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Familienbetrieb aus Bubenreuth
Inklusion im Handwerk: Eine Schreinerei zeigt, wie es geht
Markus Protze
Für sein Engagement hat Markus Protzes Schreinerei nicht nur den Inklusionspreis der Wirtschaft 2024, sondern auch den „Pinguin-Award“ des LAUT-Projekts bekommen. // Anna-Lena Reif
Bubenreuth – Mit ein bisschen Mut und Bereitschaft zum Umdenken gibt eine Schreinerei in Bubenreuth Menschen mit Beeinträchtigung eine Chance. Der Familienbetrieb zeigt auf, wie beide Seiten profitieren.

Bereits in der dritten Generation führt Markus Protze die gleichnamige Schreinerei in Bubenreuth, führt mit seinen Mitarbeitern klassische Schreinereiaufträge aus, baut Möbel, aber auch Kleinserien aus speziellen Materialien für die Industrie. „Vor zwei oder drei Jahren haben wir dafür Verstärkung in der Produktion gesucht“, erzählt er. Gefunden habe er lange niemanden – das Problem mit den Fachkräften. Dass er einige Monate später in Berlin einen Preis für Inklusion in seinem Unternehmen entgegennehmen würde, hat Protze damals wohl noch nicht geahnt.

„Wir waren dann bei einem Unternehmerfrühstück, das vom Landkreis initiiert wird. Dort wurde das Projekt LAUT vorgestellt“, erzählt der Schreiner. LAUT, kurz für „Leben, Arbeiten und Teilhaben“, ist ein 2019 gegründetes Projekt, das die Inklusion von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen auf dem Arbeitsmarkt fördert. „Bei einem Workshop wurde dort mit Vorurteilen aufgeräumt, wie Sonderkündigungsrecht und Sonderurlaubsanspruch. Diese Themen, wo man sich als kleines Unternehmen Gedanken macht, ob sie Schwierigkeiten bringen können“, erinnert Protze. Danach sei für ihn klar gewesen: „Das probieren wir.“ 

Seit eineinhalb Jahren Mitarbeiter mit Beeinträchtigung im Betrieb

Über die gemeinnützige GmbH Access aus Erlangen wurden der Schreinerei schließlich mehrere mögliche Mitarbeiter vermittelt, die anschließend kurze Praktika im Betrieb absolvierten. „Manche haben gemerkt, dass das nichts für sie ist, bei anderen haben wir gesagt, dass das nichts wird“, berichtet Protze. „Aber nach einer kurzen Zeit hatten wir den ersten Kandidaten, bei dem wir es uns gut vorstellen konnten und für den es auch gepasst hat.“ Mittlerweile ist der Mitarbeiter seit eineinhalb Jahren fest in der Schreinerei angestellt und seit Februar arbeitet ein weiterer Kollege mit einer Beeinträchtigung im Betrieb. Beide fühlen sich wohl im Betrieb, wie Protze erzählt. Selbst wollen sie aber nicht an die Öffentlichkeit treten. 

Markus Protze
Zusammen mit den Vertretern anderer Unternehmen und seiner Frau nahm Markus Protze 2024 den Inklusionspreis der Wirtschaft entgegen – als einziges bayerisches Unternehmen. // Thomas Rafalzyk

Protze ist mit der Entwicklung sichtlich zufrieden. „Das passt wirklich einwandfrei. Die beiden sind loyal, pünktlich, man kann sich auf sie verlassen“, so der Geschäftsführer. „Eigentlich ist das keine Inklusion mehr bei uns, die beiden sind einfach vollwertig anerkannt, weil jeder sieht, welchen Vorteil er dadurch hat.“

Und Vorteile gibt es viele, wie Protze immer wieder betont. Zwar würden die beiden Mitarbeiter nur bestimmte Arbeiten durchführen. „Aber wenn wir diese Aufgaben auslagern, haben unsere Fachkräfte wiederum Zeit für die Aufgaben, die wirklich eine Fachkraft benötigen“, erklärt Protze. „Und somit haben wir zwar nicht eine ganze Fachkraft ersetzt, aber wir haben es geschafft, unsere Fachkräfte so zu entlasten, dass sie wieder Freiräume für andere Dinge haben.“

