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Kommentar zum Prozess
Im Namen und vor den Augen des Volkes
Julia Scholl kommentiert
Julia Scholl kommentiert // Cindy Dötschel
Coburg – Der Coburger Mordprozess gewährt Einblicke in menschliche Abgründe und ihre gesellschaftliche Wirkung.

Bei vielen Verhandlungen fühlt sich es als Pressevertreter an, als würde man in einem luftleeren Raum sitzen. Zuhörer sind rar. Doch nicht in diesem Fall. Der Mordprozess um Eva-Maria H. findet im prallen Licht der Öffentlichkeit statt. Nicht nur, weil etliche Medienvertreter anwesend sind. Nein, auch sehr viele Zuschauer begleiten jeden Prozesstag und einige kommen immer wieder. Ist es Sensationslust oder nachvollziehbare Neugier?

Prozess Tag 3: Und auch weiterhin treibt es viele Zuschauer ins Gericht.
Prozess Tag 3: Und auch weiterhin treibt es viele Zuschauer ins Gericht. // Foto: Julia Scholl

Besonders zu Beginn saßen Bekannte und Angehörige des Opfers und des Angeklagten im Publikum. Doch auch andere zog es ins Gericht. Warum? Selin Greiner, zum Beispiel, trieb wie viele andere eine Frage in den Saal: Wer ist der Mensch, der solch eine Tat getan haben soll? „Wenn man ihn gesehen hat, hätte man nie gedacht, dass er zu so etwas fähig ist. Aber man kann den Leuten halt nur vor den Kopf schauen“, sagte sie.

Mord-Prozess Coburg: Wissenschaftlerin Eva Maria getötet
 // Foto: Jonas Christmann

Über die vielen Stunden formte sich fast eine kleine Gemeinschaft unter den Zuhörern. In den Pausen tauschten sie sich über die schrecklichen Details aus, die sie gehört hatten. Manchmal tut es gut, das auf diese Weise zu verarbeiten.

Im Saal herrschte Ruhe, doch manchmal ging ein Raunen durch die Reihen, oder ein pfeifendes Einatmen. Ein moralischer Spiegel, der dem Angeklagten vorgehalten wurde. Kein Wunder, dass der 38-Jährige den Blick ins Publikum mied. Welche Blicke würden ihm da begegnen?

Senioren, Ehrenamtliche, junge Menschen: Es fühlte sich an, als säße Coburg mit im Gericht. Der Angeklagte muss sich nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch wirklich und wahrhaftig vor seinen Mitmenschen verantworten.

Auch am fünften Prozesstag ist wieder einiges los im Zuschauerraum.
Auch am fünften Prozesstag ist wieder einiges los im Zuschauerraum. // Foto: Julia Scholl

Der Prozess hat Licht auf die dunkelsten in Abgründe menschlicher Handlungen geworfen. Eine Tat – wie so viele – in der das Nein einer Frau ihr Todesurteil war. Einfach, weil ein Mann nicht das bekommen hat, was er wollte. Auch als Reporter ist es ein Fall, der einen in der Berichterstattung vor keine leichte Aufgabe stellt, der nachhallt.

Am Freitag nun ging der Prozess zu Ende. Lebenslänglich, so lautete das Urteil. Wie wird es wohl aufgenommen werden, das Urteil, das im Namen des Volkes gesprochen wurde? Klar ist: Jeder einzelne – ob im Saal oder nicht – wird, für sich ein Urteil fällen. 

Der Wirkungskreis einer solchen Tat ist groß

Für die Menschen und Familien, die um das Geschehene und Verlorene trauern, bleibt zu hoffen, dass sie Trost finden und diese schrecklichen Vorkommnisse irgendwann verarbeiten können. Auch das THW steht vor der Aufgabe, die Tragödie in den eigenen Reihen zu verarbeiten. Und da ist der Angeklagte – ein Mensch, der mit der Schuld leben muss, die er auf sich geladen hat. 

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