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Interview
Udo Skrzypczak: Vom Streifenpolizisten zum Präsidenten
Udo Skrzypczak ist scheidender Präsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Mit 64 Jahren geht er nun in den Ruhestand. Ein Blick auf die Karriere des Coburger.
Udo Skrzypczak ist scheidender Präsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Mit 64 Jahren geht er nun in den Ruhestand. Ein Blick auf die Karriere des Coburger. // Julia Scholl
Coburg – Udo Skrzypczak begann als einfacher Polizist und wurde später Präsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Zum Ruhestand erzählt er von prägenden Momenten und wie es um den Nachwuchs steht.

Die Bayerische Bereitschaftspolizei ist die erste und letzte Station von Udo Skrzypczaks beruflicher Laufbahn. Der Polizeipräsident und gebürtige Coburger verabschiedet sich Ende Juli in den Ruhestand. Welche Erlebnisse ihn in seiner Polizeikarriere (mehr dazu unten) besonders geformt haben und wie es um den polizeilichen Nachwuchs steht, verrät er im Interview. 

Herr Skrzypczak, Sie haben 1978 Ihre Ausbildung für den mittleren Polizeivollzugsdienst bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei begonnen. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie mal als deren Chef in Ruhestand gehen?

Natürlich nicht, wenn man damals einen Gedanken daran verschwendet hätte, wäre man wahrscheinlich zum Polizeiarzt vorgeladen worden. Damals war das Ziel in der Laufbahn des mittleren Dienstes, das Endamt zu erreichen, den Hauptmeister, vielleicht noch in der Funktion des Verkehrserziehers oder des Hundeführers. An alles andere war nicht zu denken, das hat erst im Laufe der Zeit Form angenommen.

Dezember 2008: Die Kinder erläutern dem damaligen Polizeichef Udo Skrypczak und Rektor Axel Meyer ihr Bild, das bei einem Malwettbewerb für einen Kalender ausgewählt wurde.
Dezember 2008: Die Kinder erläutern dem damaligen Polizeichef Udo Skrypczak und Rektor Axel Meyer ihr Bild, das bei einem Malwettbewerb für einen Kalender ausgewählt wurde. // CT-Archiv

Sie hatten in Ihrem beruflichen Leben so einige Stationen. Wo haben Sie besonders viel mitgenommen?

In den ersten Berufsjahren habe ich sehr viel mitgenommen. Das war die Zeit, in der ich in München drei Jahre im Streifendienst war. Man lernt, mit Menschen umzugehen, auch mit schwierigen Situationen. Das fängt an mit der Alarmierung zu einem Ehestreit, bei dem man Menschen im Alter der eigenen Eltern nun sagen soll, wie es weitergeht und geht bis hin zur Überbringung von Todesnachrichten. Das waren natürlich immer die bittersten Aufgaben.  

Die Bayerische Bereitschaftspolizei ist auch für die Aus- und Weiterbildung zuständig. Wie steht es denn um den Polizei-Nachwuchs?

Also kann ich sagen, dass die Bayerische Polizei derzeit keine Nachwuchssorgen hat. Wir haben am Samstag erst 1510 junge Beamtinnen und Beamte auf ihren Beruf vereidigt. Wir hatten nach der Pandemie tatsächlich mal eine Delle, das lag aber daran, dass wir insbesondere unsere Werbemaßnahmen nicht in dem Maß umsetzen konnten. Im Moment haben wir auf jede freie Stelle acht Bewerberinnen und Bewerber. Die brauchen wir aber auch, weil wir auf dem Weg zur Einstellung in der Regel sieben Leute verlieren. Durch eine schwere Einstellungsprüfung, entsprechende Gesundheitsprüfungen, einen Sporttest und natürlich auch durch Einflüsse von außen, wie Bewerber, die ein attraktiveres Angebot bekommen haben und wieder abspringen.

Udo Skrzypczak ist scheidender Präsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Mit 64 Jahren geht er nun in den Ruhestand. Ein Blick auf die Karriere des Coburger.
Udo Skrzypczak ist scheidender Präsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Mit 64 Jahren geht er nun in den Ruhestand. Ein Blick auf die Karriere des Coburger. // Julia Scholl

Wenn Sie sich zurückerinnern, wie unterscheiden sich die jungen Polizisten-Anwärter von früher zu heute?

