Lisa Kiesewetter und ihr Forschungsteam belegen inzwischen einen größeren Teil des Rhön-Saale Gründerzentrums (RSG) in Bad Kissingen. Verteilt auf drei Stockwerke finden sich fertig eingerichtete Büroarbeitsplätze, im Aufbau sind eine Werkstatt, ein Roboter und ein Biolabor. Kiesewetter ist Professorin für Laboranalytik und -automatisierung an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS). Außerdem leitet sie seit dem Frühjahr das vor zwei Jahren ins Leben gerufene Technologietransferzentrum (TTZ) Bad Kissingen.
Ihre Aufgabe: Das TTZ aufbauen und Forschungsprojekte umsetzen, die am Ende den Stifterunternehmen, also in der Region ansässigen Laboren, Kliniken und Medizintechnik-Unternehmen, die Arbeit erleichtern. Die Wissenschaftlerin erklärt, an welchen Projekten gearbeitet wird, warum Robotik und Künstliche Intelligenz für die Region wichtig sind und warum das TTZ für die Region Bad Kissingen wichtig ist.
Was lehren Sie als Professorin für Laboranalytik und Laborautomatisierung?
Lisa Kiesewetter: Ich lehre Elektrotechnik mit einem Fokus in der Medizintechnik. Es geht immer um einen medizintechnischen Aspekt: Wie ist die Anwendung beim Menschen, wie kann man therapieren, wie kann man Medizingeräte aufbauen.
Ihre Forschung am TTZ soll Medizinunternehmen aus der Region die Arbeit erleichtern. Was gibt es da für Herausforderungen?
Die Automatisierung beispielsweise. In der Automobilbranche wird Automatisierung viel länger gelebt. Die Medizintechnik hinkt da noch hinterher. Gerade für Unternehmen aus der Region ist es schwierig, Automatisierung umzusetzen, da sie sich nicht einfach eine Anlage von der Stange kaufen können, weil es die so nicht gibt und sie sehr individuelle Lösungen brauchen. Hier sehen wir als TTZ die Möglichkeit, ganz individuelle Lösungen zu entwickeln.
Am TTZ beteiligen sich unterschiedliche Unternehmen als Stifter: Labore wie LS und Laboklin, Medizintechnik-Produzenten wie Psilkon oder auch Klinikbetreiber wie Helios. Wie wollen Sie für jede Firma eigene Lösungen finden?
Wir sehen Überschneidungen. So unterschiedlich sie sind, in dem, was sie arbeiten, gibt es ähnliche Fragestellungen. Einige Themen können wir allgemein angehen, und dann für die einzelnen Stifter maßschneidern.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wir haben unterschiedliche Aspekte, die wir als TTZ bedienen möchten. Einer ist die Automatisierung, nehmen wir als Beispiel das Probenhandling. Wenn ein Hamster beim Tierarzt Blut abgenommen bekommt, ist das eine Probe im Mikroliter-Bereich. Da gibt es für Laboklin kein Gerät, das mit so einer kleinen Probe automatisiert umgehen kann. Das Labor LS prüft beispielsweise die Sterilität von Produkten, von Arzneilösungen, kleinen Kanülen bis hin zum Hüftimplantat. Da ist Probenhandling ebenfalls ein Thema. Bei beiden kann es ein Ziel sein, dass ein Roboter den Mitarbeitern Arbeit abnimmt, etwa indem er Proben anreicht oder die Arbeitsfläche vorbereitet. Als dritte Hand.
Woher wissen Sie, was die Firmen umtreibt?
Ich habe die Unternehmen besucht und mit Mitarbeitern gesprochen: Wo sind Schwierigkeiten, was passiert noch per Hand und bietet Potenzial für Automatisierung? Ich habe Wunschlisten gesammelt. Aus den Themen und Fragestellungen, bei denen wir Überschneidungen sehen, haben wir Leuchtturmprojekte definiert. Wir entwickeln erst einmal allgemeine Lösungen, die wir in einem späteren Schnitt maßschneidern – etwa einen Roboter, der mit kleinen Probenröhrchen umgehen und mittels KI-Bildanalyse die entsprechenden Probengefäße erkennen kann. Oder im Bereich der Mikroskopie: Das Trainieren einer KI mit firmeninternen Bilddaten für die automatisierte Erkennung und Bestimmung von Parasiten, Bakterien und Pilzen. Geräte auf dem Markt haben Schwierigkeiten, verschiedene Arten von Schimmelpilzen zu unterscheiden, da sie nicht für diese individuellen Anforderungen entwickelt worden sind.
