„Burnout mit generalisierter Angststörung“ lautete die Diagnose, die Christina Hillesheim 2016 im Alter von 34 Jahren bekam. Die Diplom-Soziologin, die damals Chefredakteurin in München war, konnte nicht mehr arbeiten, musste sich endlich auf sich selbst fokussieren und fing an, sich mit dem Krankheitsbild auseinanderzusetzen.
Die heutige Buchautorin lebt inzwischen mit ihrer Familie in Bad Kissingen und erwartet gerade ihr zweites Kind.
Frau Hillesheim, wie geht es Ihnen momentan?
Christina Hillesheim: Ganz gut! Beruflich kann ich mich nicht beschweren, mein Buch, das im Februar herauskam und auf Platz drei der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen ist, verkauft sich sehr gut. Krass sind auch die vielen positiven Rückmeldungen, die ich bekomme. Unter den 160 Bewertungen auf Amazon sind nur zwei negative Kritiken.
Es freut mich total, dass mein Buch so viele Menschen berührt. Gerade schreibe ich an einem zweiten Buch – es ist ein Übungsbuch dazu. Privat steht die Geburt meines zweiten Kindes an – da bin ich dann auch froh, wenn’s bald losgeht.
Vor inzwischen sieben Jahren sah es ganz anders aus.
Ja, da ging mir ziemlich schlecht. Ich hatte einen Burnout, also eine mittelschwere Depression, die sich über Jahre oder Jahrzehnte zugespitzt hat. Zuerst dachte ich, es geht schon noch, aber irgendwann konnte ich nicht mal mehr eine Stunde am Stück schlafen und hatte ständig Angstzustände.
Ich habe mich wie kurz vorm Platzen gefühlt, hatte eine große innere Unruhe und konnte gar nicht mehr abschalten. Als dann noch ein großes Gefühl der Hoffnungslosigkeit dazu kam, dachte ich an Depression. Da habe ich verstanden, warum das so schlimm ist für viele Menschen, die an Depression leiden.
War es schwer, einen Arzt zu finden?
Ich habe ziemlich lange gesucht. Wichtig ist, einen guten Therapeuten oder Psychiater zu finden, mit dem man auf einer Wellenlänge ist. Das ist sehr individuell, deswegen kann ich nur ermutigen, weiterzusuchen, wenn sich bei einer Behandlung kein Erfolg einstellt. Das liegt nicht unbedingt an dem jeweiligen Arzt, vielleicht passt er einfach nicht zur jeweiligen Person.
Wie haben Sie sich nach der Diagnose gefühlt?
Nicht viel anders, denn mir war schon vorher klar, was es ist. Nur hatte ich fast Angst vor dem Stempel Depression. Ich dachte: Oh Gott, jetzt gehöre ich auch zu diesen Menschen und werde bemitleidet und komme da nie wieder raus. Diese Gedanken gehören ja genau zu dem Krankheitsbild Depression. Aber nur, weil man es denkt, ist es nicht gleich so.
Folgte dann ein Klinikaufenthalt oder eine Therapie?
Ja, aber der Klinikaufenthalt hat mir nicht geholfen. Bis November 2016 hatte ich endlich einen guten Arzt gefunden, der einen richtigen Plan für mich aufgestellt hat. Da hatte ich schon angefangen, mich selbst zu therapieren, weil ich so verzweifelt war. Dann ging es aufwärts, weil ich gesehen habe, dass es einen Weg rausgibt.
Ich sage auch immer meinen Lesern und Followern, dass meine Kurse und Workshops keinen Arzt und keine Therapie ersetzen, sondern dass ich nur davon erzähle, was mir geholfen hat. Ich bekomme viele verzweifelte Nachrichten von Leuten, denen ich nicht helfen kann und darf. Sie kann ich nur an einen Arzt verweisen.
Was hat Sie in der schweren Zeit aufgebaut?
