„Klar wissen wir, was aus unserem Onkel Rudy geworden ist“, sagen Elisabeth Siply und Bernard Stoessel. Die beiden haben alte Familienfotos und Unterlagen herausgesucht, die den bemerkenswerten Lebenslauf des Herzogenauracher Auswanderers dokumentieren. Im Juni 1926 hatte sich der sich an Bord des Dampfschiffs Columbus auf den Weg in die Neue Welt gemacht, wo sich die Spur für die Historiker des Stadtarchivs (der FT berichtete) zunächst verlor. Doch jetzt liegen Erkenntnisse über seinen weiteren Werdegang vor – und der ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich.
In seiner Heimatstadt Herzogenaurach hatte Rudolf Stößel, der zusammen mit sieben Geschwistern in der Hinteren Gasse aufgewachsen war, zunächst Schreiner gelernt, aber in den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg konnte er keine Arbeitsstelle finden. Mit der Idee „dann geh ich halt nach Russland“, war der junge Mann, der das Gerücht gehört hatte, dass dort händeringend Handwerker gesucht werden, bei seinen Eltern, die einen kleinen Kramladen besaßen, auf wenig Gegenliebe gestoßen. Also doch lieber nach Amerika, wo Rudolf bei seinem Bruder Andreas, der sich zwei Jahre zuvor auf den Weg in die USA gemacht hatte, bereits eine Anlaufstation hatte.
Kugelsichere Limousine gebaut
Der damals 19-jährige Rudolf Stößel landete in Buffalo und fand zunächst Arbeit in einer Schreinerei, allerdings war der Lohn mit 85 Cent pro der Stunde bescheiden. Als sich ihm die Chance auftat, wechselte er in einen für ihn zunächst relativ fremden Bereich und zwar in die Entwicklungsabteilung des Automobilherstellers Pierce-Arrow. Der zahlte für einen Job im Karosseriebau immerhin 1 Dollar pro Stunde. Bei den Prototypen und individuellen Um- und Ausbauten der Autos wurde damals noch viel mit Holz gearbeitet.
Das Autobusiness fand Rudy Stoessel, wie er sich dann nannte, faszinierend. Nach mehreren Zwischenstationen, „mich packte irgendwann die Wanderlust“, erzählt er später, kam Stoessel in den 1930er Jahren in Kalifornien an, wo er sich 1939 selbstständig machte und zusammen mit zwei Mitarbeitern das Unternehmen „Coachcraft Ltd.“ gründete.
Unikate in Handarbeit
Der Betrieb wurde in den folgenden Jahren zum Synonym für individuell gefertigte Traumautos „Made in Hollywood“. Was Rang und Namen hatte, ließ sich in der Karosseriewerkstatt von Rudy Stoessel in der Melrose Avenue in West Hollywood maßgeschneiderte luxuriöse Roadster, Cabrios oder Limousinen anfertigen. Die Namen der Kundschaft lesen sich wie ein Who is Who der Hollywoodprominenz, u. a. standen Clark Gable, Keenan Wynn, Al Jolson, Preston Foster und Dick Powell auf der Kundenliste.
Neben einer kugelsicheren Limousine für den berüchtigten Mickey Cohen fertigte Stoessel aber auch experimentelle Prototypen von Neuentwicklungen wie dem „1.000 Dollar-Auto“ im Jahr 1946 an. In den 1940er- und 1950er-Jahren entstanden hochklassige, aufwändig in Handarbeit gefertigte Unikate, die in Oldtimerkreisen noch heute teuer gehandelt werden. Der Kontakt zu den Verwandten in der Aurachstadt war all die Jahrzehnte hindurch nie abgebrochen und man unterstützte sich gegenseitig über den großen Teich hinweg. In der Nachkriegszeit schickten die US-Brüder neben Care-Paketen eine Kartoffellieferung per Bahn nach Franken.
Hilfe für die Heimat
„Bei einem Heimatbesuch im Jahr 1956 wurde er von den ehemaligen Kolpingsbrüdern mit großem Bahnhof empfangen“, erinnert sich Elisabeth Siply. Bernhard Stößel zeigt ein altes Familienfoto, auf dem die acht Geschwister zusammen mit den Eltern zu sehen sind. Aus späteren Jahren stammt das Foto, das Rudy zusammen mit seinem Sohn Bill, der in den Betrieb mit eingestiegen war, und Enkel Anthony vor dem Werkstattgebäude zeigt. Die Firma existiert noch heute und mit Anthony Stoessel ist inzwischen die dritte Generation am Ruder.
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