Immer mehr Horste
Störche fühlen sich pudelwohl
Blick durchs vergitterte Fenster des Vehnturms in Herzogenaurach: Die Dächer der Altstadt sind ein beliebter Brutplatz. Wie viele Störche finden Sie?
Blick durchs vergitterte Fenster des Vehnturms in Herzogenaurach: Die Dächer der Altstadt sind ein beliebter Brutplatz. Wie viele Störche finden Sie?
Foto: Bernhard Panzer
Herzogenaurach – Störche gibt es in Bayern immer mehr – auch in Uehlfeld und Herzogenaurach. Was sagen Bauern, Teichwirte und Naturschützer dazu?

Sie werden immer mehr: Die Zahl der Storchenhorste in der Stadt hat sich in den vergangenen beiden Jahren verdoppelt. 20 besetzte Nester zählt der Herzogenauracher Fotograf Heinz Czellnik derzeit auf den Dächern der Altstadt, 2020 waren es noch zehn. Und selbst das hatte viele Menschen schon glücklich gemacht.

Entzückt reagiert auch Monika Preinl auf die wachsende Zahl an Störchen. Lässt sich mit den ebenso schmucken wie stolzen und überaus beliebten Großvögeln doch gut werben: Herzogenaurach, das Zentrum von Technologie und Sport – und nun auch die Stadt der Störche.

Die Brutzeit hat jetzt begonnen. „Ich bin sehr gespannt, wie sich das in den kommenden Wochen entwickelt“, sagt die Umweltbeauftragte im Rathaus. Schon bei drei Jungtieren pro Gelege wäre das Hundert voll. Aber auch vier oder fünf Küken sind möglich – da kündigt sich ein Himmel voller Störche an.

Herzogenaurach liegt da voll im Trend. In ganz Bayern steigen die Zahlen enorm an, berichtet Oda Wieding vom Landesbund für Vogelschutz (LBV). Im vergangenen Jahr sind 947 Storchenpaare gezählt worden, heuer wird die Tausender-Marke wohl geknackt. In Mittelfranken ist die Zahl allein von 2020 auf 2021 um deutlich mehr als hundert Tiere angestiegen: 331 Paare wurden im letzten Jahr gezählt, gegenüber 268 im Vorjahr. Kein Vergleich also mit der Zeit, als der Storch in Bayern sogar auszusterben drohte. 1988 gab es laut der LBV-Storchenexpertin gerade mal 58 Paare in ganz Bayern.

Das kriegen jetzt schon Herzogenaurach und Uehlfeld zusammen. Der 3000-Seelen-Markt an der Aisch hat allein 45 besetzte Storchennester – noch einmal ein deutlicher Zuwachs gegenüber dem letzten Jahr (35). Damit dürfte der kleine Ort auch Spitzenreiter in ganz Deutschland sein, wie die Tourismusbeauftragte Claudia Förster feststellt. Einmal hatte ein Dorf in Norddeutschland über fünfzig, ergänzt sie. Aber das war einmal.

Uehlfeld ist das Storchenmekka.
Uehlfeld ist das Storchenmekka.
Foto: Helmut Praus

Wenn die Population der Tiere so steil ansteigt, dann hat das freilich Auswirkungen auf die Umwelt. Ein ausgewachsener Storch benötigt etwa 500 bis 700 Gramm Nahrung pro Tag, das entspricht ungefähr 16 Mäusen oder 500 bis 700 Regenwürmern. Kommt es also zum Futterkrieg unter den Störchen? Oda Wieding verneint das. Selbst bei einer weiter ansteigenden Population sollte es keinen Futtermangel geben, denn der Radius der Tiere sei größer als zunächst angenommen. Früher glaubte man, die Störche würden nur im engeren Umkreis auf Futtersuche gehen. Doch die Strecken reichen laut Wieding bis zu 20 Kilometer. Beliebt seien auch große Kompostierungsanlagen. Denn dort gibt’s Mäuse.

Auch LBV-Storchenexpertin Oda Wieding hat Grund zur Freude.
Auch LBV-Storchenexpertin Oda Wieding hat Grund zur Freude.
Foto: Nina Meier

Und was bedeutet Adebars Heißhunger für andere Interessensvertreter? Geradezu begeistert sind die Landwirte, wie Rudolf Groß, stellvertretender Kreisobmann beim Bayerischen Bauernverband, bestätigt. Wenn er mit dem Traktor gerade beim Mähen ist, „dann hüpfen die Störche über den Bulldog und schnappen sich die Mäuse“, erzählt er.