Sie sind aufgeklärter, anspruchsvoller, kritischer – aber positiv kritisch, weil sie einfach wissen wollen, was sie tun. Gerade, was die Ausbildungsinhalte angeht. Bei uns gab es Dinge, die Bestandteil der Ausbildung waren, die hat man durchgestanden und nicht hinterfragt. Heute gibt es vor allem viele praktische Anteile von der Waffenhandhabung bis zu Situationen, die man quasi im „Labor“ übt, wie eine Verkehrskontrolle. Wir sind damals eigentlich erst Polizisten geworden, als wir in die Dienststellen kamen. Heute kommen die Leute als fertige Polizisten auf die Straße, auf die Dienststelle und können älteren Kollegen zum Beispiel im Bereich IT viel beibringen. Und wir versuchen den jungen Menschen auch einen Wertekompass einzupflanzen. Zu vermitteln, warum mache ich diesen Beruf, wofür stehe ich ein. Dieses Wertekonzept und die Grundrechte sind elementar in jeder Ausbildung.

Besuch aus dem Innenministerium hatte im Januar 2005 die Polizeiinspektion Lichtenfels. Im Bild (von links) Roland Eibl, damals Erster Polizeihauptkommissar Willibert Lankes, damals Polizeidirektor Udo Skrypczak, Abgeordneter Christian Meißner, Staatssekretär Georg Schmid und damaliger Polizeipräsident Wolfgang Asprion.
Besuch aus dem Innenministerium hatte im Januar 2005 die Polizeiinspektion Lichtenfels. Im Bild (von links) Roland Eibl, damals Erster Polizeihauptkommissar Willibert Lankes, damals Polizeidirektor Udo Skrypczak, Abgeordneter Christian Meißner, Staatssekretär Georg Schmid und damaliger Polizeipräsident Wolfgang Asprion. // CT-Archiv

Reden wir über ein einschneidendes Ereignis: 2019 wurde im Dienstgebäude der Bereitschaftspolizei in Würzburg ein 21-jähriger Kollege von einem damals 19-Jährigen erschossen. Es wurde eine Kugel im Lauf vergessen und bei „Spielchen“ mit der Waffe kam es zu dem tragischen Ereignis. Zu dem Zeitpunkt waren Sie noch nicht Polizeipräsident. Sie hatten aber sicher mit den Nachwirkungen zu tun. Wie haben Sie den Fall damals verfolgt?

Es war damals so, dass sich der Wachhabende die Patronen nicht hat vorzählen lassen und tragischerweise eine im Laufe vergessen wurde. Alle waren natürlich bestürzt über das, was passiert ist. Besonders die Nachbearbeitungsphase und dann natürlich den Prozess gegen den dann schon Ex-Kollegen habe ich miterlebt. Später gab es auch noch Privatklagen der Eltern. Es ist ein unendliches Leid, was durch den Vorfall verursacht wurde. Die beiden jungen Männer kannten sich schon aus der Schulzeit. 

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Das Wort ist deine schärfste Waffe, danach kommt lange nichts. 

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Udo Skrzypczak Polizeipräsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei

Welche Konsequenzen hat man aus dem Vorfall gezogen?

Der sichere Umgang mit der Schusswaffe ist etwas, worauf wir vom ersten Tag an größten Wert legen. Wer hier in irgendeiner Form leichtfertig handelt, oder meint, er müsse in Wildwest-Manier Spielchen treiben, spielt sehr schnell mit seiner polizeilichen Kariere. Und trotzdem passiert dann irgendwo ein Fehler. Wir haben den Vorfall natürlich analysiert, aber keine grundsätzlichen Verbesserungsmöglichkeiten festgestellt. Wenn sich alle an die Regelungen gehalten hätten, wäre das nicht passiert. Aber natürlich hat der Vorfall bis heute Nachwirkungen und wird in den jetzigen Jahrgängen auch thematisiert. Denn es kann nicht sein, dass man auch nur aus irgendeinem Schabernack eine Waffe auf einen Menschen richtet. Es ist im Polizeidienst das äußerste Mittel.

Mussten Sie Ihre Waffe mal benutzen?

Ich musste in meinem Streifendienst einmal die Waffe ziehen und richten, aber nicht schießen. Aber selbst dieses Erlebnis hat bei mir tagelange Aufarbeitung ausgelöst. Von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, ist das Schlimmste, was jedem Kollegen passieren kann, es ist die absolute Katastrophe. Ich sage immer: Das Wort ist deine schärfste Waffe, danach kommt lange nichts. 

Der Vorfall in Mannheim, bei dem ein Polizist bei einem Messerangriff gestorben ist, hat große Wellen geschlagen. Wie groß ist das Problem von Gewalt gegen Polizisten?

Also die Statistik sagt, dass die Gewalt gegen Polizeibeamte in der Tendenz leicht steigend ist. Insbesondere im Streifendienst kommt es zu Eskalationen. Da muss man unseren Kollegen auch immer mal sagen, dass sie dabei nicht als Person gemeint sind, sondern als Repräsentant des Staates. Wir reagieren darauf, indem wir unsere Kollegen bestmöglich ausbilden und ausrüsten. Aber es ist keinesfalls so, dass wir die wehrlose, „geprügelte Polizei“ wären. 

