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Zweiter Jahrestag Kriegsbeginn
Neustadter wird Ehrenbürger in der Ukraine
Dieter Wolf packt fleißig Pakete. Die Osterlieferung soll noch rechtzeitig ankommen.
Dieter Wolf packt fleißig Pakete. Die Osterlieferung soll noch rechtzeitig ankommen. // Julia Scholl
Neustadt/ Vysotzk – Am 24. Februar jährt sich der Kriegsbeginn in der Ukraine bereits zum zweien Mal. Dieter Wolf schmerzt das besonders, denn er engagiert sich seit fast 28 Jahren für die Kinder im Land. Er erzählt, wie der Krieg die humanitäre Arbeit verändert hat.

Fast 28 Jahre sind vergangen. 28 Jahre, in denen Dieter Wolf 41 Mal in der Ukraine war, insgesamt 500 Kinder für eine Erholung nach Deutschland geholt und tausende Pakete gepackt hat. Jetzt wird er für seiner Arbeit geehrt – erneut.  Doch die Ernennung zum Ehrenbürger in einem kleinen ukrainischen Ort bedeutet ihm besonders viel, aus einem ganz bestimmten Grund.

Während Dieter Wolf an diesem Tag seine Geschichte erzählt, packt seine Frau Sigrid Wolf vor der Garage ihres Neustadter Zuhauses Pakete für die Ukraine. „Wir verbrauchen im Jahr vermutlich kilometerweise Klebeband“, sagt Dieter Wolf. Sorgfältig werden sie beschriftet und ins Auto verladen. Bald soll die nächste Lieferung des Tschernobyl Kinderhilfe-Vereins per Spedition in die Ukraine gebracht werden. Seit über vier Jahren war keine Reise in die Ukraine mehr möglich – erst Corona, dann der Krieg. Doch in diesem Jahr möchte er es versuchen, trotz des Krieges. Dann kann er sich auch die Urkunde für seine Ehrenbürgerschaft in Vysotzk abholen.

Dieter Wolf packt fleißig Pakete. Die Osterlieferung soll noch rechtzeitig ankommen.
Dieter Wolf packt fleißig Pakete. Die Osterlieferung soll noch rechtzeitig ankommen. // Julia Scholl

Ein Ort so groß wie Rödental

Vysotzk ist ein Ort, westlich von Kiew, an der belarussischen Grenze. Ein paar tausend Einwohner leben dort, alle sehr verteilt, sagt der 75-Jährige. Vor 15 Jahren war er das erste Mal dort. Eine Dolmetscherin, die er von seiner Arbeit rund um Fedoriwka kannte, habe ihn damals um Hilfe gebeten. „In ihrem Heimatdorf gebe es viele bedürftige Kinder“, erzählt Dieter Wolf. Der erste Besuch zeigte: Sie hat recht. „Da oben gibt es keine befestigten Straßen. Wir sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln hochgefahren. Mit uns waren lebendige Tiere mit im Bus. Und vom Gepäcknetz ist das Blut heruntergetropft, darin waren geschlachtete Enten oder Hühner gelegen“, erinnert er sich an die Reise. Angekommen traf die Helfer die Armut wie ein Schlag. „Die Menschen dort wohnen zumeist in Hütten. Oft ohne Strom, ohne fließendes Wasser.“ Besonders die Schule sei in einem schlechten Zustand gewesen.

Dieter Wolf bei einem seiner Besuche im Dorf Wyssozk.
Dieter Wolf bei einem seiner Besuche im Dorf Vysotzk. // privat

„Der Speisesaal ähnelte eher einem Schweinestall bei uns. Es gab einfach keine anderen Mittel“, erinnert er sich. Sie beschließen zu helfen, und seitdem haben sie unter anderem den Speisesaal renoviert, ein Schulzimmer für behinderte Kinder eingerichtet, einen Spielplatz geschaffen und die Fenster repariert. „Momentan wird ein Verkehrsübungsplatz auf dem Schulgelände gebaut“, sagt er. In all den Jahren hat er eine enge und vertraute Bindung zur Schuldirektorin aufgebaut. Diese hat sich nun dafür eingesetzt, dass Dieter Wolf die Ehrenbürgerschaft des Dorfes erhält. Ende Februar hat er die Nachricht erhalten. Es ist nicht die erste Auszeichnung für den Rentner. 2008 hat er die Bayerische Staatsmedaille für soziale Dienste erhalten, 2017 die goldene Stadtmedaille von Neustadt bei Coburg und 2020 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 2010 wurde er erstmals zum Ehrenbürger ernannt, und zwar in Fedoriwka. Doch Dieter Wolf freut sich besonders über die Ernennung zum Ehrenbürger in Vysotzk, weil es auch eine Bestätigung für die Schuldirektorin Valentina Krendensyr ist. 

Wem kann man vertrauen?

„Es gibt in der Ukraine viel Korruption“, sagt Wolf. Insbesondere zu Beginn seiner humanitären Arbeit in dem Land sei der Verein an einige Personen, unter anderem in den Ortsverwaltungen geraten, die sich nicht als vertrauensvoll herausgestellt und Spenden veruntreut haben. So auch zu Beginn im Ort Vysotzk. Doch seit vielen Jahren hat er in der Schuldirektorin eine zuverlässige Vertrauensperson gefunden. Doch für Valentina Krendensyr sei die Zusammenarbeit nicht ungefährlich, sagt er. „Sie hat schon Anfeindungen und Drohungen erhalten, weil sie sich den korrupten Machenschaften nicht beugt“, sagt Dieter Wolf. 

Dieter Wolf packt fleißig Pakete. Die Osterlieferung soll noch rechtzeitig ankommen.
Dieter Wolf packt fleißig Pakete. Die Osterlieferung soll noch rechtzeitig ankommen. // Julia Scholl

„Als die Nachricht von der Ehrenbürgerschaft kam, habe ich mich vor allem für Valentina gefreut. Die Auszeichnung ist ein Zeichen dafür, dass sie sich im Dorf durchsetzen konnte und anerkannt ist. Gerechtigkeit und Ehrlichkeit haben gesiegt.“ Im Stillen habe Valentina Krendensyr auf die Ehrenbürgerschaft hingearbeitet – „ich hatte keine Ahnung“, sagt Wolf. „Du bist jetzt unser Bürger!“, schreibt Valentina Krendensyr in ihrer Mail. Auch die Hoffnung auf ein Wiedersehen schwingt mit. Bei der Ankunft von Dieter Wolf in Vysotzk soll eine feierliche Übergabe stattfinden. Doch wann wird das möglich sein?

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 Manche regen sich auf, wenn ukrainische Geflüchtete hier mit großen Autos herumfahren. Aber Bomben machen nicht vor dem Mittelstand halt.

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Dieter Wolf

Zwei Jahre Angriffskrieg

Am Samstag, 24. Februar, jährt sich der Kriegsbeginn in der Ukraine – zum zweiten Mal. Ein Ende ist momentan nicht in Sicht. Zum Jahrestag richten sich wieder die Scheinwerfer auf das Land. Der Krieg hat auch die Hilfsarbeit des Vereins erschwert. „Erst kam Corona, dann der Krieg. Da bröckelt das, was wir aufgebaut haben“, sagt er. Kurz nach Kriegsbeginn sind viele Ukrainer auch nach Deutschland geflüchtet. „Unsere Kinderbesuche in Neustadt enden immer mit den Schlussworten: ,Wenn ihr mal Hilfe braucht, dann wisst ihr, wo ihr sie findet.' Und so hatten wir zu Kriegsbeginn 29 Gäste“, sagt Dieter Wolf. Auch heute wohnten noch drei junge Frauen mit ihren Kindern in Neustadt, die selbst mal als Kinder zu Gast waren. Doch der 75-Jährige bekommt auch Gegenwind für sein Engagement. „Unser Ansehen hat durch den Krieg gelitten.“ Nicht jeder heiße es gut, dass ukrainische Geflüchtete in Deutschland Unterstützung erfahren. „Manche regen sich auf, wenn ukrainische Geflüchtete hier mit großen Autos herumfahren. Aber Bomben machen nicht vor dem Mittelstand halt“, sagt er. 

Dieter Wolf bei einem seiner Besuche im Dorf Wyssozk.
Dieter Wolf bei einem seiner Besuche im Dorf Vysotzk. // privat

Doch wie geht es den Menschen, die seit zwei Jahren Krieg und Zerstörung erleben? Dieter Wolf bekommt sie regelmäßig, die verzweifelten Nachrichten aus der Ukraine. „Lieber Dieter, der ganze Westen schaut sich das an und tut nichts. Und wir verlieren unsere Söhne, Ehemänner, Väter. Wir leben in dieser Realität“, schreibt Natalia Dubrovska, Schuldirektorin im Dorf Fedoriwka in einer E-Mail (übersetzt ins Deutsche). Den Menschen werde alles genommen – Wohnraum, Kleidung, die Existenzgrundlage, schreibt sie. In Dieter Wolf wächst das Bedürfnis, selbst in die Ukraine zu reisen und zu helfen. „Ich wurde schon mehrmals zu Siegesfeiern eingeladen, die bald stattfinden sollten. Am Anfang waren sie so voller Optimismus, aber das ist langsam gewichen. Die Leute sind ratlos, erschöpft, verzweifelt.“ 

Spenden

Spendenkonto
Wer die Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt finanziell unterstützen möchte, kann dies unter dieser Bankverbindung tun:

Sparkasse Coburg-Lichtenfels, Spendenkonto 373 555 und BLZ 753 500 00

IBAN: DE68 7835 0000 0000 3735 55

BIC: BYLADEM1COB

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