Es ist ausgerechnet der unanständigste Satz, den man sich von dem Konzert gemerkt hat: „In einer Welt ohne Melancholie würden die Nachtigallen anfangen zu rülpsen“, schrieb einmal der rumänische Essayist, Aphoristiker und professionelle Pessimist Emil M. Cioran (1911 in Siebenbürgen, † 1995 in Paris). Es war der letzte Satz, mit dem die Schauspielerin, Sängerin, Tatort-Kommissarin a. D. und sonstige Allrounderin Dagmar Manzel nach ihrem Abend mit dem Titel „Sehnsucht“ nach Hause schickte.
Da hatte man es mal wieder und war auf dem Heimweg geistig beschäftigt. Obwohl: Ganz stimmt das nicht. Zum absoluten Schluss tauchte noch einmal der Kerl auf, der zu Beginn schon einmal auf die Bühne geschlappt war, als die Band sich ein wenig einspielen wollte, und der natürlich der große Störfaktor sein musste.
Original Berliner Landesschnauze
Ja, dieser Mann: störend, aber wichtig. Denn wie fängt man ein Konzert zum Thema „Sehnsucht“ an? Fällt man mit der Tür ins Haus oder macht man sie so delikat, dass niemand sie gleich bemerkt? Oder macht man sich über sie lustig und ignoriert sie einfach? So wie das jetzt Dagmar Manzel und ihre Band getan haben. Denn da kommt sie einfach als abgehalfterter Stenotypist („Ich bin der letzte. Die anderen sind alle schon gestorben.“). Unter möglichst lautem Aufwand und ihren Kommentaren in der original Berliner Landesschnauze sucht sie sich einen Tisch und einen Stuhl, packt ihre mechanische Schreibmaschine aus – und beginnt tastend zu schreiben. Die Band lässt sich anstecken und liefert erste rhythmische Vorschläge.
Und plötzlich ist man gemeinsam bei Leroy Andersons berühmtem „Type Writer“. Und niemand denkt mehr an Sehnsucht.
Dagmar Manzel schafft den Übergang ganz diskret. Denn plötzlich fegt sie verärgert über die Bühne mit Otto Reuters „Ick wunder mir über jarnischt mehr“, empört sich, dass früher alles besser war, auch die Zukunft. Und ihre Band macht ihr kräftig Feuer: Frank Schulte (Klavier, er ist auch der Arrangeur der Band), Daniela Braun (Violine), Ralf Templin (Gitarre), Felix Kroll (Akkordeon) und Arnulf Ballhorn (Bass). Sie kommen fast alle von der Komischen Oper und haben es gelernt, den zum Teil berühmten Texten kraftvolle Kommentare zu geben. Es ist ein Abend der Subtilität.
Eine sehr ehrliche Wirkung
Die Arrangements und die kraftvoll-pointierte Begleitung der Band geben der Stimme von Dagmar Manzel und der poetischen Sprache der Texte viel Raum zum Melancholieren, Schmunzeln und Nachdenken. Und Dagmar Manzel ist eine Sängerin, die so viel Humor einer heiteren Verzweiflung hat und ein fabelhaftes Gespür für alle Grade der Theatralik, dass sie den teils berühmten, teils bisher so gut wie unbekannten Liedern genau so viel frisches Leben mitgibt, wie sie brauchen. Wobei sie ausgesprochen ehrlich wirkt, weil sie auch nicht zu ihren Liedern auf Distanz geht. Das zog sich durch alle Lieder.
Aber besonders auffallend war es bei der „Ballade von der Hanna Cash“ von Ernst Busch auf einen Text von Bertolt Brecht, in der der wiederholte Satz „Das war die Hanna Cash, mein Kind“ deutlich spüren ließ, dass einem fragenden Kind hier wahre Antworten gegeben werden sollten. Wobei die Klarheit des Ausdrucks und die Flexibilität der Stimme bei Dagmar Manzel wohl auch daher kommen, dass sie sich ihre Stimme nie in Bayreuth ruiniert hat. Selbst der Tod entkam nicht der humorvoll-sentimentalen Umklammerung.
Und da war noch was mit der Nachtigall
Da waren Dagmar Manzel und ihr Team bei bekannten Dichtern in der Schublade „Nicht zu vergessen“ fündig geworden. Da sang sie Friedrich Hollaenders „Wenn ick mal tot bin“ und, wirklich köstlich, Otto Reuters „Bevor du sterbst“, eine To-do-Liste für die letzten Stunden vor dem Eintreffen des Sensenmannes, die nicht allen Erben Freude machen dürfte.
Zum Schluss konnte man wieder mit den eigenen Füßen auf dem Boden der gewachsenen Sentimentalität stehen. Da verabschiedete sich Dagmar Manzel mit dem berühmten Lied „Irgendwo auf der Welt“ von Werner Richard Heymann. Da durften alle mitsingen. Erstaunlich, wie viele das auch konnten. An dem Abend hat man jedenfalls auch in der weiteren Umgebung des Kur-theaters keine Nachtigall rülpsen hören.









