Es ist ein Fall, der wie viele andere hinter verschlossener Tür stattgefunden haben soll. Doch ein unschuldiges TikTok-Spiel öffnete sie einen Spalt und lässt Einblicke in ein wohl zerrüttetes Familienleben zu. Im Zentrum: ein Vater und seine leibliche Tochter. Im Prozess am Coburger Landgericht ist nun eine große Frage zu klären: Hat ein Vater seine Tochter missbraucht?
Das ist bisher passiert
Johann K. (Name von der Redaktion geändert) muss sich seit Ende September vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Coburg verantworten. Die Anklage: schwerer sexueller Missbrauch von Kindern in mehr als 100 Fällen. Dem 45-Jährigen wird vorgeworfen, seine leibliche Tochter Marie K. (Name von der Redaktion geändert) über etwa acht Jahre hinweg bis ins Jahr 2024 in sexueller Weise berührt und sie zum Oralverkehr gedrängt zu haben. Zudem soll er in zwei Fällen versucht haben, mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben. Zu Beginn des Missbrauchs soll sie sieben Jahre alt gewesen sein.
An zwei vorherigen Prozesstagen hat die Kammer bereits eine Reihe an Zeugen vernommen. Teile der Zeugenaussagen haben auf richterlichen Beschluss hin unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden, um die Intimsphäre des Angeklagten, die der Tochter und Angehörigen zu wahren.
Die ersten Zeugen
Wie Medien berichten, habe eine Polizeibeamtin am ersten Prozesstag von der Vernehmung der Mutter von Marie K. erzählt. Diese habe von einem angespannten Verhältnis zu ihrer Tochter gesprochen. Es sei wohl häufiger zu Streit gekommen, unter anderem aufgrund schulischer Leistungen. Zum Vater sei das Verhältnis immer besser gewesen, schilderte die Beamtin die Aussage der Mutter.
Dieselbe Beamtin hatte auch die Freundinnen, denen sich Marie K. auf einer Chorfreizeit anvertraute, vernommen. Die Mädchen hätten in ihren Befragungen bestätigt, dass Marie K. ihnen von sexuellen Übergriffen des Vaters erzählt habe.
„We listen and we don't judge“
Am zweiten Prozesstag standen die Mädchen selbst im Zeugenstand und schilderten die angespannte Situation bei Marie K. zu Hause. Herausgekommen sei die ganze Geschichte, als die Mädchen auf der Chorfreizeit das TikTok-Spiel „We listen and we don't judge“ („Wir hören zu und verurteilen nicht“) gespielt haben. Eine Art modernes Flaschendrehen, bei dem Geheimnisse erzählt werden. Hier habe Marie K. ihnen von den Übergriffen ihres Vaters erzählt. Auch eine Sozialpädagogin des Jugendamtes, die zum Fall herangezogen wurde, hat bereits ausgesagt und die Schilderungen bestätigt.
Großmutter ändert ihre Meinung
Ebenfalls am ersten Verhandlungstag vernommen wurde die Mutter des Angeklagten, bei der Marie K. untergekommen war. Wie Medien berichten, habe sie zunächst von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, dann jedoch auf Bitten der Staatsanwältin und der Nebenklagevertreterin ihre Meinung geändert. Ihre Aussage habe jedoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Ebenso ausgesagt habe der Bruder des Angeklagten, der die Strafanzeige gegen den Angeklagten gestellt hatte.
Am zweiten Verhandlungstag wurde auch der Erziehungsbeistand von Marie K. gehört. In ihrer Aussage sei, laut Medienbericht, deutlich geworden, wie sehr die Jugendliche die Situation und auch das Verfahren mitnehme. Marie K. könne nur langsam Vertrauen aufbauen. Sie leide unter massiver Angst, soll auch die Therapeutin geschildert haben. Allein der Gedanke an die Verhandlung löse massiven Druck aus, so die Therapeutin. Sie bat darum, dass Marie K. nicht vernommen wird.
Der dritte Verhandlungstag
Dieser Bitte kann jedoch nicht entsprochen werden, wie der nun dritte Verhandlungstag zeigte. Ein Grund dafür war der Angeklagte, der sich bisher in Schweigen gehüllt hat. Und so musste Marie K. am nunmehr dritten Prozesstag aussagen. Allerdings fand ihre Aussage nicht nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Vorsitzender Richter Klaus Halves ordnete zudem eine audiovisuelle Vernehmung an, was bedeutet, dass Marie K. nicht vor dem Angeklagten aussagen muss, sondern ihre Aussage aus einem anderen Raum übertragen wird. „Sie leidet an Angst- und Panikattacken“, begründete Richter Halves. Eine reguläre Vernehmung wäre eine starke psychische Belastung für sie. An die vier Stunden dauerte die Vernehmung der Jugendlichen.
Die Aussage der Mutter
Mit deutlicher Verspätung wurde als letzte Zeugin des Tages die Mutter von Marie K. gehört. Schnell wurde deutlich: Das Verhältnis von Mutter und Tochter ist zerrüttet. Besonders mit Beginn der Pubertät hätten die Konflikte basierend auf schulischen Leistungen zugenommen und die Dynamik verschärft. „Mein Mann hatte schon immer das engere Verhältnis zu unserer Tochter. Vielleicht auch bedingt durch unsere täglichen Grabenkämpfe. Er hat sich immer vor sie gestellt und viel zu viel toleriert, in meinen Augen“, schildert die Mutter.
Das enge Verhältnis sei auch körperlich deutlich geworden: Morgens und abends habe der Vater lang Zeit mit Marie im Bett gelegen, sie beim Einschlafen und Aufwachen begleitet, was die Mutter mit zunehmendem Alter der Tochter als unangemessen empfand. Beim Sohn gab es diese Form der Nähe nicht, bestätigt sie. Auch das Verhalten des Vaters – etwa beim „Rumblödeln“ mit der Tochter – wurde von ihr als irritierend wahrgenommen.
Glaubt die Mutter der Tochter?
Doch die Mutter berichtete auch von häufigen Lügen und einem daraus resultierenden tiefen Vertrauensverlust in ihre Tochter. Das erstreckt sich wohl auch auf die Vorwürfe, die dem Vater zur Last gelegt werden. In einer polizeilichen Vernehmung soll die Mutter gesagt haben: „Ich glaube, meine Tochter lügt, um ein bequemes Leben bei ihrer Oma zu haben“. Von der Nebenklagevertreterin Imhoff konfrontiert mit ihrer Aussage, sagt die Mutter, dass die Tochter schon vorher mehrfach geäußert hat, zur Oma zu gehen, wenn ihr etwas nicht passt. „Ich glaube, sie hat damals nicht überblickt, was sie in Gang gesetzt hat“, sagt sie in Bezug die Vorwürfe in dem Verfahren. Fragen, die unter anderem den Intimbereich der Tochter und des Ehemanns betreffen, wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit gestellt.
Wie die Kammer die stundenlange Vernehmung des mutmaßlichen Opfers und die Aussage der Mutter einordnen wird, bleibt abzuwarten. Der Prozess wird am Mittwoch, 15. Oktober, fortgesetzt.












