Das Kind geht in den Kindergarten und kommt mit blauen Flecken zurück - im ersten Moment nichts, was irgendwie ungewöhnlich wäre. Vielleicht ist es ja beim Spielen hingefallen oder hat sich irgendwo gestoßen? Im Kreis Kronach ist in der vergangenen Woche ein Kind allerdings mit Verletzungen aus der Kindertagesstätte zurückgekehrt, die nicht nur stutzig machen, sondern betroffen stimmen: Ein 17 Monate altes Kleinkind hat in einem Kindergarten in der Marktgemeinde Küps - genauer gesagt in der Kindertagesstätte in Schmölz - eine Schädelprellung sowie mehrere Hämatome und Kratzverletzungen erlitten. Wie das genau passiert ist, wird derzeit ermittelt - doch es drängt sich ein schlimmer Verdacht auf: Eine Erzieherin des Kindergartens ist in den Fokus geraten und während der Ermittlungen von der Arbeit freigestellt worden.
Lesen Sie hier die Erstmeldung von vergangenem Freitag (20. September):
Ermittlungen gegen Erzieherin in Küps/Schmölz: Schon der zweite Verdachtsmoment in einem Kindergarten im Kreis Kronach - was steckt dahinter?
"Ich bin keine Ärztin, aber sicher ist, dass Kinder durch solche Vorfälle tiefes Misstrauen entwickeln, das sich auf ihre gesamte soziale und emotionale Entwicklung auswirkt", erklärt Anke Elisabeth Ballmann, Psychologin und Pädagogin. Sie setzt sich seit 30 Jahren für kindgerechtes Lernen und gewaltfreie Pädagogik ein. Zudem ist sie Gründerin des Instituts "Lernmeer" zur Fort- und Weiterbildung von Pädagogen. Sie hat über 500 Kindergärten besucht - um im Anschluss in ihrem Buch "Seelenprügel - Was Kindern in Kitas wirklich passiert und was wir dagegen tun können" massive Missstände aufzudecken. In der Region haben sich Meldungen über Vorfälle in Kindergärten gehäuft - neben Steinbach am Wald und Schmölz wird einem Pfleger im Kreis Forchheim vorgeworfen, ein 5-jähriges Mädchen unsittlich berührt zu haben.
Lesen Sie hier, was es mit dem jüngsten Fall im Kreis Forchheim auf sich hat:
Sind das Einzelfälle - oder kränkelt das System? Im Gespräch mit unserer Zeitung hat Anke Elisabeth Ballmann von ihren Erfahrungen berichtet und die beiden Verdachtsmomente in Steinbach am Wald und Schmölz eingeordnet.
Zur Auffrischung: Das sind die jüngsten Entwicklungen beim Verdacht gegen zwei Erzieherinnen aus Steinbach am Wald:
Im Kreis Kronach ist es zum zweiten Mal in diesem Jahr vorgekommen, dass gegen Erzieherinnen eines Kindergartens ermittelt wird. In Steinbach am Wald ist das Verfahren zwar eingestellt worden, doch es stimmt nachdenklich, dass es so kurz hintereinander überhaupt zu Verdachtsmomenten gekommen ist. Gibt es momentan äußere Einflüsse, die auf die Arbeit von Erzieherinnen einwirken - und diese womöglich negativ beeinflussen?
Anke Elisabeth Ballmann: Ja, zweifellos. Viele äußere Faktoren üben enormen Druck auf Erzieherinnen aus. Zunächst ist da der chronische Personalmangel, der vielerorts die Arbeit erschwert. Erzieherinnen müssen häufig mit einer viel zu hohen Kinderanzahl arbeiten, was zu Überforderung führt. Hinzu kommen oftmals unzureichende Ressourcen und ein Mangel an Weiterbildungsmöglichkeiten, insbesondere im Bereich der kindlichen Entwicklung, der Gewaltprävention und der Persönlichkeitsentwicklung. Auch gesellschaftliche Umbrüche und Unsicherheiten, wie die zunehmende Polarisierung oder die Folgen der Pandemie, verstärken Belastungssituationen.
Sie haben für Ihr Buch "Seelenprügel" rund 500 Kindergärten besucht - und gesehen, dass es im Kindergarten-Alltag zu grenzüberschreitendem Verhalten von Erzieherinnen gekommen ist. Wo fängt in Ihren Augen "Misshandlung" an - und deckt sich das auch mit dem, was im Gesetz vorgesehen ist?
