Als ob die Geschehnisse am 23. August 2022 im Innenhof des Coburger Rathauses nicht schon dramatisch genug gewesen sind: Im Prozess gegen den 55-jährigen Oliver N., der am Abend jenes Sommertages zwei städtische Dienstfahrzeuge angezündet haben soll, wurden am zweiten Verhandlungstag weitere schockierende Details rund um die eigentliche Straftat bekannt. So hatte der Angeklagte bereits seit Monaten den Coburger Oberbürgermeister bedroht. Bekannt wurde das am Montag, als unter anderem zwei Einsatzkräfte der Polizei als Zeugen vernommen wurde.
Eine Polizeistreife suchte den OB auf
Eine 32 Jahre alte Polizeibeamtin war am 23. August 2022 mit als erstes am Brandort eingetroffen. Die Feuerwehr war bereits am Löschen und äußerte auch sehr schnell eine Vermutung: Ein technischer Defekt sei als Brandursache sehr unwahrscheinlich. Also musste auch eine Brandstiftung in Betracht gezogen werden.
Weil es sich um Fahrzeuge handelte, die zum Fuhrpark des Coburger Oberbürgermeisters gehören, wurde laut Aussagen der Polizeibeamtin sofort versucht, Kontakt mit OB Dominik Sauerteig aufzunehmen. „Er war aber telefonisch nicht zu erreichen.“ Daraufhin habe sie die Order bekommen, zusammen mit einem Kollegen zum Wohnhaus des Oberbürgermeisters zu fahren – um zu schauen, ob alles in Ordnung ist.
OB zeigte der Polizei E-Mails
Grundsätzlich war beim OB auch alles in Ordnung. „Er hat uns dann aber auch mehrere E-Mails gezeigt“, berichtete die Polizeibeamtin. Diese Mails hatte der Angeklagte in den vergangenen Wochen und Monaten an den OB geschickt. Die Polizeibeamtin sagte, dass sie die Mails auf dem Handy des OB zwar nur überflogen habe. Doch das habe bereits ausgereicht, um festzustellen, dass die Mails einen „bedrohlichen Inhalt“ hatten. Außerdem erinnerte sich die 32-Jährige daran, dass Wörter wie „Explosion“ und „Feuerwerkskörper“ vorkamen. Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse sei man sich einig gewesen, dass sich die Polizei diese Mails noch einmal genauer anschauen sollte.
Zeugen haben das Auto gesehen
Ein weiterer Polizist, der am Montag vor Gericht vernommen wurde, hatte am Abend des 23. August 2022 unter anderem den Auftrag, nach dem Auto des mutmaßlichen Brandstifters zu suchen. Denn das Auto von Oliver N. ist sehr auffällig, und es war unmittelbar vor Ausbruch des Feuers von gleich mehreren Zeugen in der Ketschengasse gesehen worden. Ebenso gab es Zeugen, die das Auto später am Großparkplatz Anger gesehen hatten.
Festnahme am Anger in Coburg
Der Polizist traf am Anger dann tatsächlich auf Oliver N: „Er saß auf einem Campingstuhl und spielte den Ahnungslosen.“ Weiter berichtete der Beamte, dass er sich das Auto von Oliver N. etwas näher angeschaut habe. Auf der Rückbank hätten allerhand Gegenstände gelegen. Zum Beispiel ein Feuerzeug, ein kleine Flasche Feuerzeugbenzin, eine größere Flasche Grillanzünder, eine bereits aufgerissene Packung mit Anzündwürfeln fürs Grillen, eine Flasche Salzsäure und auch eine Rolle Haushaltspapier. Zusammenfassung des Polizeibeamten vor Gericht: „Das war Material, das dazu geeignet ist, um einen Brand zu legen.“ Nach Rücksprache mit der Einsatzzentrale erfolgte daraufhin die Festnahme von Oliver N.
