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Verhärtete Fronten
StUB-Entscheidung: Wie eine ganze Region auf Erlangen schaut
Am 9. Juni entscheidet Erlangen über die Zukunft der Stadt-Umland-Bahn. Das Thema polarisiert, die Fronten scheinen verhärtet.
Am 9. Juni entscheidet Erlangen über die Zukunft der Stadt-Umland-Bahn. Das Thema polarisiert, die Fronten scheinen verhärtet. // Stephan Großmann
Erlangen – Kommt die Stadt-Umland-Bahn (StUB) zwischen Nürnberg und Herzogenaurach? Der Erlanger Bürgerentscheid am 9. Juni rückt näher. Ganz im Gegenteil zu den Befürwortern und Gegnern. Versuch einer Annäherung.

Ja. Nein. Egal.

Eine Meinung zum geplanten Bau der Stadt-Umland-Bahn (StUB) haben die meisten in der Region. Mindestens aber jene, die zum Arbeiten, Schlafen oder Einkaufen zwischen den Städten Nürnberg, Erlangen und Herzogenaurach unterwegs sind. Vor allem die Lager der Befürwortenden und die der Gegnerschaft scheinen unüberbrückbar voneinander entfernt zu liegen. Sich gar weiter voneinander zu entfernen. Normalerweise eher eine Randnotiz, wenn bei anderen Infrastrukturgroßprojekten um Detailfragen gestritten wird.

Bürgerentscheid zur Stadt-Umland-Bahn am 9. Juni in Erlangen

Nicht bei der StUB. Dort geht es in nicht einmal mehr 40 Tagen um alles. Am 9. Juni entscheiden die Erlangerinnen und Erlanger per Bürgerentscheid, ob die StUB tatsächlich umgesetzt wird oder eventuell für immer als millionenschwerer Papierstapel in den Schubladen der Planenden verschwindet.

Ja. Nein.

„Sind Sie dafür, dass die Verlängerung der Nürnberger Straßenbahn (Stadt-Umland-Bahn – StUB) durch die Erlanger Innenstadt bis zum Bahnhof und weiter nach Herzogenaurach auf Basis der vorliegenden Planungen gebaut wird?“ So lautet die Frage, mit der bald die knapp 85.000 Menschen über Wohl und Wehe des größten Straßenbahnprojektes Deutschlands abstimmen können. Gespannt schauen daher auch die Start- und Zielstädte der StUB, Nürnberg und Herzogenaurach, nach Erlangen.

Impressionen vom 15. Dialogforum Stadt-Umland-Bahn

Am 29. April fand das letzte große Dialogforum zur Stadt-Umland-Bahn (StUB) vor dem Bürgerentscheid am 9. Juni in Erlangen statt.

Befürworter und Gegner: Verhärtete Fronten?

Immer, wenn große Bauprojekte geplant werden, glauben nicht alle an den versprochenen Nutzen beziehungsweise nicht daran, dass dieser Nutzen den immensen Aufwand rechtfertigen würde. In Erlangen scheinen die Fronten gegenüber der 26 Kilometer Stadt-Umland-Bahn besonders verhärtet, scheinen Vorbehalte gegen die 19 geplanten Haltestellen zwischen Tennenlohe-Süd und Häusling besonders ausgeprägt zu sein. Doch warum ist das so?

Erlangen ist Universitätsstadt, vermarktet sich gerne als „Zukunftsstadt“. Mit der StUB, so sinnieren die Planerinnen und Visionäre, käme man besagter Zukunft ein großes Stück näher. Binde die Menschen besser an den ÖPNV an, reduziere den Autoverkehr, verschönere die Stadt, schütze das Klima.

Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) wirbt seit Monaten für die StUB.
Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) wirbt seit Monaten für die StUB. // Stephan Großmann

Viele prominente Unterstützer kolportieren diese Lesart, zuletzt hat sich gar Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wieder einmal für den Bau der StUB ausgesprochen. Auch unter anderem Universitätsleitung, die Stadtverwaltungen der drei angebundenen Städte, der Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN), der Bund Naturschutz Bayern sowie Vertreter der hier ansässigen Weltkonzerne wie Schaeffler, Siemens und Adidas sprechen sich für die neue Straßenbahnlinie aus. Laut Analyse liege der Nutzen der StUB doppelt so hoch wie Kosten. 

Also eindeutig Ja oder?

Heimaterhalten: StUB überzeugt Gegner nicht

Nein. Weniger prominent besetzt, dafür aber hartnäckig öffentlichkeitswirksam formieren sich die Gegner der Stadt-Umland-Bahn. Etwa jüngst die Kreishandwerkerschaft Erlangen. Oder die Erlanger CSU, die sich mit ihrem Nein zur StUB der herrschenden Meinung sogar ihrer Parteizentrale widersetzt.

