Es war still geworden um das Gasthaus „Zur Traube“ im Münnerstädter Ortsteil Windheim seit dem Jahr 2021. Denn zuerst kam der Corona-Lockdown, im Jahr darauf starb der langjährige Wirt Raphael Mahlmeister, der die „Traube“ einst von seinem Vater Franz übernommen hatte.
Nun lebt das Lokal in dritter Generation wieder auf: Zusammen mit ihrem Ehemann Arek hat Hannah Wienczowski, Tochter von Raphael und Enkeltochter von Franz Mahlmeister, die „Traube“ neu eröffnet.
Gastwirte mit Spaß
Um das Erbe ihres Vaters fortzuführen, hat die 24-jährige Chemielaborantin mit Wohnsitz in Bad Kissingen diesen besonderen Schritt gewagt: „Jeden ersten Samstag im Monat ist künftig offen“, kündigt sie bei einem Besuch dieser Redaktion an.
Das mache Spaß, auch wenn man davon nicht reich werde. Mit ihr engagiert sich Ehemann Arek (41) als Quereinsteiger. Er ist gelernter Maurer.
Die Sehnsucht nach traditioneller Wirtshauskultur scheint im 350-Seelen-Örtchen Windheim groß. Über Gästemangel mussten sich die Wiencowskis jedenfalls nicht beklagen. Fröhlich ging es bei einem gut besuchten Musikantentreffen zur Feier der Wiedereröffnung zu.
Alte Tradition in der „Traube“
Damit lässt das Betreiberpaar eine alte Tradition neu aufleben. Denn wenn wieder hausgemachte Volksmusik aus den Fenstern der schlichten Gasträume und über die Mauern des Biergartens im Hof schallt, nimmt die Kneipe gewissermaßen den Takt früherer Jahre wieder auf.
Raphael und Franz Mahlmeister gelten in der Rhöner Musikantenszene schließlich als unvergesslich. Kein Wunder: Etliche Generationen von Musikerinnen und Musikern haben in der „Traube“ von Kindesbeinen an die Volksmusik für sich entdeckt. Doch es gab auch Dämpfer dabei: Vor über zehn Jahren hatte Raphael Mahlmeister auf sinkende Gästezahlen reagiert und seitdem nur noch an den Wochenenden geöffnet.
Eine Institution in der Rhön
Der Musiktradition des Wirtshauses tat dies keinen Abbruch. Ob Gruppen wie Spilk, Bergwerk, Dolce Vita oder einst Rhöner Bluat: So manche Impulse für die Szene kamen aus dem kultigen Windheimer Gasthaus.
Musikant Frank Schmitt (Steinach) erinnert sich gegenüber dieser Redaktion gerne. Auch für ihn wurde es beim jüngsten Musikantentreffen spät. Er ist dem jungen Wirtsehepaar dankbar für das neue Angebot: „Ich durfte hier als Zehnjähriger erste Gehversuche auf meinem Akkordeon in der Öffentlichkeit und am Stammtisch machen“, erzählt er.
„Spontan griff jemand zum Akkordeon“
Zahlreiche Kurgäste seien seinerzeit mehrmals die Woche nach Windheim gekommen, um Bier, Schnaps und hausgemachte Brotzeit zu Musik und Gesang der Einheimischen zu genießen. Beinahe jeden Freitag sei musiziert worden. Schmitt schwärmt rückblickend: „Spontan griff jemand zum Akkordeon, das immer auf dem Wirtshaustisch stand und die Windheimer und andere Gäste stimmten in die alten Lieder ein.“
Der alte Wirt Franz Mahlmeister sei ein guter Sänger gewesen und habe mit seiner Herzlichkeit sowie seinen Gesangs- und Tanzeinlagen erfreut. Jeder erinnere sich an dessen Lieblingslied „Der Weltverdruss“. Frank Schmitt überliefert es nach seinen Schilderungen gerne in die Gegenwart. „So wie ganz viele alte Volkslieder, die zum Teil nur in Windheim gesungen wurden“, schwärmt er.
„Traube“ mit Farbe aufgefrischt
Dem klingendem Erbe von Vater und Großvater in der über 100 Jahre alten Gaststätte fühlt sich das neue Wirtsehepaar verpflichtet. „Hier bin ich daheim“, sagt Hannah Wiencowski. Viel Zeit ihrer Kindheit und Jugend habe sie in der elterlichen Gaststube verbracht.
Behutsam haben die Wiencowskis vor der Wiedereröffnung die Räume der „Traube“ mit neuer Farbe aufgefrischt und teils neuen Fußboden verlegt. Und die Vorfahren sind in gewisser Weise auch heute noch dabei: Ihnen hat die Wirtin auf selbst zusammengestellten Bildcollagen an den Wänden des Gastraums Ehrenplätze eingeräumt.
„Das ist ein Stück heile Welt“, erklärt Wirt Arek das Erfolgsrezept. Schon zur Wiedereröffnung im Mai sei die Gaststube fast nur über Mundpropaganda nahezu komplett besetzt gewesen. Ein Pfund, mit dem die „Traube“ wuchert, ist die herrliche Einbettung Windheims in Wiesen und Felder.
Hier sind viele Menschen mit dem Rad unterwegs oder gehen wandern. „Heute weiß ich von fünf Gruppen, die kommen wollen“, so Hannah Wiencowski im Gespräch mit dieser Redaktion in Erwartung des letzten Musikantenabends. Gäste nahten aus Bad Bocklet, Reichenbach und Münnerstadt.
Schafkopfspieler mögen die Wirtschaft
Beliebt ist die Gaststätte auch bei Schafkopfspielern. Sie scheinen besonders dankbar für ihre wiedergewonnene Spielstätte. Es komme vor, dass sie schon zehn Minuten vor der Öffnung um 15 Uhr auf Einlass warten, erzählt Arek Wiencowski.
Bewirtet wird jeweils bis ein Uhr. Große Küche gibt es nicht. Man habe die neue Konzession auf eine „Schankwirtschaft mit Imbiss“ beantragt. Beim Ansturm auf die 90 Sitzplätze in der Gaststube und 30 weiteren im Biergarten braucht es trotz kleiner Speisekarte eine Handvoll Familienmitglieder für die Bewirtung.
Große Pläne für die Zukunft
Nach den noch kurzen Erfahrungen mit der Neueröffnung ist der Familienkreis guter Dinge. Die Wiencowskis können sich zusätzliche Veranstaltungen wie Kesselfleischessen vorstellen. Zudem werden Frühschoppen an den Feiertagen angepeilt.
Geplant ist auch die Reaktivierung der Brennerei samt Ernte auf der dazuhörigen Plantage mit etwa 100 Obstbäumen.
Doch was auch immer die Zukunft genau bringen mag: Alleine schon der Anblick der Fassade verspricht der „Traube“ gutes Wachstum. Ihre Gebäudefront ist vom dichtem Blätterwerk der Hausweinstöcke mit unzähligen heranwachsenden Träubchen überzogen.
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