Ich habe ganz viel Tagebuch geschrieben. Das hat besonders geholfen, wenn die Gedanken und Sorgen nicht mehr aufhören wollten zu kreisen. Außerdem habe ich viel gelesen und viele Podcasts zu mentaler Gesundheit gehört. Erst habe ich gar nicht gemerkt, wie es mir immer besser ging, aber meiner Familie und Freunden ist es aufgefallen.
Wie haben Sie in der Zeit Ihrer Krankheit noch die Kraft gefunden, sich mit diesem Krankheitsbild auseinander zu setzen?
Es hat mir einfach gutgetan, mich mit der Krankheit zu beschäftigen, ich war ja über ein Jahr arbeitsunfähig. Ursprünglich hatte ich mit einem Do-it-yourself-Blog angefangen und nur nebenher über mich erzählt.
Dann hat meine Geschichte aber immer mehr Leute interessiert und ich habe einen Podcast darüber gemacht. Irgendwann hat das so viel Zeit und Raum eingenommen, dass ich mich entscheiden musste: Entweder ich mache das zu meinem Beruf oder ich suche mir einen Job. Da kam eins zum anderen.
Sven Hannawald sagte kürzlich in einem Interview, dass Burnout in zehn Jahren so normal sein wird wie heute eine Grippe – was meinen Sie?
Ich weiß es nicht, so normal wird es hoffentlich nicht. Die körperlichen Belastungen nehmen schon zu, aber auch das Bewusstsein und das Interesse der Menschen an ihrer mentalen Gesundheit und an Achtsamkeit. Viele wollen sich um ihre mentale Gesundheit kümmern und verstehen, wie wichtig sie ist.
Auf Ihrer Website haben Sie ein breitgefächertes Angebot von Workshops, Kursen, Podcasts, Blogs bis hin zu einem Glücksshop und einem Club. Jetzt noch die Bücher – wie haben Sie es nach der Krankheit geschafft, das alles auf die Beine zu stellen?
Es ist schon viel Arbeit, aber es fühlt sich nicht an wie Arbeit. Das Meiste ist einfach mein Leben und ich würde es auch machen, wenn ich kein Geld damit verdienen würde. Ich versuche aber, immer halbtags zu arbeiten, mein Mann ist zu Hause und ich habe viel Unterstützung, sonst würde das nicht funktionieren.
Wie ist die Resonanz?
Das Interesse ist sehr groß, es gibt viel positives Feedback bei den Kursen. Auch auf Instagram merke ich, wie stark das Thema die Menschen anspricht. Das Buch wurde bisher 10.000-mal verkauft, das macht mich total glücklich. Viele Dinge hatte ich vorher schon im Kopf und haben sich dann wie ein Puzzle zusammengefügt.
Wie soll’s nach dem Buch beruflich weiter gehen?
Erstmal bekomme ich mein zweites Kind und will etwas kürzertreten. Ende Juni erscheint das Hörbuch, und im November kommt das Übungsbuch heraus. Im Herbst starten dann neue Workshops. Ansonsten: Mal sehen, was die Zukunft bringt.
Was machen Sie heute, wenn Ihnen die Arbeit über den Kopf wächst?
Ich atme viel bewusster. Wenn ich nachts aufwache und das Gedankenkarussell beginnt sich zu drehen, fange ich sofort an tief in den Bauch zu atmen. Auch zehn Minuten Meditation hilft sehr, da bin ich immer wieder erstaunt. Und natürlich Sport und Bewegung.
Das Gespräch führte Angelika Despang.
Informationen zum Buch:
„Entspannt statt ausgebrannt. 25 Lektionen, um gelassener durchs Leben zu gehen.“ von Christina Hillesheim, erschienen im Februar 2023
Komplett-Media GmbH, ISBN: 978-3-8312-0618-6, Taschenbuch, Spiegel-Bestseller, 208 Seiten, Preis: 22 Euro.
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