Oder Peter Rath.

Der Rechtsanwalt ist zweiter Vorsitzender des Vereins Heimaterhalten, versucht mit seinen Mitstreitenden die Menschen zu überzeugen, das Projekt an der Wahlurne zu kippen. Infostände, Sommerfeste, Flyer, Plakate, Social Media – Rath und Kollegen sind omnipräsent.

Es geht – auf beiden Seiten, wie beide Seiten jeweils anmerken – nicht mehr nur um eine nüchterne Diskussion um das beste Argument.

Dabei gäbe es davon genügend Sachthemen, die bereits ausgiebig diskutiert und geprüft worden sind:

Zu teuer das Gesamtprojekt, sagen die Gegner. Solide durch 90 Prozent staatliche Fördergelder finanziert, antworten die Planer.

Statt die Umwelt zu schonen, greife die StUB „massiv in die Natur ein“, monieren die Gegner. Geringe Eingriffe und eine Amortisation der Bauemissionen bereits nach unter zehn Jahren, entgegnen die Planer.

Die Innenstadt Erlangens werde leiden, sagen die Gegner. Besserer ÖPNV belebe sie sogar, entgegnen die Planer.

Und. Und. Und.

StUB bereits seit den 1990er-Jahren im Gespräch

Fragen. Antworten. Neue Fragen. Der Zweckverband Stadt-Umland-Bahn versucht alles, um die Informationen so detailliert wie möglich offenzulegen, bestmöglich zu erklären, mögliche Missverständnisse auszuräumen. Objektive Beobachter können darin gelungene Öffentlichkeitsbeteiligung erkennen. Mag diese Kommunikationsstrategie bei weiten Teilen der Bevölkerung auch fruchten, scheint sie die Gegner regelrecht anzustacheln.

Seit den 1990er-Jahren wird bereits über ein StUB-Netz geredet, seit der ersten Machbarkeitsstudie 2012 sind viele Punkte hinzugekommen. Nun stehen die Planungen vor dem Abschluss, Baubeginn könnte 2028 starten. Es wird also ernst; erklärt das die besondere Emotionalität?

Fragt man die Hauptakteure danach, dominiert ebenfalls Achselzucken. Peter Rath vom Heimaterhalten-Verein verstehe zwar die „Emotion in der Sache“, mit dem Abgleiten der Diskussion teils unter die Gürtellinien wolle er aber nichts zu tun haben. Ähnlich klingt es aus den Ratsstuben und Verbandszimmern. Aus dem Pro und Contra generiert sich eine Art Grabenkampf, der geht sogar so weit, dass sich beide Seiten gegenseitig beispielsweise Wahlplakatzerstörung vorwerfen lassen müssen.

Stadt-Umland-Bahn
Eine Visualisierung des Zweckverbands Stadt-Umland-Bahn (StUB) zeigt die Haltestelle Gebbertstraße in Richtung der Erlanger Innenstadt. // Claus Hirche/ZV StUB/dpa

Aufrufe zum fairen Wahlkampf

Beide Seiten. Zur anderen Seite gehört unter anderem Rainer Hartmann mit seiner Vereinigung „Wir pro StUB“. Erst vor ein paar Tagen sah er dazu veranlasst, über die Presse zu einem „fairen Umgang im Wahlkampf“ aufzurufen. Und – dass sich alle an die Fakten halten mögen. Wahlkampf mittels Desinformation zu führen, ist ebenfalls ein Vorwurf, den beide Seite gerne vorbringen.

Auch am Montagabend während des letzten Dialogforums vor dem Bürgerentscheid wird es wieder kurz emotional, einige StUB-Gegner machen ihrem Ärger Luft. Immerhin nur mit dem für manche ermüdendem Frage-Antwort-Spiel, die Stimmung insgesamt bleibt friedlich. Lediglich ein einsamer Demonstrant steht vor der Heinrich-Lades-Halle, versucht aber gar nicht erst, großes Aufsehen zu erregen. Kurz vor Beginn der Veranstaltung packt er zusammen und fährt mit dem Rad davon.

In den nächsten Wochen aber wird der Konflikt noch einmal Fahrwasser bekommen. Die Entscheidung rückt näher, eine Entscheidung, die weit über die Stadtgrenzen der Wahlberechtigten hinausgeht. Jene, die für ein Ja oder Nein werben, werden sich noch stärker ins Zeug legen. Wahlkämpfen. Siegen wollen.

Am 9. Juni gilt für alle nur noch ein Ja oder Nein. Ein Egal ist dann keine Option mehr.

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