach keine Nachrichten mehr konsumieren. Ist das die Lösung?
Was hinter Nachrichtenvermittlung steht, ist eine Form von Demokratie und etwas, was man Integration nennt. Das bedeutet, dass Menschen, die über freie Medien informiert sind, in die Lage versetzt werden, zum Beispiel politische Wahlentscheidungen treffen zu können. Insofern sind Medien und schlechte Nachrichten für die Demokratiebildung von höchster Bedeutung.
Zu sagen, ich konsumiere überhaupt keine Nachrichten mehr, ist die denkbar falsche Lösung. Man verdrängt permanent und ist nicht in der Lage, eine vernünftige Wahlentscheidung zu treffen oder sich zum Beispiel zu engagieren, indem man in Bürgerinitiativen oder im Umweltschutz mitarbeitet oder demonstriert.
Warum gibt es gefühlt immer nur schlechte Nachrichten?
Die klassischen Nachrichtenfaktoren sind Überraschung, Konflikt und Personalisierung. Das Ereignis, das im Grunde alle Nachrichtenfaktoren erfüllt hat, war der 11. September 2001, die Terroranschläge.
Berichte, dass jemand heil ans Ziel gekommen ist, dass Menschen sich geeinigt haben, dass es im Umweltschutz vorangeht, haben nicht so eine hohe Resonanz wie die Nachrichten, die wir kennen. Man verliert aus den Augen, wie viel Glück wir in Deutschland haben.
Wir leben in einer Demokratie, in der Regel muss niemand hungern und wir können unsere Meinung frei äußern. Sich zu vergegenwärtigen – auch mit Blick auf das Elend in der Welt – welches Glück man hat, das hilft ein Stück weit. Ich will nichts verherrlichen. Ich bin als bayerischer Beamter besonders privilegiert. Ich habe eine Versorgungssicherheit, die viele nicht haben. Natürlich haben viele Angst vor Arbeitsplatzverlust, vor Wohlstandsverlust.
Was kann ich tun, wenn mich negative Nachrichten im Alltag stark belasten?
Sich mit anderen austauschen und vielleicht auch reflektieren, dass die allermeisten Nachrichten uns nicht direkt betreffen. Wenn wir beispielsweise, auch wenn die Ukraine nicht so weit weg ist, die Berichte sehen, ist es trotzdem so, dass die Berichterstattung nichts mit unserer eigenen Lebenswelt zu tun hat, zumindest nicht unmittelbar. Wir leben nicht im Krieg. Negative Nachrichten sind zudem oft mit einer Hilflosigkeit verbunden. Selbst aktiv werden kann helfen, zum Beispiel in dem man sich in der Geflüchtetenhilfe engagiert.
Gute Nachrichten und Menschen, die inspirieren:













