Gläser klirren, zahlreiche Gespräche weben ein Netz unsichtbarer Verbindungen, die Musik spielt im zweiten Obergeschoss des Neustadter Rathauses. Geschäftig geht es im Verwaltungsgebäude an der Georg-Langbein-Straße zu anlässlich des traditionellen Stehempfangs der Stadt zum Jahresbeginn, wenngleich laut Einheimischen weit weniger Gäste gekommen sind als noch im vergangenen Jahr sowie in Vor-Corona-Zeiten.
Der Kreis derer, „die diese Stadt und unsere Region maßgeblich tragen und gestalten“, wie sie Oberbürgermeister Frank Rebhan in seiner Begrüßung nennt, scheint kleiner geworden. Ebenso wie die Anzahl der Ehrungen, die der Oberbürgermeister traditionell an diesem Abend vornimmt. Nur ein Einziger wird am Freitag aus dem Kreis der Aktiven hervorgehoben: Jürgen Engelhardt (siehe Infokasten).
Tuscheln hinter vorgehaltener Hand
In der Mitte der geladenen Neustadter Gesellschaft steht dabei auch der Landrat des Nachbarkreises Sonneberg, der erste AfD-Landrat Deutschlands, Robert Sesselmann. Während die einen ihm die Hand reichen, einen Guten Abend wünschen und dann meist relativ zügig weitergehen, drehen andere ihm den Rücken zu, tuscheln teils hinter vorgehaltener Hand und aus sicherer Entfernung.
Gerade mit dem ersten Getränk für den Abend versorgt, raunt ein Gast flüsternd einem weiteren zu: „Unglaublich, was für Gesocks sich hier herumtreibt.“ Sein Blick ist auf Robert Sesselmann gerichtet. Gesprächspartner für längere Unterhaltungen findet der AfD-Landrat nur in wenigen. Während er wie die anderen Gäste auf den Beginn des Festakts wartet, stehen die meiste Zeit nur sein Amtsvorgänger von 1994 bis 2006, Reiner Sesselmann, Sonnebergs Bürgermeister Heiko Voigt (parteilos) und dessen Stellvertreter Christian Dressel (parteilos) bei ihm.
Zahlreiche Ehrengäste
Voigt und Dressel sind es, die Neustadts Oberbürgermeister Frank Rebhan (SPD) in seiner Rede dann als erste in der Reihe der zahlreichen Ehrengäste namentlich begrüßt. Wichtig ist ihm, die gute Zusammenarbeit zwischen den beiden Städten Neustadt bei Coburg und Sonneberg über die Grenze der Bundesländer hinweg zu betonen: „Seit Jahren versuchen unsere Städte gemeinsam bürokratische Hürden zu beseitigen oder wenigstens zu umgehen und suchen die praktische Zusammenarbeit, wo auch immer sie möglich ist. Dafür herzlichen Dank“, sagt Rebhan.
Weiter verweist er in seiner Begrüßung auf die gedrückte Stimmung im Land, auf die Bedeutung von Austausch und Respekt, Veränderung „durch Handeln und zuvor durch Denken“, auf die Wichtigkeit, Dinge anzusprechen und Widerspruch zuzulassen.
„Es ist wahr, dass in Deutschland noch nie so viele Menschen in Arbeit waren wie im Moment. Es ist wahr, dass wir nach wie vor einen unfassbaren Fachkräftemangel haben und es ist gleichzeitig wahr, dass es viele Menschen gibt, die mit ihrem Geld nicht bis zum Monatsende kommen“, führt Rebhan vor Augen, dass die Welt komplex und Lösungen nicht immer einfach sind. Weiter sagt er: „Es ist gleichzeitig wahr, dass viele Bauern zwei sehr erfolgreiche Jahre hinter sich haben und dass das Streichen der Subventionen von eben auf jetzt enorme Probleme verursacht.“ Und: „Es ist gleichzeitig möglich, stolz auf dieses Land zu sein, für dieses Land aufzustehen, seine Verfassung als eine der besten der Welt zu erkennen, diese Demokratie seit dem Zweiten Weltkrieg als höchsten Wert zu verstehen und zu verteidigen und Verbesserungen und Anpassung von Regeln für notwendig zu halten.“
Die Mahnung des Oberbürgermeisters
Mit Blick auf die Recherche des Mediennetzwerks Correctiv über ein Treffen radikaler Rechter im November in Potsdam, bei dem von Politikern der AfD, einzelnen Mitgliedern der CDU und der Werteunion Pläne zur „Remigration“ von Menschen mit Migrationshintergrund diskutiert worden sein sollen, lädt Neustadts Oberbürgermeister zu einem Gedankenspiel ein: Man solle doch hypothetisch einmal alle Aufträge von Kunden anderer Länder aus den Auftragsbüchern der Unternehmen hierzulande streichen, alle Firmen mit internationalen Beteiligungen auflösen, alle Mitarbeiter wegschicken, „die keinen deutschen Pass haben oder deren Eltern und Großeltern anderswo herkommen“ sowie alle Waren aus den Regalen nehmen, die nicht aus Deutschland sind. „Das Ergebnis könnte nicht eindrücklicher sein“, lautet das Fazit des Oberbürgermeisters, „offen bleiben – im Großen und vor allem im Kleinen“, seine Mahnung.
„Es ist so, wie es ist“
Zur Zusammenarbeit mit AfD-Landrat Robert Sesselmann erklärt Rebhan auf Nachfrage: „Auf der einen Seite des Ortsschildes steht Neustadt, auf der anderen Sonneberg“, und: „Es ist so, wie es ist.“ Die Stadt Neustadt und die Stadt Sonneberg seien enge Partnerstädte. Die Zusammenarbeit laufe „problemlos“ und sei „nicht schlechter“ geworden – sowohl mit der Stadt wie auch mit dem Landkreis.
Zuversicht und Tatkraft sind gefragt
„Gerade angesichts der zu lösenden, großen und kleinen Aufgaben ist Zuversicht und Tatkraft gefragt. Nur so – gemeinsam – werden wir erfolgreich die Herausforderungen meistern“, appelliert der Oberbürgermeister an alle Anwesenden im zweiten Obergeschoss des Rathauses am Ende seiner Begrüßung.
Für viele der Besucher schließt sich ein langer Abend mit zahlreichen lebhaften Gesprächen an. Geselligkeit, Wertschätzung und Austausch erhalten ihren Raum. Das Netz der Stimmen wird dichter, die Musik spielt wieder. Sonnebergs Landrat Robert Sesselmann ist da bereits gegangen.
Rund um den Neujahrsempfang in Neustadt
Goldene Stadtmedaille für Jürgen Engelhardt : Für seine Verdienste um die Grüntal-Gesellschaft ist Jürgen Engelhardt beim Neujahrsempfang der Stadt Neustadt mit der Goldenen Stadtmedaille geehrt worden. Engelhardt war von 1994 bis 2002 Schriftführer der Gesellschaft, seitdem steht er ihr als 1. Vorsitzender voran. Darüber hinaus ist er als Wanderführer bei der Sektion Neustadt des Deutschen Alpenvereins aktiv.
Die Grüntal-Gesellschaft ist 1819 in der Zeit des Biedermeiers entstanden und hat ihre Heimat in einem Anwesen am Fuße des Muppbergs in Neustadt gefunden. Gegründet wurde sie mit dem Ziel, das zwanglose und gesellige Miteinander zu zelebrieren. Das einstige vereinsinterne Gesellschaftshaus wandelte sichzur allgemein zugänglichen Gaststätte mit Gast- und Wirtschaftsräumen sowie einer Pächterwohnung.
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