Wie bauen Sie so einen Roboter?
Es ist nicht möglich, einen Roboter bei Laboklin oder LS aufzustellen. Da würden wir die ganze Arbeit durcheinanderbringen. Das werden wir bei uns aufbauen. Wir haben Laboringenieure, die Erfahrung mit Roboteranlagen haben. Wir haben festgelegt, wie unsere Anlage aussehen soll, also der Roboter und die Arbeitsplätze drumherum. Das haben wir so ausgelegt, dass wir damit unterschiedliche Prozesse nachstellen können – etwa das Zusammenarbeiten von Mensch und Roboter, aber auch die Interaktion des Roboters mit Laborgeräten.
Mit welchen Themen beschäftigt sich das TTZ noch?
Da geht es etwa um „Data Mining“. Man bringt verschiedene Daten aus dem Betrieb miteinander in Verbindung. Nehmen wir eine Charge von Silikon-Teilen bei Psilkon. Die Firma kennt über 20 Parameter, die in die Qualität ihrer Produkte mit einfließen und die beeinflussen, ob sie hinterher in Ordnung ist oder nicht. Fast alles läuft automatisiert, aber es kann sein, dass eine ganze Produktion über Nacht für die Tonne ist, nur weil ein Parameter nicht gepasst hat. Wir möchten die Prozessparameter analysieren und eine KI entwickeln, die eine Vorhersage trifft und etwa warnt: Achtung, es ist zu warm, es ist nicht sinnvoll, zu produzieren.
Wie weit ist der Aufbau des TTZ?
Ab Oktober haben wir sieben Mitarbeiter, aber wir werden weiter Zuwachs benötigen, etwa im Bereich KI und Softwareentwicklung. Wir arbeiten an der Ausstattung und waren viel mit der Planung beschäftigt, etwa für die Roboteranlage. Aktuell richten wir eine Werkstatt ein, bauen unsere IT mit eigenem Serverraum auf und werden auch ein Biolabor installieren. Wir investieren eine sechsstellige Summe in die Ausstattung, und das soll bis zum Tag der offenen Tür am 21. November fertig werden.
Wie ist die Perspektive?
Die Laufzeit vom TTZ ist erst einmal bis Ende 2027. Aber der Bedarf in der Region ist da und es wird sicher viele Projekte geben, die eine längere Laufzeit haben oder die Nachfolger benötigen. In erster Linie bedienen wir die Stifterunternehmen, aber zukünftig werden wir sicherlich auch überregional aktiv werden und deutschlandweit Forschungsprojekte initiieren.
Was bringt das TTZ der Region konkret?
Einen guten Zugang zur THWS und zu guten Arbeitskräften, was für die Unternehmen spannend ist. Dass maßgeschneiderte Projekte angegangen werden und dass Innovationen und Ideen der THWS mit einfließen, die es so noch nicht gibt und die das Unternehmen weiterbringen. Es erfordert von den Stiftern eine gewisse Offenheit, Neues zu probieren. Das ist mit etwas Risiko verbunden, etwa wenn es das TTZ nach 2027 nicht mehr gäbe. Unser oberstes Ziel ist es deshalb, das TTZ zu verstetigen. Labore und Medizintechnik sind für die Region eine Schlüsselindustrie.
Zur Person: Lisa Kiesewetter, geboren 1989, ist in Erlangen aufgewachsen und hat an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen Life Science Engineering studiert. Ihre Promotion absolvierte sie in Zusammenarbeit mit der FAU und der Uniklinik Würzburg zu künstlichen Hautmodellen als Alternative zu Tierversuchen. Sie arbeitete an verschiedenen Fraunhofer-Instituten, zuletzt als Projektleiterin in Würzburg. Seit 1. April 2025 ist sie Professorin an der THWS und hat die Stiftungsprofessur für das TTZ Bad Kissingen inne.