Sie geben das Amt des Polizeipräsidenten jetzt ab. Mit welchen Herausforderungen wird Ihr Nachfolger jetzt konfrontiert?

Der Zug der Bereitschaftspolizei fährt nicht in den Bahnhof ein, ich steige aus und er steigt ein, sondern ich springe in voller Fahrt ab. Das Geschäft geht weiter und wir haben einige Projekte am Laufen. Wir führen gerade ein neues Hubschrauberstaffelmodell ein, bauen ein Logistikzentrum für die Versorgung der Bayerischen Polizei in Hof und evaluieren gerade auch wieder die Ausbildung. 

Dezember 2008: Auf den Spuren von Heinz Rühmann: Der damalige Polizeichef Udo Skrypczak setzt am Weihnachtsmarktstand des Lions Club Coburg eine Feuerzangenbowle an.
Dezember 2008: Auf den Spuren von Heinz Rühmann: Der damalige Polizeichef Udo Skrypczak setzt am Weihnachtsmarktstand des Lions Club Coburg eine Feuerzangenbowle an. // CT-Archiv/OS

Bei Ihrer Ernennung 2020 wurden vom Innenminister Herrmann ihre „herausragenden Führungsqualitäten“ gelobt. Sie hatten in Ihrer Laufbahn einige Chefposten. Was sollte eine Führungskraft in der heutigen Zeit mitbringen?

Bei der derzeitigen Lage auf dem Arbeitsmarkt und der Suche nach Fachkräften wird es zunehmend wichtig, sich um die Mitarbeiter zu kümmern. Wir müssen einen Betrieb schaffen, wo man sich wertgeschätzt und auch kollegial aufgehoben fühlt. Eine gute Führungskraft kennt sein Team und es ist die Königsaufgabe, die richtige Person für den richtigen Platz zu finden. 

Wenn Sie ihrem jüngeren Ich, das gerade die Ausbildung macht, einen Tipp geben könnten, welcher wäre das?

Niemals verbissen nach höherem Streben. Natürlich muss man ordentlich leisten und man braucht auch immer Förderer, die einen erkennen. Aber in dem Moment, wo man nach einem Ziel giert, wird man angespannt. Es fehlt dann der Blick für das, was in dem Moment wichtig ist.

Spannen wir von der Vergangenheit nun den Bogen in die Zukunft. Worauf freuen Sie sich im Ruhestand?

Ich freue mich, dass ich wieder Herr meiner Zeit bin. Ich freue mich, dass diese Last der Verantwortung, auch wenn man sie nicht tagtäglich gespürt hat, abfallen wird. Ich werde viel Zeit für meine Familie, die Kinder und Enkel haben und für das Reisen mit dem Wohnwagen. Einen konkreten Plan habe ich aber nicht. 

Dezember 2008: Ausgelassen feiern, ohne mit dem Gesetz in Konflikt geraten - das geht. Links ehemaliger Oberbürgermeister Norbert Kastner, rechts Udo Skrypczak, damals Polizeidirektor, bei einem nächtlichen Streifengang.
Dezember 2008: Ausgelassen feiern, ohne mit dem Gesetz in Konflikt geraten - das geht. Links ehemaliger Oberbürgermeister Norbert Kastner, rechts Udo Skrypczak, damals Polizeidirektor, bei einem nächtlichen Streifengang. // Carsten Höllein/CT-Archiv

Steckbrief und Lebenslauf:

Udo Skrzypczak wurde am 31.Juli 1960 in Coburg geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und inzwischen vier Enkelkinder und wohnt in Rödental. 

Berufliche Laufbahn

  • 1978 – 1980: Ausbildung für den mittleren Polizeivollzugsdienst bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei
  • 1980 – 1984: Streifendienst beim Polizeipräsidium München
  • 1984 – 1986: Aufstieg in den gehobenen Polizeivollzugsdienst
  • 1986 – 1993: Verwendung in verschiedenen Funktionen des gehobenen Polizeivollzugsdienstes beim Polizeipräsidium München
  • 1993 – 1995: Aufstieg in den höheren Polizeivollzugsdienst
  • 1995 – 2000: Leiter Einsatz bei der Polizeidirektion Coburg
  • 2000 – 2002: Sachgebietsleiter Organisation und Dienstbetrieb beim Polizeipräsidium Oberfranken
  • 2002 – 2009: Leiter der Polizeidirektion Coburg
  • 2009 – 2016: Leiter der Polizeiinspektion Bamberg-Stadt
  • 2016 – 2020:  Leiter der Abteilung Einsatz zgl. ständiger Vertreter des Polizeipräsidenten Oberfranken
  • 2020  – Juli 2024: Polizeipräsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei

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