Bei der Rekonstruktion des Tatabends sind die Ermittler aber noch auf eine weitere interessante Begebenheit gestoßen. So hatte Oliver N. nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er am früheren Abend in einer Kneipe in der Ketschengasse eingekehrt ist. Vor Gericht wurde am Montag ein bekannter Coburger Sportfunktionär in den Zeugenstand gerufen, der zusammen mit einem Vereinskollegen ebenfalls in dieser Kneipe war und am Nebentisch von Oliver N. saß. „Er hat uns irgendwann einen Schnaps angeboten“, sagte der Sportfunktionär aus, „aber wir haben abgelehnt.“
Lästern über Avantasia
Dennoch hätte sich ein kurzes, überwiegend aber recht wirres Gespräch entwickelt. Zunächst habe sich der Tischnachbar vorgestellt mit den Worten: „Ich bin der Oli mit dem roten Fiat“. Als Nächstes habe Oliver N. über die bevorstehenden Open-Airs auf dem Coburger Schlossplatz gesprochen. Vor allem über das Konzert mit der Gruppe Avantasia würden sich die Leute noch wundern, habe Oliver N gesagt. Es folgten abstruse Vergleiche mit schlimmen Ereignissen in der deutschen Geschichte, ehe Oliver N. schließlich auf den Coburger Oberbürgermeister zu sprechen gekommen sei. Dieser – und auch sein „Gefolge“ – würden auch noch „ihr Fett abbekommen“.
Foto in der Kneipe
Richter Klaus Halves wollte vom Sportfunktionär wissen, ob diese Formulierung „Fett abbekommen“ noch näher von Oliver N. definiert worden sei. „Nein“, sagte der Zeuge. Man hätte ohnehin ständig versucht, das Gespräch zu beenden, weil man es als „sehr unangenehm“ empfunden habe. Und weil ihnen die ganze Situation unheimlich vorgekommen sei, machten sie – ohne ihre Beweggründe dafür näher beschreiben zu können – wenig später mit dem Handy ein Foto von Oliver N.. Dieses Foto wurde jetzt auch vor Gericht gezeigt. Darauf zu sehen ist der Angeklagte, wie er entspannt in der Kneipe sitzt. Wenige Stunden später brannte es im Innenhof des Rathauses.
Zahlreiche Zeugen vernommen
Am zweiten Verhandlungstag wurden außerdem gleich mehrere Zeugen gehört. Sie alle hatten am Abend des 23. August 2022 das sehr markante Auto des Angeklagten in der Ketschengasse gesehen.
Aufmerksames Paar aus Sonneberg
Besonders spannend waren die Aussagen von einem Paar aus Sonneberg. „Wir haben am Abend in der Nähe des Albertsplatzes geparkt und sind zum Marktplatz gelaufen“, berichtete der Mann. Kurz vor dem Marktplatz sei ihnen dieses Auto aufgefallen. Der Mann beschrieb es als „rot, ziemlich alt und mit vielen Aufklebern drauf“. Und: „Wir haben noch Witze darüber gemacht.“
Etwa eine Dreiviertelstunde später verging dem Paar aus Sonneberg das Lachen. Das auffällige rote Auto sahen sie nicht mehr. Aber dafür fiel ihnen auf dem Weg zurück in Richtung Albertsplatz etwas Anderes auf: Im Innenhof des Rathauses, der von der Ketschengasse aus einsehbar ist, brannten zwei Fahrzeuge! Die Frau erinnerte sich: „Mein Freund beobachtet alles immer sehr genau und hat das sofort bemerkt.“ Er habe zu ihr gesagt: „Ruf die Feuerwehr!“
Feuerwehr verhinderte Schlimmeres
Letztlich war es nur dem schnellen Eingreifen der Coburger Feuerwehr zu verdanken, dass es in der Coburger Altstadt nicht zu einer Katastrophe kam. So wurden am zweiten Verhandlungstag auch Fotos aus dem Innenhof gezeigt. Darauf zu sehen war, wie die Flammen bereits von den Autos auf die Gebäude übergegriffen hatten. Der Sachschaden an den Autos und den Gebäuden betrug insgesamt mehr als 300.000 Euro.
Fortsetzung am 20. März
Der Prozess gegen Oliver N., der seit seiner Festnahme in einer psychiatrischen Klinik untergebracht ist, wird am Montag, 20. März, 9 Uhr, fortgesetzt. Vermutlich wird dann auch ein Gutachter zu Wort kommen. Denn nach Auffassung der Staatsanwaltschaft leidet der Angeklagte unter einer schizoaffektiven Erkrankung, also einer Mischung aus Depression und Schizophrenie. Möglicherweise wird er deshalb für schuldunfähig erklärt.
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