Der Ausschuss für Soziales, Gesundheit und Senioren hat einstimmig beschlossen, das Konzept „Dorfschwester neu gedacht“ beim Bayerischen Landesamt für Pflege einzureichen. Bis zum 31. August muss der Antrag stehen, dann entscheidet sich, ob der Landkreis zu den Pilotregionen für sogenannte Community Health Nurses (CHM) zählt.
Der Name ist Programm und zugleich eine Reminiszenz: An die Dorfschwester, die früher von Haus zu Haus ging, erinnert das Konzept bewusst – nur eben mit akademischer Ausbildung, klar abgegrenztem Auftrag und eingebettet in ein kommunales Netzwerk. Zwei examinierte, akademisch qualifizierte Pflegefachkräfte in Vollzeit sollen in einer Modellregion des Landkreises tätig werden.
Ihre Aufgabe: Versorgungslücken erkennen, Menschen an die richtigen Stellen im Gesundheitssystem lotsen und mit niedrigschwelligen Angeboten verhindern, dass aus Vereinsamung, Überforderung oder verschleppten Beschwerden ein Pflegegrad wird. „Der Ansatz versteht sich ausdrücklich nicht als Pflegeprojekt, sondern als kommunal verankertes Gesundheitsförderungs- und Präventionsmodell“, sagte Anja Zietz von der zuständigen Stabstelle. Das Projekt soll zunächst über drei Jahre hinweg laufen und könnte, wenn alles glatt läuft, schon im Herbst starten. Ein Schwerpunkt werden sicher Senioren bilden, aber auch Familien soll geholfen werden.
Unübersichtliches Gesundheitssystem
Die Idee ist nicht neu erfunden, aber neu zusammengesetzt. Seit einem Beschluss im November 2025 hatte die Stabsstelle für Gesundheit, Pflege und gesellschaftlichen Zusammenhalt den Auftrag, ein tragfähiges Konzept zu entwickeln – zusammen mit Gemeinden, Wohlfahrtsverbänden, Hausärztinnen und Hausärzten, Krankenkassen, dem Klinikum und der Gesundheitsregion. Ein Symposium Ende April brachte ein klares Signal: Die beteiligten Akteure halten eine solche Gemeindegesundheitskraft für hilfreich, vor allem als Lotsin durch ein Versorgungssystem, das viele als unübersichtlich empfinden. Wer soll wann zum Hausarzt, wer braucht einen Pflegedienst, wer nur ein offenes Ohr und den Hinweis auf ein Angebot in der Nachbarschaft? Genau diese Fragen soll die neue Fachkraft künftig sozialraumnah beantworten.
Dass der Landkreis Coburg damit einen Nerv trifft, zeigte sich bereits im vergangenen Jahr: Beim Wettbewerb „Innovative Wege zur Pflege 2025“ des Bayerischen Gesundheitsministeriums belegte das Konzept den zweiten Platz, überreicht von Ministerin Judith Gerlach – inklusive 2.000 Euro Prämie und fachlichem Coaching. „Der Preis zeigt, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Wir hatten große Konkurrenz“, meinte Landrat Sebastian Straubel (CSU).
Rückenwind aus Berlin
Rückenwind bekommt das Vorhaben auch aus Berlin: Zum Jahresbeginn ist das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege (BEEP) in Kraft getreten, das Pflegefachpersonen mehr eigenständige Entscheidungen erlaubt. Ein weiterer Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums, erst Anfang Juli bei einer Fachtagung vorgestellt, soll die rechtliche Absicherung für hochqualifizierte Pflegekräfte mit Masterabschluss regeln – Voraussetzung dafür, dass aus einem befristeten Modellprojekt später eine dauerhafte Struktur werden kann.
Bleibt die Frage nach dem Geld. Rund eine Million Euro soll das Modellprojekt kosten. Über die Förderrichtlinie GutePflegeFÖR winken bis zu 80 Prozent Zuschuss vom Landesamt für Pflege, also etwa 801.000 Euro. Der verbleibende Eigenanteil von rund 200.000 Euro soll nicht aus der Kreiskasse, sondern über Stiftungsgelder und Spenden aufgebracht werden, erläuterte Karthrin Journa aus der Landkreisverwaltung – eine Bedingung, die der Ausschuss ausdrücklich festgeschrieben hat. Findet sich diese Gegenfinanzierung nicht rechtzeitig, wird der Förderbescheid nicht unterzeichnet und das Projekt ausgeschlagen. „Das ist durchaus sportlich“, sagte Zietz auf Nachfrage des Seßlacher Bürgermeisters Maximilian Neeb (Freie Wähler/Bürgerblock), ob man sicher sei, das zu schaffen.
Für den Landkreishaushalt bedeutet das Vorhaben damit zunächst kein finanzielles Risiko, sofern es bei der geplanten 80-Prozent-Förderung bleibt.
Angesiedelt werden sollen die beiden Pflegefachkräfte zunächst bei einem Wohlfahrtsverband, der die nötige Erfahrung in Abrechnung und Pflegerecht mitbringt. Ausdrücklich keine Konkurrenz zu den Hausarztpraxen soll daraus entstehen, wohl aber eine enge Zusammenarbeit. Welche Region im Landkreis Coburg tatsächlich zum Pilotstandort wird, ist noch offen. Kriterien wie demografische Daten des Statistischen Landesamtes sowie die Bereitschaft von Kommunen, Verbänden und Ärzteschaft vor Ort sollen darüber entscheiden – ein Prozess, der erst in der Umsetzungsphase abgeschlossen wird.
Suche nach Geldgebern
Der einstimmige Beschluss im Ausschuss ist damit erst der erste Schritt eines längeren Weges. Ob aus der „Dorfschwester neu gedacht“ tatsächlich ein gefördertes Modellprojekt wird, entscheidet sich frühestens nach Ablauf der Antragsfrist Ende August – und hängt am Ende nicht zuletzt davon ab, ob sich für den Eigenanteil rechtzeitig private Geldgeber finden.
Für eine Region, die demografisch altert und in der Hausarzttermine ohnehin knapp sind, wäre ein positiver Bescheid ein Erfolg: Es wäre der Startschuss für eine neue Versorgungsform.










