Cem Özdemir, seines Zeichens Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, arbeitet gerade an einem neuen Gesetz. Dieses soll verhindern, dass besonders zucker-, fett- oder salzhaltige Lebensmittel für Kinder beworben werden.
Doch das Vorhaben schießt aus Sicht von Perry Soldan, in dessen Adelsdorfer Fabrik die Bonbons der bekannten Marke Em-eukal hergestellt werden, über das Ziel hinaus. Aus Soldans Sicht steht sogar der Fortbestand des fränkischen Familienunternehmens auf dem Spiel.
Das Ziel des grünen Ministers ist es, Kinder vor ungesunder Ernährung und ihren Folgen wie Fettleibigkeit oder Diabetes zu schützen. „An Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung preist häufig hoch verarbeitete Produkte an, die viel Zucker, Fett oder Salz enthalten“, schreibt das Ministerium dazu im Internet.
Und im Kindesalter werde das Ernährungsverhalten entscheidend für das weitere Leben geprägt. „Kinder erkennen Werbung häufig nicht als solche und können die gesundheitlichen Folgen unausgewogener Ernährung nicht abschätzen“ – so lautet ein weiteres Argument für das Gesetz.
Werbeverbot für Instagram, TikTok und YouTube
Und die Menge ist beträchtlich: „Kinder sehen im Schnitt täglich 15 Werbespots und -einblendungen im TV und Internet für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- oder Salzgehalt. Durchschnittlich 92 Prozent der Lebensmittelwerbung, die Kinder in Internet und TV wahrnehmen, ist für Produkte wie Fast Food, Snacks oder Süßigkeiten.“
Verboten werden soll durch das Gesetz etwa Werbung in Fernsehen, Rundfunk und Presse, auf Internetseiten, in den sozialen Netzwerken wie Instagram, TikTok oder YouTube, in Streamingdiensten und als Außenplakat. Im Fernsehen sollen auch Uhrzeiten geregelt werden, mit Fokus auf Zeiten, zu denen Kinder häufig fernsehen.
Im Gegensatz zu konkreten Produkten soll die Bewerbung von Unternehmen und Markennamen möglich bleiben, zum Beispiel in der Form, dass eine Bäckerei ihren Namen auf ein Fußballtrikot drucken lässt. Bei der Frage, welche Produkte vom Werbeverbot für Kinder betroffen sind, werden Grenzwerte für den Zucker-, Fett- und Salzgehalt definiert.
Gemüse, Obst, Fruchtsäfte und Milch sollen ohne Einschränkungen beworben werden dürfen, frisches Fleisch, Fisch und Eier ebenfalls. Perry Soldan, Inhaber der Adelsdorfer Bonbonfabrik, befürchtet in Anbetracht der Gesetzesvorlage das Schlimmste.
Seit 1960 in Adelsdorf
In dem seit 1960 in Adelsdorf und davor in Nürnberg angesiedelten Unternehmen werden etwa Hustenbonbons, Kräuterbonbons und Honigbonbons der Marke Em-eukal produziert. Etwa 40 Prozent der Produktpalette ist nach eigenen Angaben zuckerfrei, weshalb man meinen könnte, dass das Unternehmen für das geplante Gesetz schon gut aufgestellt ist.
Zumindest im Vergleich zu anderen Süßwarenherstellern wie etwa Haribo oder Ritter Sport. „Das haben wir auch gedacht“, erklärt Soldan im Gespräch mit unserer Redaktion. Bei näherem Hinsehen in den Entwurf für das Gesetz sei aber aufgefallen, dass Zuckeraustauschstoffe wie Isomalt, aus denen in Soldans Fabrik die zuckerfreien Varianten der Bonbons hergestellt werden, in Bezug auf das Werbeverbot echtem Zucker offenbar gleichgestellt werden sollen.