Anke Elisabeth Ballmann: Für mich beginnt Misshandlung dort, wo die Würde und die seelische Unversehrtheit eines Kindes verletzt werden. Das beginnt beim emotionalen Ignorieren. Das Gesetz sieht körperliche Misshandlungen als Straftat an, bei psychischen Misshandlungen ist es oft schwieriger, klare Grenzen zu ziehen. Ich finde, hier besteht eine Diskrepanz zwischen dem, was gesetzlich als Misshandlung gilt, und dem, was tatsächlich die Seele eines Kindes verletzen kann. Theoretisch ist auch emotional entwürdigendes Verhalten strafbar (§1631), doch ich kenne keinen Fall, der auch nur zur Anzeige kam.
Welche Formen der Misshandlung sind Ihnen bei Ihrer Recherche besonders häufig begegnet - und gab es auch besonders schlimme Fälle?
Anke Elisabeth Ballmann: Die häufigsten Formen der Misshandlung, die ich beobachte, sind psychischer Natur. Dazu zählen Demütigungen, Ignorieren, Vernachlässigen, Beschimpfungen und Einschüchterungen. Besonders subtile Formen der Gewalt sind oft schwer erkennbar, aber ihre Auswirkungen auf Kinder können immens sein. Körperliche Gewalt tritt seltener, aber dennoch auf – sei es in Form von rüdem Anpacken, Schütteln, Einsperren oder in Extremfällen auch Schlägen. Es gab viele erschütternde Erlebnisse, ich kann kein schlimmstes Erlebnis festmachen. Ich finde Seelenprügel besonders grausam, weil sie das Selbstwertgefühl und das Vertrauen der Kinder nachhaltig zerstören und psychische Gewalt noch viel zu wenig Beachtung bekommt.
Zur Person: Das ist Anke Elisabeth Ballmann
Vita:
Dr. Anke Elisabeth Ballmann setzt sich seit 30 Jahren für kindgerechtes Lernen und gewaltfreie Pädagogik ein. 2007 gründete sie das Institut »Lernmeer« für die Beratung, Fort- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte und Eltern. Seitdem hat die erfahrene Pädagogin und Entwicklungspsychologin circa 15.000 Kinderpflegerinnen und Kinderpfleger, Erzieherinnen und Erzieher, Lehramtsstudentinnen, Lehramtsstudenten und Eltern begleitet. In den vergangenen 15 Berufsjahren war sie in mehr als 700 Kitas, hat beobachtet, beraten, Seminare durchgeführt und Prüfungen im Rahmen von Weiterbildungen abgenommen. Aufrüttelnde Vorträge zu ihren Kernthemen brachten der Erziehungswissenschaftlerin den Ruf einer innovativen Bildungsexpertin ein. Die Bestsellerautorin hat einen Lehrauftrag an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg und sie ist Gründerin der Stiftung "Gewaltfreie Kindheit".
Veröffentlichungen:
- Der Einfluss der Umwelt auf die Entwicklung von Kindergartenkindern. (2017) Cuvillier
- Seelenprügel. Was Kindern in Kitas wirklich passiert und was wir dagegen tun können. (2019) Kösel
- Gewaltfreie Pädagogik in der Kita. (2021) Don Bosco
- Das Faultier-Prinzip. Wie Kinder in ihrem Lebenstempo gelassen und frei ihre Fähigkeiten entwickeln und die Welt für sich entdecken. (2022) Goldegg
- Worte wie Pfeile. Über emotionale Gewalt an unseren Kindern und wie wir sie verhindern. (2022) Kösel
- Satt und sauber reicht nicht! Sofortmaßnahmen für Kitas und Eltern gegen den Notstand in der frühen Bildung. (2023) Kösel
Kontaktmöglichkeiten:
Websites:
www.ankeelisabethballmann.de
www.lernmeer.de
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Wie schätzen Sie die von Ihnen erlebten Situationen ein: Ist den Erzieherinnen in diesem Moment bewusst gewesen, dass sie sich falsch verhalten?