Freilich fressen die Störche auch kleine Fische. Ein Problem für die Teichwirte? Eher nicht, meint Walter Jakob aus Mühlhausen. Da seien die Reiher schon gefräßiger. Allerdings zieht er mit der Winterfütterung selbsternannter Storchenexperten ins Gericht. „Die kippen Fischabfälle in die Fluren, und die frisst erst mal der Reiher“, berichtet der Obmann der mittelfränkischen Teichwirte. Das hat Folgen: Die natürliche Auslese bei den Fischräubern finde nicht mehr statt und es komme zur Überpopulation. „Füttern ist völlig überflüssig“, betont auch LBV-Fachfrau Oda Wieding. Selbst im Winter gebe es für die Tiere genügend Futter: „Wo Graureiher auf Jagd gehen, werden auch die Störche satt.“

"Die futtern die jungen Kiebitze weg"

Helmut König vom Bund Naturschutz wirft ein wachsames Auge auf die Störche. Bei Futtermangel fressen sie schon mal die Küken der Kiebitze, stellt der Adelsdorfer fest. „Die werden einfach weggefuttert“. Aber auch König relativiert die Gefahr für die geschützten Wiesenbrüter. Raben, Füchse und Greifvögel seien da viel unangenehmer, weil beharrlicher.

Ab und an fangen sich die Adebars auch in den Städten skeptische Blicke ein, vor allem ihre Hinterlassenschaften. Die Herzogenauracherin Emmi Weiß hat das jüngst in einem Leserbrief zu Papier gebracht: Ob es ein städtisches Budget für Zuschüsse zur Dachreinigung gebe, wollte sie unter anderem wissen. Ein solches „gibt es natürlich nicht“, sagt die Umweltbeauftragte Monika Preinl. Es seien schließlich Wildtiere. „Was wäre dann mit Biber oder Marder? Die richten wirklich Schäden an“, sagt sie.

Die Störche  fühlen sich offenbar pudelwohl in Uehlfeld und Herzogenaurach.
Die Störche fühlen sich offenbar pudelwohl in Uehlfeld und Herzogenaurach.
Foto: Heinz Czellnik

Die allermeisten Bürger haben ihrer Meinung nach kein Problem, und wer einen Storchenhorst partout nicht möchte, dem stehe die Möglichkeit der so genannten Vergrämung offen. Das ist beispielsweise die Verbauung von Kaminen, um die Heizung zu schützen. Allerdings stehen Neststandorte unter Schutz: Wenn ein Horst erst einmal benutzt worden ist, darf er nicht entfernt werden, ergänzt LBV-Expertin Wieding. Aber es gebe Ausnahmen. Die müsse man bei der Regierung von Mittelfranken beantragen und schlüssig argumentieren.

Storchenfan hat Verständnis

Verständnis für Vergrämer hat Ulrich Wirth. Auf seinem Wohnhaus möchte er kein Nest haben, schon wegen der Heizung, aber auch wegen der Verschmutzung der Fallrohre. Er gibt auch dem Höchstadter Pfarrer Recht, wenn der – wie kürzlich berichtet – die Kirchenbesucher vor herabfallenden Zweigen schützen will. Trotzdem ist Wirth Storchenfan: Auf dem Schlot der ehemaligen Fabrik auf seinem Grundstück wird seit drei Jahren genistet. Was da an Material runterfällt, landet auf dem Dach des alten Kesselhauses, „da ist es mir egal“. Er habe dort schon Zweige von seinem alten Christbaum gefunden, den er auf dem Komposthaufen im Garten entsorgte.

Auf dem Kamin der ehemaligen Fabrik Wirth an der Schütt in Herzogenaurach brütet seit drei Jahren ein Paar. 2020 gab’s den meisten Nachwuchs.
Auf dem Kamin der ehemaligen Fabrik Wirth an der Schütt in Herzogenaurach brütet seit drei Jahren ein Paar. 2020 gab’s den meisten Nachwuchs.
Foto: Benny Schabel

Jedenfalls scheinen sich die beiden Störche, hoch droben auf ihrem luftigen Aussichtsplatz, pudelwohl zu fühlen. Drei Jahre nacheinander war die Aufzucht der Jungtiere bisher erfolgreich, und Ulrich Wirth freut sich schon auf die ersten Flugversuche des diesjährigen Nachwuchses. Warum es den Störchen an manchen Orten besonders gut gefällt, kann Oda Wieding nur erahnen. Wo bereits Störche sind, lassen sich auch unerfahrene Neulinge gern nieder, weiß die LBV-Expertin. Vielleicht ist es aber auch die schöne Altstadt mit den engen Gassen, die die Tiere lockt, scherzt Monika Preinl. Und natürlich der reichhaltige Gabentisch in den Wiesen und Auen an Aurach, Aisch und Regnitz. „Es ist schon verrückt“, antwortet jede für sich.

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