Im Juli erst machte eine Chikungunya-Infektion im Elsass nahe der deutschen Grenze Schlagzeilen. Das Virus mit dem schier unaussprechlichen Namen wird vor allem von der asiatischen Tigermücke übertragen, die sich auch in Deutschland immer weiter ausbreitet. Und laut bayerischem Gesundheitsministerium wurden in diesem Jahr deutlich mehr Fälle der tropischen Infektionskrankheit bei Reiserückkehrern gemeldet als im Vorjahr.
Doch niemand sollte in Panik verfallen, sagt Tropenmediziner Prof. August Stich von der Uniklinik Würzburg. Im Gespräch erklärt der Infektiologe, wie wahrscheinlich Ansteckungen in Unterfranken sind, woran man eine Tropenkrankheit erkennt und wem er eine Impfung wirklich empfiehlt.
Herr Prof. Stich, wie hoch ist die Gefahr, sich in Deutschland mit einer Tropenkrankheit anzustecken, wirklich?
Prof. August Stich: Wir sehen, dass bestimmte Tropenkrankheiten in Bereiche vordringen, in denen sie vorher nicht waren, und dass auch ihre Häufigkeit weltweit zunimmt. Aber: Bisher gibt es noch nirgendwo in Deutschland einen Fall von Dengue-Fieber, das hier erworben wurde. In Italien oder Frankreich ist es allerdings schon vorgekommen, und ich würde sagen, bei uns ist es inzwischen nur noch eine Frage der Zeit.
Warum?
Viele Tropenkrankheiten werden von sogenannten Vektoren übertragen, die Asiatische Tigermücke ist ein solcher Vektor. Sie ist kleiner als unsere Mücken, schwarz-weiß gefärbt, relativ aggressiv und sticht oft mehrmals. Seit den 1990er Jahren hat sie sich vom Mittelmeerraum immer weiter nach Norden bis ins Oberrheintal ausgebreitet. Seit etwa zwei Jahren haben wir sie auch in Würzburg. Der Klimawandel begünstigt diese Ausbreitung, weil die Mücken hierzulande immer günstigere Lebensbedingungen finden und leichter überwintern können. Auch die Replikation, also die Vermehrung der Erreger im Leib der Moskitos geht bei höheren Temperaturen schneller.
Das heißt, der Klimawandel ist schuld?
Der Klimawandel schafft die Voraussetzungen und macht es immer wahrscheinlicher, dass wir hier in Deutschland die Übertragung von tropischen Virusinfektionen sehen werden. Das einzige Virus, das es jetzt schon geschafft hat, ist das West-Nil-Virus. Dengue, Zika oder Chikungunya sind aber vielleicht die nächsten.
Muss man hier im warmen Unterfranken bald Angst vor einem Mückenstich haben?
Nein, definitiv nicht. Wir bereiten uns darauf vor, dass es auch in Deutschland zur Übertragung dieser tropischen Viren kommt – das wird aber kein massiver Ausbruch mit Tausenden von Fällen in Würzburg sein. Deshalb gibt es keinen Grund für Hysterie oder Panik. Was wir sehen werden, sind einzelne Übertragungen, kein Massenphänomen. Aber diese Fälle zeigen uns deutlich: Da verändert sich etwas. Unsere Kinder oder Enkel werden tropische Krankheiten massiver erleben als wir heute.
Wie erkennt man denn eine Infektion mit einer Tropenkrankheit? Was sind Symptome?
Viele der Infektionen laufen ohne Symptome ab, die Mehrzahl der Dengue-Infektionen zum Beispiel geht mit keinerlei Symptomen einher. Wenn man Symptome entwickelt, ähneln diese oft einer Grippe, man hat Fieber oder starke Kopf- und Gliederschmerzen. Und Chikungunya heißt in der Sprache der Makonde in Südtansania „der vor Schmerz gebeugte Mann“. Denn oft sind diese Schmerzen besonders in Gelenken sehr unangenehm, teilweise können auch junge Leute lange davon beeinträchtigt sein.
Und wie bereitet man sich in Deutschland auf die Ausbreitung tropischer Krankheiten vor?
Es gibt von Gesundheitsbehörden Versuche, die Brutstätten der Moskitos zu reduzieren. So klärt man etwa darüber auf, dass man offene Wasserstellen im Garten vermeiden sollte. Denn gerade die Asiatische Tigermücke ist sehr anpassungsfähig an die menschliche Umgebung. Je weniger Gelegenheiten sie zum Brüten findet, desto besser. Übrigens: Die normale Schnake, die uns nachts die Nerven raubt, ist etwas anderes. Sie kann keine Zika- oder Dengue-Viren übertragen, einzig das West-Nil-Fieber kann auf heimische Mückenarten zurückgreifen.
Was tun, wenn man gestochen wird und ein paar Tage später Fieber bekommt?
Mein Rat ist: Gelassen bleiben. Zum Hausarzt gehen und sagen, ich war im Oberrheintal, bin viel gestochen worden und habe nun Fieber. Über Bluttests lässt sich dann feststellen, ob eine tropische Virusinfektion vorliegt. Aber: Niemand, der eine schwarz-weiße Mücke sieht und später einen Stich bei sich feststellt, sollte in Panik verfallen. Für den Einzelnen ist die Wahrscheinlichkeit extrem gering, sich hier mit einer tropischen Krankheit anzustecken. Und selbst wenn wir morgen den ersten in Würzburg infizierten Dengue-Fall haben: Wir behandeln jedes Jahr viele Dutzende Urlauber in der Reisemedizin – wir wissen, wie das geht.
Sind tropische Krankheiten denn gut behandelbar?
Wir haben nach wie vor keine antiviralen Medikamente gegen Dengue-, Chikungunya- oder Zika-Viren, aber wir können die Symptome gut behandeln.
Sollte man sich jetzt gegen Tropenkrankheiten impfen, wenn man nach Italien, Spanien oder Frankreich reist?
Ganz sicher nicht. Wir sind noch weit davon entfernt, bei Reisen an den Gardasee oder nach Südfrankreich zu einer Dengue-Impfung zu raten. Fälle in Europa sind noch viel zu selten, Kosten und Nebenwirkungen der Impfungen stehen da nicht im Verhältnis zum Nutzen. Für Reisen in die Tropen, in Ausbruchsregionen, gibt es aber bereits Impfungen gegen Dengue- und Chikungunya-Viren. Beim Dengue-Virus rät man vor allem Menschen zur Impfung, die schon einmal infiziert waren, denn die zweite Infektion ist oft die gefährlichere. Eine Chikungunya-Impfung würde ich Reisenden für Mauritius oder Reunion empfehlen, da es dort aktuell größere Ausbrüche gibt.









