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Kissinger Sommer
Sie haben die Messlatte verdammt hoch gelegt
Herbert Blomstedt dirigierte die Bamberger Symphoniker beim Kissinger Sommer. Dafür hat er nicht nur vom Publikum Applaus bekommen, sondern auch vom Orchester.
Herbert Blomstedt dirigierte die Bamberger Symphoniker beim Kissinger Sommer. Dafür hat er nicht nur vom Publikum Applaus bekommen, sondern auch vom Orchester. // Thomas Ahnert
Bad Kissingen – Wie Dirigent Herbert Blomstedt und die Bamberger Symphoniker das Publikum in Bad Kissingen am Ende fast außer Atem bringen.

Der Mann ist einfach ein Phänomen. Man kann ihn getrost als Methusalem der Dirigentenszene bezeichnen: Am 11. Juli wird Herbert Blomstedt 96 Jahre alt und dirigiert und dirigiert und dirigiert… Da kommt wirklich niemand ran – am nächsten noch Bernard Haitink, der als 90-Jähriger seinen Abschied vom Konzertpodium nahm und noch zwei Jahre sein Rentnerdasein genießen konnte.

Aber für Herbert Blomstedt scheint ein Aufhören keine Option zu sein nach dem Motto: Da denken wir frühestens dran, wenn es so weit ist.“ Im Moment ist er unterwegs auf einer kleinen Tournee.

Eigentlich hatte man ja im vergangenen Jahr gedacht, dass es mit dem Dirigieren zu Ende sei, als Herbert Blomstedt ziemlich böse gestürzt war und erst einmal alle Konzerte absagen musste.

Aber natürlich kam er wieder, ganz der Alte (wenn man das so sagen darf), aber mit einem kleinen Unterschied: Bis vor seinem Sturz hat er alle seine Konzerte im Stehen dirigiert, und das kann er nicht mehr. Er lässt sich zum Pult begleiten und setzt sich dann auf einen Klavierhocker.

Kleine Bewegung, große Konzentration

Schlimm ist das nicht. Denn Blomstedt war beim Dirigieren noch nie ein großer Ausdruckstänzer, der versucht, das Orchester zu umarmen und mit dem Taktstock die Saaldecke zu erreichen. Er weiß, dass man ein Orchester nicht mit den Beinen leitet, sondern mit den Armen, den Händen und mit dem Blick.

Und je kleiner die Bewegungen sind, desto größer ist die Konzentration. Die Orchester, die ihn kennen, wissen das. Und die Bamberger Symphoniker kennen ihn besonders gut; schließlich ist er ihr Ehrendirigent.

Und da ist man bei einem anderen Phänomen. Zwischen den beiden Seiten scheint sich so etwas wie eine Liebesbeziehung entwickelt zu haben. Man merkt es auch an Kleinigkeiten: Eigentlich erlebt man das bei den Bambergern nicht, dass sie einem Gastdirigenten am Ende eines Konzerts applaudieren, und auch noch fast so heftig wie das Publikum – sie müssen ja auch noch ihre Instrumente halten.

Aber es fällt halt immer wieder auf, dass sie ihn beim Spiel genau beobachten und auf kleinste Hinweise reagieren, dass sie sozusagen für ihn spielen. Andererseits drängt sich Herbert Blomstedt nicht in den Vordergrund, hat schon immer das Verbeugen sehr knappgehalten und lieber die Musiker ausführlich in Einzelaufrufen feiern lassen.

Berwald, ein origineller Melodiker

Man konnte also schon vorher mit einem Erlebnis rechnen. Zumal das Konzert mit dem Werk eines Komponisten eröffnet wurde, der erst einmal vor vielen Jahren als Kammermusiker in „Randerscheinung“ getreten ist: der Schwede Franz Berwald mit seiner 4. Sinfonie, die nicht ganz zu Unrecht den Beinamen „Sinfonia naïve“ trägt. Bei den ersten Takten der Einleitung konnte man meinen, einen echten Mendelssohn zu hören – oder zumindest einen starken Einfluss, was zeitlich durchaus möglich gewesen wäre: Berwald war 16 Jahre älter, hat ihn aber auch um 20 Jahre überlebt.

