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Erster Ehrenfeldgeschworener
Was verbirgt sich hinter dem Siebener-Geheimnis?
Das Werkzeug der Feldgeschworenen: Walter Muth (links) und Siegfried Schaub demonstrieren das Setzgerät mit Senklot an einem Grenzstein.
Das Werkzeug der Feldgeschworenen: Walter Muth (links) und Siegfried Schaub demonstrieren das Setzgerät mit Senklot an einem Grenzstein. // Marion Eckert
Unterleichtersbach – Siegfried Schaub ist der erste Ehrenfeldgeschworene der Vereinigung Bad Brückenau. Der Mann aus Unterleichtersbach trägt seit 46 Jahren ein Geheimnis, das nicht einmal seine Familie kennt.

Als Siegfried Schaub damals gefragt wurde, ob er Feldgeschworener werden wolle, wusste er eigentlich nur eines: „Sie graben ein Loch und setzen einen Stein.“ Mehr wusste er von diesem Amt nicht, obwohl sein Schwiegervater es jahrelang ausgeübt hatte. Doch als der starb und der Obmann von Unterleichtersbach bei Schaub anklopfte, sagte er ja. Seitdem sind 46 Jahre vergangen.

Kreisobmann Walter Muth (links) überreicht Siegfried Schaub die Ehren-Urkunde. Die Feldgeschworenenvereinigung Bad Brückenau ernannte ihn zum ersten Ehrenfeldgeschworenen.
Kreisobmann Walter Muth (links) überreicht Siegfried Schaub die Ehren-Urkunde. Die Feldgeschworenenvereinigung Bad Brückenau ernannte ihn zum ersten Ehrenfeldgeschworenen. // Marion Eckert

Heute ist Siegfried Schaub der erste Ehrenfeldgeschworene der Feldgeschworenenvereinigung Bad Brückenau. Eine Auszeichnung, die es in dieser Form bisher nicht gab. Kreisobmann Walter Muth hat die dafür nötige Ehrensatzung eigens erarbeitet. Dass sie zuerst für Schaub gilt, ist kein Zufall: 25 Jahre war er Obmann für Unterleichtersbach, 14 Jahre stellvertretender Kreisobmann, weitere 14 Jahre Kreisobmann. Ein Amt auf Lebenszeit, das er mit einer Ernsthaftigkeit gelebt hat, die man ihm sofort anmerkt.

Sein erster richtiger Einsatz war eine Vermessung, zu der ihn der damalige Obmann einfach mitnahm. „Er hat mir gezeigt, wie man vorgeht“, sagt Schaub. Ein ruhiger Einstieg in ein Amt, das mehr verlangt, als es von außen scheint.

Immer zu zweit im Gelände

Was Feldgeschworene tun, klingt zunächst schlicht: Sie setzen Grenzsteine. Aber dahinter steckt weit mehr. Wenn eine Gemeinde ein Neubaugebiet ausweist und hundert neue Grenzpunkte gesetzt werden müssen, sind es die Feldgeschworenen, die tagelang im Gelände arbeiten. Wenn beim Pflügen ein Stein herausgeackert wird, rücken sie aus. Wenn bei einer Haussanierung eine Mauer erneuert wird und der Grenzstein im Weg steht, entfernen sie ihn, verwahren ihn und setzen ihn danach wieder exakt an seinen Platz.

„Entscheidend ist das Vermessungsamt, das den genauen Platz bestimmt“, sagt Schaub. Die Feldgeschworenen übernehmen die Arbeit vor Ort. Immer zu zweit, denn alleine geht niemand ins Gelände. Das Gelände ist oft schwierig, das Senklot muss korrekt ausgerichtet werden, und eine helfende Hand ist immer sinnvoll.

Ihr Zuständigkeitsbereich ist klar abgegrenzt: die eigene Gemarkung, einschließlich der zugehörigen Waldflächen. Für Staatsforsten, Privatwald und gemeindefreie Gebiete gibt es eigene Waldgeschworene.

Wem gehört der Baum?