Die Schlussfolgerung, die man in dem Unternehmen daraus zieht, lautet: „Künftig bewerbbare Bonbons müssten aus einer anderen Grundsubstanz bestehen, die sich lutschen lässt, aber weder Zucker noch Süßungsmittel ist. Mit unserem heutigen Wissen würden wir sagen: Diese gibt es nicht.“ Im Ergebnis befürchtet das Unternehmen ein komplettes Werbeverbot für seine gesamte Produktpalette.
Und ein solches wäre für den seit rund 120 Jahren in Franken produzierenden Familienbetrieb eine existenzielle Bedrohung, so Perry Soldan weiter. Denn der Markt für seine Produkte werde von wenigen großen Lebensmittelhandels- und Drogerieketten bestimmt.
Özdemir fordert nahezu komplettes Werbeverbot
In diesem Umfeld könne man als Mittelständler nur überleben, wenn man eine starke Marke habe, die von den Verbrauchern nachgefragt werde. So eine starke Marke wiederum sei ohne Werbung nicht zu halten.
Soldans daraus resultierende Ablehnung des Gesetzesvorhabens wird vom Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) geteilt. BDSI-Sprecherin Solveig Schneider lässt auf Anfrage wissen: „Die Pläne von Bundesminister Özdemir bedeuten faktisch ein nahezu komplettes Werbeverbot für rund 70 Prozent aller Lebensmittel – und zwar nicht nur gegenüber Kindern, sondern auch gegenüber Erwachsenen.“
Denn die Ausschlusszeiten etwa für Fernsehwerbung seien sehr weit gefasst: „Auch in Sendungen und Formaten, die Kinder unter 14 Jahren nicht schauen, aber schauen könnten, wäre die Werbung in diesem Zeitfenster verboten.“ Werbeverbote würden laut BDSI außerdem „den Wettbewerb im Lebensmittelbereich beeinträchtigen und Innovation behindern. Sie dürften insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen besonders hart treffen.“
Im Gegensatz dazu begrüßt der in Berlin ansässige Bundesverband der Verbraucherzentralen das geplante Gesetz, wie dessen Sprecherin Christiane Seidel erklärt. Denn es „kann einen Beitrag dazu leisten, gesunde Ernährung im Kindesalter zu fördern und ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Studien belegen, dass Werbung das Ernährungsverhalten von Kindern beeinflusst. Das kann ungesunde Vorlieben fürs Leben prägen, zum Beispiel für Süßes.“
WHO liefert wissenschaftliche Grundlage
Deswegen empfehle die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Werbebeschränkungen für unausgewogene Lebensmittel. In Ländern, die gesetzliche Maßnahmen bereits umgesetzt haben, wie beispielsweise Chile, sei der Konsum von Fast Food bereits gesunken – im Gegensatz zu Ländern wie Deutschland, die auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie gesetzt haben.
Damit Werbeverbote in der Praxis wirksam sind, müssten alle Werbekanäle sowie Lebensmittelkategorien erfasst sein, so Seidel weiter. Ein eigens von der WHO ausgearbeitetes Nährwertprofil bilde eine wissenschaftliche Grundlage für eine solche Einteilung.
Außerdem stellt Seidel klar, dass die Regierung keine Produktionsverbote plane: „Die Unternehmen können ihre Produkte weiterhin wie gewohnt verkaufen.“ Unsere Redaktion hat das Ministerium von Cem Özdemir gefragt, ob das mögliche Aus für heimische Bonbonhersteller bei der Gestaltung des Gesetzes bedacht worden ist.
Dazu teilte das Ministerium mit, die Bedenken seitens der Lebensmittelindustrie und der Firma Dr. C. Soldan seien dem Ministerium bereits bekannt. Und weiter: „Bundesminister Cem Özdemir hat wiederholt erklärt, dass er für konkrete Verbesserungsvorschläge offen ist, wenn dabei nicht am Kinderschutz gespart wird.“
Es bleibt also spannend für Dr. C. Soldan und die Belegschaft.
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