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Backtradition
Ofen aus fürs Löhmer-Brot
Eine Tafel im Geschäft im Vorraum des Netto in der Kissinger Straße in Bad Brückenau informiert über die Schließung der Bäckerei Löhmer. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer.
Eine Tafel im Geschäft im Vorraum des Netto in der Kissinger Straße in Bad Brückenau informiert über die Schließung der Bäckerei Löhmer. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. // Steffen Standke
Bad Brückenau – Elena und Alexander Hahn geben ihr Geschäft aus Altersgründen zum Monatsende auf. Die Kunden vermissen sie jetzt schon. Was passiert mit dem Brot-Rezept?

Das Löhmer-Brot – es ist ein kleines Stück altes Brückenau. Etwas, wofür einige Kunden extra ins Geschäft von Elena und Alexander Hahn kommen. Und das sogar bis nach Amerika verschickt wird. Die alte Brückenauer Tradition wird sterben. Denn das Ehepaar Hahn geht Ende August in den Ruhestand. Die Nachfolge? Ungeklärt.

31 Jahre ist es her, dass Elena Hahn in Walter Löhmers Bäckerei in der Ludwigstraße anfing. Kurz vorher waren sie, ihr Mann Alexander und zwei Kindern aus Kasachstan nach Bad Brückenau gekommen. Hahn war mehr als geeignet für den Job, hatte sie doch sechs Jahre in Moskau studiert und dort 1986 einen Abschluss als Verfahrensingenieurin in Back-, Konditorei- und Teigwarenproduktion gemacht. Praxiserfahrung aus einer Bäckerei in der Heimat brachte sie auch mit.

Erst einmal die Sprache lernen

Dennoch gab es viel zu lernen bei Walter Löhmer und Vizechef Elmar Will in der Backstube: neben den Abläufen vor allem die deutsche Sprache – und natürlich das Rezept fürs Löhmer-Brot.

Das wurde damals per Hand aus Sauerteig geformt und gebacken. Eine Tradition, die Elena Hahn und ihr Mann aufrechterhalten haben, nachdem sie vor 19 Jahren die Bäckerei übernahmen, ihr Mann quasi als Quereinsteiger.

Mittlerweile haben die meisten Bäckereien der Region auf maschinelle Produktion und fertige Backmischungen umgestellt, zuvorderst die Ketten. Nicht so die Hahns.

Backstube noch immer in Ludwigstraße

Noch heute backen sie ihr Brot in den von Walter Löhmer gemieteten Räumen in der Ludwigstraße 21. Und das nach dem Rezept mit Natursauerteig, im Laufe der Jahre etwas verfeinert. Elena Hahn fühlt sich diesbezüglich ihrem früheren Arbeitgeber und der Kundschaft immer noch verpflichtet. „Die Brote sind mit viel Liebe gebacken“, sagt sie.

Elena und Alexander Hahn mit einem großen Laib Löhmer-Brot. 19 Jahre haben die beiden die alte Bäckerei-Tradition am Leben erhalten. Ende August endet sie.
Elena und Alexander Hahn mit einem großen Laib Löhmer-Brot. 19 Jahre haben die beiden die alte Bäckerei-Tradition am Leben erhalten. Ende August endet sie. // Steffen Standke

Verkauft werden die Backwaren allerdings seit fünf Jahren im Eingangsbereich des Netto-Marktes in der Kissinger Straße 31. „Für die Kundschaft war das Geschäft in der Ludwigstraße zu Fuß schlecht erreichbar. Außerdem hatten dort schon zu viele Läden geschlossen“, begründet Elena Hahn die Entscheidung für den Umzug. Im Netto kommen viele Menschen an der Auslage vorbei. Die Stammkunden von früher sind den Hahns über die Jahre weitgehend treu geblieben.

Den Ruhestand verdient

Nun aber streben die 62-Jährige und ihr Mann Alexander, der am Donnerstag 68 Jahre alt wurde, dem Ruhestand entgegen. Der ist mehr als verdient. Vier Stunden pro Nacht haben die Hahns in den vergangenen 19 Jahren geschlafen, maximal zwei bis drei Stunden Freizeit pro Tag gehabt; den Rest der Zeit standen sie in der Backstube, trugen Verantwortung für ihre sechs Mitarbeiter. Sie haben das gern getan, weil auch die Kunden ihre Arbeit geschätzt haben. Wofür sie diesen sehr dankbar sind.

Doch nun will das Ehepaar mehr Zeit für sich. Für ihre zwei Kinder und die vier Enkel. Tochter Christina hat selbst in der Bäckerei Löhmer gelernt und gearbeitet.

„Wir sind fast im Rentenalter beziehungsweise darüber hinaus. Wir wollen unser Leben genießen“, sagt Elena Hahn. Gern würden sie und ihr Mann Alexander das Backgeheimnis des Löhmer-Brotes an einen Nachfolger weitergeben – wenn es denn einen gäbe.

Erfolglose Suche nach Nachfolger

Bisher hat sich keiner gefunden. „Die jungen Leute wollen eine so harte Arbeit wie Bäcker nicht machen“, sagt die 62-Jährige. Auch Netto habe sich noch nicht geäußert, was und wer anstelle des Löhmer-Geschäftes in den Vorraum einzieht.

Über eine Tafel über der Auslage haben die Geschäftsleute die Schließung ihrer Bäckerei zum Ende des Monats öffentlich gemacht. Seitdem verbreitet sich die Nachricht in Windeseile. Mehrfach pro Tag werden die Hahns darauf angesprochen. Die meisten Menschen äußern ihr Bedauern über das Ende, wünschen aber auch einen angenehmen Ruhestand.

Neben der Verkaufstheke liegen an diesem Donnerstagmittag 20 Laibe säuberlich in Papier eingepacktes Brot. Eine Österreicherin will sie abholen und in ihre Heimat schicken, informiert Elena Hahn.

Löhmer-Brote in Amerika

So etwas passiert gar nicht selten. Löhmer-Brote haben es dank einer früheren Beschäftigten der U.S. Army bis in die Vereinigten Staaten von Amerika geschafft. Ansonsten kommen die Kunden vor allem aus Bad Brückenau und Umgebung, aber auch aus dem Raum Fulda und Schweinfurt.

Stand jetzt werden sie alle ab September auf die Löhmer-Hahnschen Backwaren verzichten müssen. Im angesprochenen Monat widmen sich Elena und Alexander Hahn noch dem Ausräumen und Saubermachen. Dann ist endgültig Schluss.

Die Bad Brückenauer Tradition des Backens mit Natursauerteig: Wenn kein Wunder geschieht, endet sie in wenigen Tagen.

 

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