Die eigentliche Arbeit spielt sich oft viel näher am Menschen ab. Wem gehört der Baum am Zaun? Steht er auf der Grenze? Wer muss die Hecke schneiden? Das sind keine großen Rechtsfälle, aber sie können es werden, wenn niemand schlichtet. Genau das ist die eigentliche Stärke der Feldgeschworenen. „Er muss vermitteln können, wenn Streitigkeiten aufkommen“, sagt Muth. „Er muss schlichten, damit es nicht vor Gericht geht.“

Der Feldgeschworene ist die Autorität vor Ort, der verlängerte Arm des Vermessungsamtes, wie Muth es nennt. Eine Behörde mit Ortskenntnis, alten Flurnamen im Kopf und dem Vertrauen der Nachbarn im Rücken. „Wir müssen unparteiisch sein. Neutral, uns nach Fakten und Plänen richten.“ Früher, sagt Schaub, sei es öfter zu handfesten Streitigkeiten gekommen, besonders bei Ackerflächen. Heute ist das seltener. Aber die Fragen bleiben.

Warum Sieben?

Was dieses Amt von anderen unterscheidet, trägt einen besonderen Namen: das Siebenergeheimnis. Die Bezeichnung geht auf die ursprüngliche Zahl zurück: Traditionell wurden sieben Feldgeschworene pro Gemeinde bestellt, eine ungerade Zahl, die bei Unstimmigkeiten klare Entscheidungen ermöglichte und Pattsituationen verhinderte. Die Tradition reicht bis in die Mark- und Feldgerichte des Mittelalters zurück.

Das Geheimnis selbst ist praktisch und klug zugleich: Wenn ein Grenzstein gesetzt wird, legen die Feldgeschworenen darunter spezielle Zeichen ab, etwas aus Ton, Glas oder Porzellan, in einer Anordnung, die nur sie kennen.

Sollte ein Stein irgendwann verschoben, entfernt oder gefälscht werden, können sie durch Nachgraben beweisen, ob er noch an der richtigen Stelle steht. Kein Außenstehender kann das manipulieren, ohne aufzufliegen. Ob das in seinen 46 Jahren je vorgekommen ist? Schaub verneint. Das System funktioniert.

Bis ins Grab

Wann Schaub das Geheimnis erfahren hat? „Als ich das erste Mal einen Grenzstein setzte und eingelernt wurde.“ Mehr sagt er nicht. Er ist schon oft gefragt worden und wird immer wieder gefragt werden. Aber es entspreche der Ehre eines Feldgeschworenen, zu schweigen. „Es ist ein Geheimnis und wird mit ins Grab genommen.“

Das Geheimnis wird mündlich weitergegeben, es gibt keine Aufzeichnungen. Jede Gemarkung hat ihr eigenes, so viel verrät Muth. Und es sei kein bloßes Relikt. „Nicht alles ist technisch abzulösen.“ Das Geheimnis sichere die Authentizität, auch heute noch.

Kein Ersatz durch GPS

Auch GPS ersetzt die Feldgeschworenen nicht, da sind Schaub und Muth sich einig. Muth spricht von fehlerhaften Daten, Ungenauigkeiten, Bedienungsfehlern. Und von Gelände, das zugewuchert ist und keine Signale liefert. „GPS kann Feldgeschworene nicht ersetzen.“ Der Grenzstein selbst bleibt unverzichtbar. „Die Grenze muss sichtbar sein.“ In Feld und Wald, aber auch mitten im Dorf.

Nachwuchs zu finden sei kein Problem, sagen beide. Junge Menschen, die in der Heimat verwurzelt sind, lassen sich gerne ansprechen. Und das Amt öffnet sich: Mittlerweile sind auch zwei Frauen zu Feldgeschworenen in Bad Brückenau ernannt worden. Früher war das undenkbar.

Ordnung, Recht und Sitte

Was Schaub an der Gemeinschaft schätzt, fasst er knapp zusammen: Zuverlässigkeit, Zusammenhalt, Zusammenarbeit, gegenseitiges Vertrauen. Was er jüngeren Feldgeschworenen mitgibt, klingt wie ein Versprechen: „Es ist das älteste Ehrenamt Bayerns, das müssen wir in Ehren halten. Feldgeschworene sind vertrauenswürdig, diszipliniert und ordentlich.“ Sie tragen dazu bei, den Frieden im Ort zu wahren. Nicht umsonst haben sie Ordnung, Recht und Sitte auf die Fahne geschrieben.

46 Jahre lang hat Siegfried Schaub dieses Versprechen gehalten. Einen Grenzstein nach dem anderen.

 

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