Unterhält man sich mit Özolgun Kemal, wird schnell klar, welches Thema ihn bewegt: Nachhaltigkeit. Wiederverwertung, Ressourcen schonen, Umweltschutz, darum dreht sich das Gespräch. Er brennt dafür, zitiert Studien und Wissenschaftler. Doch er gibt auch offen zu, dass das nicht immer so war.
„Ich habe einen Zeitungsartikel gelesen, wo es darum ging, dass defekte Elektrogeräte einfach plattgemacht werden, obwohl man sie noch reparieren oder Teile wiederverwenden könnte“, erzählt der Radio-Fernseh-Techniker. Seitdem habe er sich mehr und mehr mit der Thematik auseinandergesetzt. Dass Geräte immer schneller kaputtgehen, bemerkt er in seinem Berufsalltag immer wieder. „Und wenn man heutzutage Ersatzteile sucht, tut man sich unglaublich schwer, weil die Firmen kein Interesse daran haben, dass repariert wird.“
Kemal fordert anderen Umgang mit Ressourcen
Eine Entwicklung, die er nicht nachvollziehen kann. „Wir sehen ja, dass der Klimawandel stattfindet“, gibt er zu bedenken, rührt dabei nachdenklich in seinem Cappuccino. „Wir müssen endlich anders mit unseren Ressourcen umgehen.“ Das bestätigt auch eine Studie der Uni Augsburg aus dem Jahr 2017. 33.000 Elektroaltgeräte jährlich könnte man demnach allein in Bayern so wieder aufbereiten, dass sie der Umwelt nicht als Müll zulasten fallen würden.
Kemal kritisiert, dass Elektromüll oft im Ausland lande, zum Beispiel in Afrika. „Wir wollen das Problem loswerden, anstatt uns hier um eine Lösung zu bemühen. Aber das landet am Ende im Meer, es ist ein Kreislauf und kommt dann doch wieder zu uns zurück. Wir leben nun mal alle auf diesem einen Planeten“, sagt der Erlanger.
Seit 2010 setzt Kemal sich nun für eine Lösung vor Ort ein, schreibt Briefe, spricht mit Wissenschaftlern, kontaktiert Politiker. Immer wieder legt er sich dabei auch mit der Stadt an. „Es gibt einen schönen Satz von Aristoteles“, sagt Kemal. „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“
Projekt der Stadt Erlangen: „Von Privat für Privat“-Regal
Als auf dem Erlanger Wertstoffhof ein Regal aufgestellt wurde, auf dem Leute ihre Geräte abstellen und andere sie mitnehmen können, sah Kemal darin einen ersten Erfolg. Immer samstags verbrachte er einige Stunden auf dem Wertstoffhof, um dort nach wertvollen Ersatzteilen Ausschau zu halten. Mit diesen konnte er dann für seine Kunden Geräte reparieren, die ansonsten weggeschmissen worden wären. „Das hat ein halbes Jahr gut funktioniert“, erzählt Kemal.
Anfang Februar dann der Schock: Auf dem Gelände des Wertstoffhofes überreichte ihm ein Mitarbeiter einen Brief. Hausverbot. Rund fünf Zeilen, keine Befristung, keine konkrete Begründung. Zwei Wochen später dann ein weiteres Schreiben. „Auf mehrmalige Aufforderung, keine Wertstoffe aus den Containern zu nehmen, haben Sie nicht reagiert“, heißt es darin. Das Hausverbot gilt für die Wertstoffhöfe in Erlangen, Herzogenaurach und Medbach und ist bis Juli 2024 befristet.
Positive Rückmeldung von anderen Nutzern
Kemal selbst schildert die Situation anders. Er hätte keine Vorwarnung bekommen, ihm sei auch keine Beschwerde von anderen Personen zu Ohren gekommen, die vor Ort ihren Müll ablieferten. „Im Gegenteil, die Leute haben eher positiv reagiert, weil sie gemerkt haben, dass es ja im Sinne der Allgemeinheit ist, wenn wir Ressourcen schonen.“ Auch jetzt bekomme er viel positiven Zuspruch aus der Öffentlichkeit.
Zu einzelnen Fällen könne die Stadt sich aus Datenschutzgründen nicht äußern. Auf Anfrage der Redaktion rechtfertigt sie aber das Hausverbot an sich: „An einzelnen Tagen herrschte nach Schilderung von Mitarbeitenden des Wertstoffhofs fast eine Art ‚Flohmarktatmosphäre‘, in der sich Nutzer auch bedrängt fühlten, Gegenstände abzugeben. Da sich in den vergangenen Wochen auf dem Gelände entsprechende Ereignisse häuften und auch andere Nutzer des Wertstoffhofs mündlich ihren Unmut gegenüber Mitarbeitenden kundgetan haben, wurden dort gegen mehrere Personen Hausverbote verhängt.“ Dazu müsse man bedenken, dass der Wertstoffhof zugleich Müllumladestation sei und demnach ohnehin sehr wenig Platz zur Verfügung stehe.
Kemal reicht Klage gegen das Hausverbot ein
Außerdem zahle das Projekt „Von Privat für Privat“ – das offene Regal für Elektrogeräte – auf genau dieses Ziel ein. „Es gibt sogar eine Gruppe Ehrenamtlicher (gekennzeichnet durch Westen), die sich um dieses Regal kümmern, die – geordnet – Bürgerinnen und Bürger bei der Anlieferung ansprechen und unterstützen“, heißt es in der Antwort der Stadt.
Kemal hält das Projekt für fadenscheinig. In den Hausverboten gegen ihn sieht er ganz klar eine Entscheidung gegen das Allgemeinwohl, denn weniger Elektroschrott sei im Interesse aller. Zudem vermutet er eine persönliche Bestrafung, denn unter das Hausverbot fällt nicht nur das Sammeln von Ersatzteilen, sondern auch das Abladen von eigenem Müll. „Wenn ich jetzt Müll entsorgen will, muss ich sehr weit fahren“, erklärt der Erlanger.
So einfach will Kemal es der Stadt aber nicht machen. „Man will mir zeigen, wo der Hammer hängt“, sagt er schmunzelnd. „Aber ich bin Handwerker, ich weiß, wo das ganze Werkzeugsortiment hängt.“ Gegen die Maßnahme der Stadt hat der Techniker nun eine Klage eingereicht, die beim Amtsgericht Ansbach behandelt werden soll. Ein Termin dafür ist derzeit aber noch nicht angesetzt.









