Irritiert Sie das Aufmacherbild zu diesem Artikel? Weil man darauf gar nichts sehen kann? Jetzt stellen Sie sich mal vor, das wäre den ganzen Tag so. Jeden Tag. Weil Sie blind sind. Als sehender Mensch kann man höchstens eine schwache Ahnung davon entwickeln, was es bedeutet, sich ohne Augenlicht im Alltag zurechtfinden zu müssen. Das gilt besonders für Orte außerhalb des eigenen Zuhauses wie öffentliche Verkehrsmittel und Bahnhöfe.
Praxistest zwischen Erlangen und Forchheim
Im September 2023 stürzte ein blinder Mann am Erlanger Bahnhof ins Gleisbett. Er hatte den Abstand zwischen zwei Zugteilen vermutlich für eine offene Tür gehalten. Der Mann konnte durch das beherzte Eingreifen von anderen Fahrgästen gerettet werden, bevor der Zug abfuhr; das Portal infranken.de berichtete damals über den Vorfall. Grund genug, die Bahnstrecke zwischen Erlangen und Forchheim einem Praxistest unter kontrollierten Bedingungen zu unterziehen.
Nach einer längeren Phase der Recherche und Terminfindung fanden sich Ina Fischer (Projektleiterin bei "Kommune Inklusiv Erlangen") und Daniel Puff (Blindenführhundhalter, Beauftragter für Barrierefreiheit in der Bezirksgruppe Mittelfranken des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds BBSB sowie Mitglied des mittelfränkischen Behindertenrats) dazu bereit, zusammen mit dem Fränkischen Tag eine Testfahrt mit dem Zug zwischen Erlangen und Forchheim zu unternehmen. Beide sind blind. Und beide sind öfter mit Bussen und mit dem Zug unterwegs.
"Durch den S-Bahn-Ausbau vor ein paar Jahren ist der Erlanger Bahnhof schon ganz gut", sagt Ina Fischer, die wir zusammen mit Daniel Puff am Bahnsteig 2/3 des Erlanger Hauptbahnhofs treffen. Dadurch sei in Erlangen ein nahezu ebenerdiger Einstieg in die S-Bahnen ohne großen Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und Zug möglich. Die noch vorhandenen Stufen im Bereich weniger Zentimeter könnten aber durchaus zum Problem für Menschen sein, die mit dem Rollstuhl oder dem Rollator unterwegs sind, so Fischer. Bei der Infrastruktur für Blinde sieht es dagegen schon besser aus: "Wir haben hier in Erlangen taktile Bodenmarkierungen, das ist sehr gut", lobt Fischer.
Gemeint sind spezielle Bodenplatten mit Riffelung oder Noppen, die von Blinden mit einem Blindenstock ertastet werden können. Sie warnen etwa vor der Bahnsteigkante oder leiten den Weg in Richtung Treppe oder Aufzug. "Die sind hier sehr groß und sehr markant", lobt Fischer.
WOOOOOOOOOSH ... plötzlich fährt am Nebengleis ein Güterzug durch. Am Bahnsteig versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Wenn während einer solchen lauten Zugdurchfahrt eine Lautsprecheransage zum Beispiel über Zugverspätungen oder Gleiswechsel kommt, sind blinde Menschen laut Fischer ziemlich aufgeschmissen. Denn das Digitaldisplay, auf dem die aktuellen Informationen angezeigt werden, können sie nicht sehen, und wenn sie die Durchsage wegen der Lautstärke am Bahnsteig nicht hören, verpassen sie die wichtigen Informationen.
In Erlangen fehlen tastbare Handlaufbeschriftungen
Dabei gäbe es für dieses Problem laut Puff längst eine Lösung. Nämlich eine per Knopfdruck am Bahnsteig anforderbare Ansage mit den aktuellen Zuginformationen. Die "Text-to-speech"-Software, die die aktuellen Texte auf dem Display per Sprachausgabe live vorlesen kann, gebe es ja längst, so Puff.
Was Fischer und Puff am Erlanger Bahnhof ebenfalls vermissen, sind tastbare Beschriftungen an den oberen und unteren Enden der Handläufe an den Treppen. Diese könnten darüber informieren, wohin die jeweilige Treppe führt. Beim ebenfalls in jüngerer Vergangenheit umgebauten Bahnhof in Forchheim wurde das besser gelöst: Hier sind die tastbaren Beschriftungen der Treppenhandläufe vorhanden und helfen Sehbehinderten bei der Orientierung im Bahnhof.
Ein weiterer Knackpunkt: Wo befindet sich an einem soeben eingefahrenen Zug die Tür zum Einsteigen? "Das ist das Hauptproblem", sagt Fischer: "Wenn man irgendwo alleine am Bahnsteig steht, wo nicht alle Türen aufgehen und man das dann hören kann, wird das eine echte Sucherei." Das sei auch ziemlich gefährlich, weil die Gefahr bestehe, zwischen die Waggons zu geraten - so wie bei dem Vorfall im September 2023.
Mühsame Suche nach der Tür zum Einsteigen
Das Vorgehen, um die Tür zu finden, beschreibt Puff so: "Dann geht man mit dem Stock an der Bahnsteigkante entlang, bis irgendwo ein Trittbrett kommt. Das ist aber nicht ganz ungefährlich, weil wenn das genau in dem Moment erst ausfährt, wird der Stock eingeklemmt. Oder Sie fahren unterhalb der Fenster mit dem Handrücken am Zug entlang, bis die Tür kommt."