Anke Elisabeth Ballmann: In vielen Fällen hatte ich den Eindruck, dass den Erzieherinnen das Ausmaß ihres Fehlverhaltens nicht wirklich bewusst war. Oft sind es jahrelange unreflektierte Praktiken, die sich einschleichen. Manchmal werden sie von Kolleginnen oder Vorgesetzten weitergegeben. Zudem gibt es einen gewissen „Gewöhnungseffekt“: Wenn Misshandlungen einmal „normal“ werden, nehmen die Erzieherinnen sie oft nicht mehr als solche wahr. Häufig fehlt es auch an professioneller Supervision und Reflexion der eigenen Handlungen.
Wenn sich grenzüberschreitendes Verhalten dann doch häuft: Warum kommt es trotzdem so selten zu gerichtlichen Prozessen?
Anke Elisabeth Ballmann: Ein großes Problem ist, dass Misshandlungen in Kitas sehr schwer nachzuweisen sind, insbesondere wenn es um psychische Gewalt geht. Es gibt oft keine direkten Zeugen, und für viele Kinder gehören Strafen zu ihrem normalen Alltag. Zudem sind viele Eltern unsicher, wie sie mit einem Verdacht umgehen sollen und haben Angst, falsche Anschuldigungen zu erheben. Auch institutionelle Mechanismen, wie falsch verstandene Loyalität im Team oder das Vertuschen von Vorfällen durch Leitung und Träger, verhindern häufig, dass Fälle an die Öffentlichkeit gelangen oder rechtlich verfolgt werden.
Die Vorwürfe gegen die beiden Erzieherinnen in Steinbach am Wald sind erst Jahre nach dem Vorfall geäußert worden - das scheint dann ja nicht ungewöhnlich zu sein...
Anke Elisabeth Ballmann: Leider ist das nicht ungewöhnlich. Viele Misshandlungen werden erst spät bekannt, weil die betroffenen Kinder zu jung sind, um sich verbal auszudrücken, oder weil sie traumatisiert sind und das Erlebte verdrängen. Oft sprechen Kinder erst später über Vorfälle, wenn sie in einem sicheren Umfeld sind. Auch achtsame Kolleginnen und Eltern zögern oft, Verdachtsmomente direkt zur Anzeige zu bringen, entweder aus Unsicherheit oder aus Angst vor den Konsequenzen.
Im zweiten Vorfall, der sich in einer Schmölzer Kindertagesstätte ereignet hat, hat ein 17 Monate altes Kleinkind schwerwiegende Verletzungen davongetragen. Unabhängig davon, ob sich der Verdacht gegen die Erzieherin bestätigt und sie direkt oder indirekt daran beteiligt ist oder nicht: Welche Folgen kann das denn haben?
Anke Elisabeth Ballmann: Physische Verletzungen wie Schädelprellungen oder Hämatome können nicht nur kurzfristig gefährlich sein, sondern auch langfristige Folgen haben – besonders in einem so jungen Alter. Ich bin aber keine Ärztin. Sicher ist, Kinder können durch solche Vorfälle tiefes Misstrauen entwickeln, das sich auf ihre gesamte soziale und emotionale Entwicklung auswirkt. Zudem können Traumatisierungen entstehen, die zu Verhaltensauffälligkeiten, Bindungsstörungen und späteren psychischen Problemen führen. Besonders bedenklich ist es, wenn solche Verletzungen in einem Umfeld wie dem Kindergarten geschehen, wo Kinder eigentlich Schutz und Geborgenheit erfahren sollten.
Was müsste denn getan werden, um weitere Fälle zu verhindern - nicht nur im Kreis Kronach, sondern in ganz Deutschland?
Anke Elisabeth Ballmann: Es braucht Reformen in der Ausbildung von Fachpersonal. Wir brauchen insgesamt mehr Fachkräfte, eine bessere Bezahlung und vor allem regelmäßige Fortbildungen im Bereich Gewaltprävention und Entwicklungspsychologie. Supervision und Reflexion im Team sollten obligatorisch sein, um gefährliche Dynamiken frühzeitig zu erkennen. Schließlich ist es wichtig, dass die Persönlichkeitsentwicklung von Fachpersonal unbedingt in den Fokus gestellt wird. Und Kinder und Eltern müssten ernst genommen werden, wenn sie Missstände ansprechen.
Weitere Details zum jüngsten Fall in der Schmölzer Kindertagesstätte und welche Präventionsmaßnahmen das Dekanat Kronach-Ludwigsstadt konkret ergreift, lesen Sie hier:
Die Fragen stellte Daniela Pondelicek.
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