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Gericht
Schläger-Prozess in Coburg: Gebete für das Opfer?
Hier in der Badergasse in Coburg wurde am 16. September 2022 ein damals 55-jähriger brutal überfallen und schwer verletzt.
Hier in der Badergasse in Coburg wurde am 16. September 2022 ein damals 55-jähriger brutal überfallen und schwer verletzt. // Oliver Schmidt
Coburg – Am zweiten Verhandlungstag gibt es Einblicke ins bisherige Leben des Angeklagten Tim S. Der heute 20-Jährige soll gerne mal Streits angezettelt haben. An den Überfall in der Badergasse will er sich aber nicht mehr erinnern können.

Die beiden Angeklagten im Schläger-Prozess machen weiterhin keine Angaben zu dem Vorfall am 16. September 2022 in der Badergasse. Tim S. hatte am ersten Verhandlungstag über seinen Anwalt erklären lassen: Er könne sich an nichts mehr erinnern, weil er zuvor sehr viel Alkohol konsumiert habe.

Die Rolle des heute 20-jährigen Tim S. ist aber ohnehin sehr unklar. Zwischenzeitlich war er aus der Untersuchungshaft entlassen worden, weil durch Zeugenaussagen lediglich Joni A. als mutmaßlicher Täter belastet wurde. Monate später korrigierte eine Zeugin ihre Aussage, woraufhin Tim S. erneut in Untersuchungshaft genommen wurde.

Trennung der Eltern war „schwerer Schlag“

Am zweiten Verhandlungstag wurde nun einiges aus dem bisherigen Leben von Tim S. bekannt. Ein Gutachter schilderte, wie Tim S. eine zunächst „unauffällige“ Kindheit in Rödental gehabt habe. Doch vor allem die Trennung der Eltern 2016 sei ein „schwerer Schlag“ für ihn gewesen. Er lebte fortan bei seiner Mutter. Als diese eines Tages einen neuen Partner mit nach Hause brachte, habe Tim S. das nicht akzeptiert. Mehr noch: „Es hat ihn aggressiv gemacht“, so der Gutachter.

Mehr als zehn Bier am Tag

2018 schaffte Tim S. seinen qualifizierenden Hauptschulabschluss. Doch vieles andere in seinem Leben ging anschließend schief: Eine Lehre brach er ab, er konsumierte Drogen und trank auch immer mehr Alkohol. Zuletzt habe seine Tagesration aus zehn Flaschen Bier plus diverser Mixgetränke bestanden.

Hier betritt der Angeklagte Tim S. am ersten Verhandlungstag den Gerichtssaal in Coburg.
Hier betritt der Angeklagte Tim S. am ersten Verhandlungstag den Gerichtssaal in Coburg. // Oliver Schmidt

Anfang 2022 musste er sich wegen einer begangenen Körperverletzung vor Gericht verantworten. Er selber argumentierte, „in eine Auseinandersetzung hineingeraten“ zu sein. Dennoch wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Doch nicht nur diese Vorstrafe könnte ihm jetzt im aktuellen Fall negativ ausgelegt werden. Hinzu kommt, dass er auch am 31. Juli 2022 ein äußerst aggressives Verhalten gezeigt hat: Im Steinweg soll er kurz vor Mitternacht einen 28-jährigen Mann geschlagen haben. Diese Tat wird im Schläger-Prozess sozusagen gleich mitverhandelt.

„Die haben Streit gesucht“

Am Dienstag wurde deshalb das Opfer aus dem Steinweg als Zeuge vernommen. Bei dem Mann handelt es sich um einen Schausteller, der damals mit einem Geschäft beim Vogelschießen auf dem Anger vertreten war. Nach Festbetrieb wollte er zusammen mit vier Kollegen noch etwas trinken im Steinweg. Doch auf dem Weg dorthin seien ihnen mehrere junge Männer aufgefallen, die laut waren und gegen Verkehrsschilder traten. Als diese jungen Männer die Schausteller-Clique erblickten, hätte einer von ihnen gefragt: „Habt ihr uns ausgelacht?“ Für den Schausteller ist bis heute klar: „Die haben Streit gesucht.“ Obwohl er versucht habe zu beruhigen („Ich sagte: Lasst uns in Ruhe, wir wollen nur was trinken“), hätte Tim S. ihm mehrere Schläge verpasst, unter anderem einen sehr heftigen Schlag auf den Hinterkopf. Außerdem habe Tim S. den Schaustellern gedroht: „Wir stechen euch ab.“

Der 28-Jährige erlitt eine Schürfwunde, mehrere blaue Flecken und klagte tagelang über Kopfschmerzen, wie er sagte.

Mit der falschen Person am falschen Ort?

Interessant waren noch zwei weitere Aussagen des Gutachters, der sich ja auch mit Joni A. befasst hat. Joni A. habe demnach gewusst, „dass Tim S. gerne mal Streit anzettelt“. Den Vorfall vom 16. September 2022 habe er deshalb mit den Worten kommentiert: „Ich war mit der falschen Person am falschen Ort.“

Gebete für das Opfer

Abschließend berichtete der Gutachter, dass sich Tim S. zwar an nichts mehr erinnern könne. „Aber als er gehört hat, was in der Badergasse passiert sein soll, hat er für den Mann gebetet.“

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