"Bei neueren Zügen hat man ein Auffindesignal an den Türen", erklärt Puff weiter. Gemeint ist ein Klickgeräusch von einem kleinen Lautsprecher, ähnlich wie bei Fußgängerampeln. Anhand eines solchen akustischen Signals könnten Blinde die Türen am Zug leichter finden, so Puff. Die Masse der Züge der Deutschen Bahn verfüge allerdings leider nicht über diese Technik.
Wo geht es zum Ausgang? Nach rechts oder nach links?
Es kommt die S-Bahn in Richtung Forchheim, wir steigen ein und in Bubenreuth wieder aus. Hier war Ina Fischer schon lange nicht mehr und muss sich am relativ neu gebauten Bahnsteig erst einmal orientieren. "Was an kleinen Bahnhöfen wie diesem, wo man sich nicht auskennt, oft schwierig ist, ist den Abgang zur Treppe oder den Ausgang zu finden", erklärt Fischer dann. Denn eine Menschenmenge wie etwa in Erlangen, der sie im Zweifelsfall einfach in Richtung Treppe nachlaufen kann, gibt es nicht, wenn nur einzelne Personen oder womöglich nur sie alleine aussteigt. Dann steht sie vor der Frage: Ist der Ausgang am rechten oder am linken Ende des Bahnsteigs oder in der Mitte?
Nach dem Auffinden der Bahnsteigtreppe in Bubenreuth stutzt Daniel Puff für einen Moment. Denn seine rechte Hand sucht nach dem Beginn des Handlaufs der Treppe - und findet sie nicht. Denn der Handlauf beginnt erst gut einen Meter nach dem Eingang zur Treppe unmittelbar vor der ersten Stufe. "Der ist zu kurz", meint Puff dazu. Der fehlende Meter bis zur ersten Stütze des Treppenhausdachs wäre wichtig, damit der Handlauf gleich beim Eingang zur Treppe gefunden werden kann.
Bei der Suche nach der Treppenalternative Fahrstuhl bleibt der Blindenstock von Ina Fischer kurz an einem nicht bündig im Boden des Bubenreuther Bahnsteigs versenkten Schachtdeckel hängen. Ein kurzer Moment der Irritation, dann findet Fischer die taktile Bodenmarkierung am Bahnsteig wieder. Der Fahrstuhl selbst, der genau wie die Treppe hinunter zur Fußgängerunterführung unter dem Bahnsteig führt, ist dann schnell entdeckt. Doch unten angekommen zeigt sich: Auf dem Gehweg unter dem Bahnhof ist die taktile Bodenmarkierung unmittelbar vor dem Ausstieg des Fahrstuhls zu Ende. Ab hier sind Blinde auf ihrem weiteren Weg, etwa zu Fuß weiter in die Ortschaft, auf ihre Intuition angewiesen.
Wichtige Ansagen am Fahrstuhl gibt es nicht
Für den Fahrstuhl wünschen sich Fischer und Puff eine für Blinde schon vor dem Einsteigen in die Kabine auffindbare Information, wie viele Ebenen der Fahrstuhl anfährt, wenn das mehr als zwei sind. Denn sie wolle nicht aus Versehen statt in der eigentlich angestrebten Fußgängerunterführung etwa in einer wiederum darunter liegenden Tiefgarage landen und dort umherirren, so Fischer. Und auch eine Ansage beim Ankommen des Fahrstuhls am Bahnsteig, auf welcher Seite sich welches Gleis befindet, fänden beide Testpersonen gut.
Zurück am Bahnsteig, warten auf die nächsten S-Bahn, die Puff und Fischer zurück nach Erlangen bringen soll. Auch in Bubenreuth fährt dann plötzlich ein Zug schnell durch, der nicht anhält. "Das ist so ein Moment, wo man sagt: Boah!", meint Puff merklich erschreckt. Denn eine Ansage zur Warnung der Wartendenden am Bahnsteig, dass gleich ein Zug durchrast, gab es genau wie zuvor in Erlangen auch in Bubenreuth nicht.
Und was sagt die Deutsche Bahn (DB) zu diesen Testergebnissen aus der Praxis? Wir haben das Unternehmen gefragt, aber zu den meisten Punkten nur eine allgemeine Antwort bekommen. So schreibt eine Bahnsprecherin: "Wir bedanken uns für die hilfreichen Hinweise, die Sie uns im Nachgang Ihrer Testbegehungen/-fahrten zukommen lassen. Diese haben wir an die Fachbereiche weitergeleitet."
Bahn kündigt Verbesserung in Erlangen an
Grundsätzlich gelte, dass die Deutsche Bahn an dem Ziel arbeite, das Reisen mit ihren Zügen für alle möglich zu machen. "Auf dem Weg dorthin rüstet die DB ihre Bahnhöfe, Züge, Busse, Reisezentren, Fahrkartenautomaten und digitalen Plattformen schrittweise barrierefrei aus und um." Dies könne jedoch nur Schritt für Schritt erfolgen: "Wie viele Bahnhöfe umgebaut werden können, hängt unter anderem von der Höhe der Finanzmittel ab, die der DB von Bund und Land zur Verfügung gestellt werden."
Aber immerhin eine konkrete Verbesserung für Blinde stellt die Bahnsprecherin nach der Testfahrt in Aussicht: "Das Nachrüsten der taktilen Leitschilder am Bahnhof Erlangen ist bereits geplant und soll zeitnah erfolgen."
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