Es fühlt sich an, als hätte der Kissinger Sommer gerade erst begonnen. Und nun ist er schon wieder vorbei. Sechs Wochen voller herrlicher Musik und vieler Begegnungen liegen hinter Bad Kissingen. Sechs Wochen, in denen sich die Stadt anders anfühlte als sonst. Internationaler. Eleganter. Lebendiger. Mit Weltstars auf den Bühnen, begeisterten Gästen in den Sälen und jenem besonderen Flair, das man nur beim Kissinger Sommer erlebt. Wer in den vergangenen Wochen durch die Stadt spazierte, konnte jederzeit einer Ministerin, einer Geigenvirtuosin, einem Stardirigenten oder einer Opernlegende begegnen.
Rückkehr nach zehn Jahren
Die letzte Festivalwoche stand im Zeichen einer Frau, auf deren Rückkehr man zehn Jahre lang warten musste: Cecilia Bartoli. Die charismatische, temperamentvolle, unverwechselbare Mezzosopranistin war zum 40. Geburtstag des Festivals wieder nach Bad Kissingen zurückgekehrt. Intendant Alexander Steinbeis hatte über Jahre hinweg um die Ausnahmekünstlerin geworben, sie mehrfach persönlich in Salzburg besucht. Nun war sie tatsächlich wieder da.
Doch bevor die Bartoli-Festspiele begannen, gab es zwei bemerkenswerte Konzertabende. Katharine Mehrling, längst eine der Publikumslieblinge des Festivals, begeisterte gemeinsam mit Tilman Kuhn und ihrem Ensemble in einer Hommage an den Komponisten Werner Richard Heymann. Besonders bewegend wurde der Abend durch einen Überraschungsgast: Heymanns Tochter Elisabeth Trautwein-Heymann war eigens nach Bad Kissingen gekommen und erzählte spontan auf der Bühne persönliche Erinnerungen an ihren Vater. Nach dem Konzert luden Bürgermeister Thomas Leiner und seine Frau Petra die Künstler zu sich nach Hause ein. Auch das ist Kissinger Sommer: Weltklassekunst und Gastfreundschaft im familiären Rahmen unter einem Dach.
Am nächsten Tag folgte ein Kammermusikabend der Extraklasse. Lisa Batiashvili war zurück. Nachdem sie ihr Orchesterkonzert einige Wochen zuvor verletzungsbedingt hatte absagen müssen, war die Freude über ihr Gastspiel nun umso größer. Gemeinsam mit der Pianistin Nino Gvetadze und dem Schumann Quartett begeisterte sie das Publikum im Rossini-Saal. Anschließend lud Fördervereins-Schatzmeisterin Martha Müller das Ensemble sowie treue Freunde und Förderer des Festivals zu einem Late-Night-Dinner ins Kaiserhof Victoria. 40 Gäste, gute Gespräche und viel Herzlichkeit – genau jene Atmosphäre, von der Künstler oft noch lange nach ihrer Abreise erzählen.
Dann gehörte die Bühne Cecilia Bartoli. Gemeinsam mit ihrem Orchester Les Musiciens du Prince – Monaco verwandelte sie Bad Kissingen drei Abende lang in eine Opernmetropole. Ob Barockkonzert, Liederabend mit dem wunderbaren David Fray oder schließlich Glucks Orfeo ed Euridice – Bartoli schien sich von Abend zu Abend selbst übertreffen zu wollen. Was für eine Stimme. Was für eine Musikalität. Und vor allem: Was für eine Bühnenpersönlichkeit. Leidenschaftlich, großzügig, humorvoll und völlig ohne Starallüren.
Immer wieder wurde sie in der Stadt gesichtet, häufig mit ihrer Mutter, die sie nach Bad Kissingen begleitet hatte. Jedes Mal sprach sich ihr Erscheinen binnen Minuten herum. Fast so, als hätte die ganze Stadt einen geheimen Bartoli-Ticker.
Ein gemeinsames „Happy Birthday“ für den Star
Der emotionale Höhepunkt folgte nach dem letzten Festivalkonzert. Nach frenetischem Applaus überraschte Alexander Steinbeis die Sängerin auf der Bühne mit einer großen Geburtstagstorte. Bartoli war vor wenigen Tagen 60 Jahre alt geworden. Orchester, Chor und Publikum stimmten spontan „Happy Birthday“ an. Die große Diva wirkte für einen Moment tatsächlich sprachlos. Ein seltener Anblick. Und ein wunderschöner. Zu den Gästen des Finalwochenendes gehörte übrigens auch Kari Kahl-Wolfsjäger, die den Kissinger Sommer drei Jahrzehnte lang erfolgreich geprägt hatte. Schön, dass sie zum Jubiläum zurückgekehrt war.
Doch die vielleicht größte Überraschung kam ganz zum Schluss. Denn während viele dachten, das Festival sei mit Bartolis Opernabend beendet, begann um 22 Uhr im Kurtheater noch der inzwischen legendäre Techno-Rave „Houseverbot“. Zum dritten Mal verwandelte sich das ehrwürdige Haus in einen Club. Festivalgäste, Nachtschwärmer und Techno-Fans feierten bis in die frühen Morgenstunden.
Bartoli mit Bier in der Hand und guter Laune
Und dann geschah etwas, das wohl niemand erwartet hatte. Kurz vor Mitternacht erschien Cecilia Bartoli. Ganz ohne Aufsehen. Ganz ohne Begleitung. Mit Ohrenstöpseln, einem Bier in der Hand und sichtbar guter Laune mischte sie sich unter die Menge, tanzte zu den Beats und genoss den Abend mit Musikern ihres Orchesters und einigen verblüfften Fans. Wer sie erkannte, konnte sein Glück kaum fassen. Eine Weltstar-Mezzosopranistin, die wenige Stunden nach einer triumphalen Opernaufführung im Kurtheater Techno tanzt? Genau solche Geschichten kann nur der Kissinger Sommer schreiben.
Und so endet ein Jubiläumsfestival, das in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich war. Bad Kissingen verabschiedet sich nun langsam vom Festivalfieber. Intendant Alexander Steinbeis, Referatsleiter Thomas Lutz und das gesamte Festivalteam dürfen stolz auf das Erreichte sein. Und eines ist jetzt schon sicher: Die Vorfreude auf den Kissinger Sommer 2027 hat längst begonnen.

