Aber der Unterschied wurde schnell deutlich: So einen langen Atem wie Mendelssohn hatte Berwald nicht. Er war ein origineller Melodiker mit vielen, durchaus auch mal zündenden Ideen, aber bei den langen Spannungsbögen des Jüngeren ging ihm die Luft aus.

Die Musik ist ein bisschen kleinteilig, mit einigen Wiederholungen, natürlich immer etwas anders gestaltet. Es ist nicht die Spannung, die das Interesse an die Musik fesselt, sondern die Abwechslung, die Frage, wie es weitergeht.

Und dieses Einnehmen machten Herbert Blomstedt und seine Leute ganz ausgezeichnet und interessant durch sehr bewusste Übergänge, die die Einzelteiligkeit gut verschleierte, und mit einer kräftigen dynamischen Differenzierung.

Dass die Musik einen ausgezeichneten Vortrieb hatte, war bei Blomstedt und den Bambergern ohnehin zu erwarten. Und plötzlich meinte man zu wissen, warum diese doch eigentlich recht unterhaltsame Sinfonie so selten aufgeführt wird.

Für die spielerische Leichtigkeit muss man verdammt viel üben, denn in Sachen Orchestervirtuosität verlangt Berwald einiges. Und das ist einigen Orchestermanagern angesichts der doch geringen Nachfrage dann vielleicht unwirtschaftlich.

Schottland in der Sinfonie

Man soll mit Superlativen ja sehr sparsam umgehen, vor allem, wenn ein Festival gerade begonnen hat. Aber mit der 3. Sinfonie von Felix Mendelssohn-Bartholdy, der „Schottischen“, haben Herbert Blomstedt und die Bamberger die Messlatte für die kommenden Orchester und die kommenden Interpreten dieser Sinfonie verdammt hoch gelegt. Sie haben ihr Publikum im Max-Littmann-Saal schlicht und einfach überfahren.

Das passt ja auch. Als der 20-jährige Komponist das erste Mal in Großbritannien war und sich dank seiner Erfolge in London auf die Reise nach Schottland zu den Spuren von Maria Stuart war, war er natürlich beflügelt offen für alle Eindrücke der schottischen Natur oder des etwas düsteren Edinburgh oder der wilden Hebriden.

Von kräftig bis delikat

Alle diese Eindrücke wollte er verarbeiten, als er sich an die Konzeptionierung der Sinfonie machte. Wie sehr ihm das gelungen ist, zeigte diese Aufführung, die die vier Sätze zu einer Einheit verschmolz, über die sich ein durchgehender Spannungsbogen zog.

Mit vielen Klangfarben von kräftig bis delikat, mit starken dynamischen Kontrasten entwickelte das Orchester einen höchst plastischen romantischen Bilderbogen, bei dem sehr gut deutlich wurde, woran Mendelssohn in diesem oder jenem Moment gedacht haben musste, welche Bilder er vor Augen hatte.

Das bestens disponierte Orchester musizierte mit konzentriertestem Engagement und trotzdem enormer Präzision auch an den vielen empfindlichen Stellen. Auch wenn man glaubte, die Sinfonie bis in alle Ecken zu kennen, erwies sich das als Irrtum: Dank der handwerklichen Klarheit und der Führung jeder einzelnen Stimme entdeckte man plötzlich Aspekte und Töne, die man bisher noch nie bemerkt hatte.

Und was noch dazukam: Erstmals konnte man hören und spüren, dass diese Sinfonie eine „Reisesinfonie“ ist: Die ungeduldige Neugier, das ständige Weiterwollen des jungen Mannes wurde in seiner Musik dank eines kompromisslosen Vortriebs durchgehend spürbar. Am Ende war man als Zuhörer direkt ein bisschen außer Atem.

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