Für Inklusion: Flexibilität im Betrieb gefragt 

Auch auf der menschlichen Ebene sieht Protze am Modell nur Positives. „Wenn ich sehe, dass ein Mensch, der auf dem ersten Arbeitsmarkt Schwierigkeiten hat, Fuß zu fassen, es über so eine Maßnahme schafft, sein eigenes Geld zu verdienen, dann auch Steuern zahlt und ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist – das ist, glaube ich, für den Menschen selbst auch sehr wichtig. Dass er spürt, dass auch er für die Gemeinschaft wichtig ist.“

Markus Protze
Die Schreinerei in Bubenreuth betreibt Markus Protze mittlerweile in dritter Generation. // Anna-Lena Reif

Natürlich müsse man sich als Betrieb aber auch auf die besonderen Bedürfnisse einstellen. Im Fall der Firma Protze haben beide Mitarbeiter keine körperliche Beeinträchtigung. Einer der beiden habe aber beispielsweise Probleme mit dem Gedächtnis. Für ihn empfiehlt sich also eine repetitive Aufgabe, wie Protze erklärt. „Wir haben gewisse Aufgaben wie das Polieren und Verkleben, die wiederholen sich immer. Einem Facharbeiter würde das zu langweilig werden“, gibt Protze zu bedenken.

Für seinen Mitarbeiter sei dies aber genau die richtige Tätigkeit. „Weil es Menschen gibt, die genau das brauchen. Sie brauchen die Sicherheit, damit sie morgens genau wissen, was sie den ganzen Tag über machen, wenn sie zur Arbeit gehen. Sie brauchen Arbeitsschritte, auf die sie sich einstellen können. Meinem Mitarbeiter wäre das beispielsweise zu viel, wenn er jeden Tag eine andere Aufgabe hätte.“

Schreinerei Bubenreuth: Für Inklusion ausgezeichnet 

Für die Firma sei die Einstellung der beiden Mitarbeiter auch mit Veränderungen einhergegangen. „Früher waren alle Mitarbeiter mehr oder weniger auf dem gleichen Stand“, berichtet Protze. „Jetzt haben wir halt Mitarbeiter, die speziell für einzelne Aufgaben zuständig sind. Das bedarf natürlich einiger Planung, damit die Aufträge immer so verteilt sind, dass jeder immer was zu tun hat.“ Auch in der Betreuung sei die Zusammenarbeit mit einem Mitarbeiter mit Beeinträchtigung an manchen Stellen zeitintensiver, als mit anderen Mitarbeitern. Für Protze aber noch lange kein Grund, das Modell nicht zu testen.

Markus Protze
Für das Engagement wird die Schreinerei Protze in Berlin geehrt. Dabei ist es Protze wichtig, dass das ganze Team zu dem Erfolg beigetragen hat, ganz ohne Vorurteile. // Thomas Rafalzyk

„Natürlich funktioniert das nicht überall gleich. Auf einer Baustelle mit Gerüst wäre es für einen Rollstuhlfahrer vielleicht schwierig, in einer Bäckerei beim Brötchen drehen könnte ich mir aber schon vorstellen, dass das klappt“, gibt er zu bedenken. Neben dem Inklusionspreis der Wirtschaft, den das Unternehmen in der Kategorie „nicht beschäftigungspflichtig“ 2024 erhalten hat, freut Protze sich vor allem auch über die Aufmerksamkeit von anderen Unternehmen.

Job an den Menschen anpassen 

„Wir haben Nachfragen von anderen Handwerksunternehmen bekommen, die wissen wollen, wie wir das gemacht haben. Da geben wir auch gerne Tipps und Empfehlungen“, so Protze. Ihm sei klar, dass ein Modell wie in seinem Unternehmen nicht pauschal in jedem Handwerksbetrieb umgesetzt werden kann. „Aber was verliert man denn dabei, wenn man es sich anschaut?“, fragt er. 

„Bei der Vorstellung von dem LAUT-Projekt hieß es, wir müssen davon wegkommen, die Menschen auf den Job zuschneiden zu wollen. Wir müssen den Menschen anschauen und uns fragen, wie der Mensch die Aufgabe erledigen kann, flexibel sein, nicht so starr an dem festhalten, was wir immer gemacht haben. Es gibt viele Wege, ans Ziel zu kommen, und welchen davon der Mensch nimmt, ist egal. Und wenn man da genauer drüber nachdenkt, ist das eigentlich ganz logisch“, ist Protze überzeugt. 

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