Die Menschen ein Stückchen glücklicher machen. Das ist das Anliegen von Franziska Bartsch. Die systemische Paar- und Sexualtherapeutin aus Coburg hilft Paaren, die Probleme in ihren Beziehungen haben. „Gute Beziehungen und tiefe Verbindungen zu anderen Menschen sind der Schlüssel für ein zufriedenes Leben." Davon ist sie überzeugt, deshalb arbeitet sie nach einem systemischen Ansatz. Das bedeutet, dass man den Menschen nicht als isoliertes Wesen betrachtet, sondern als Teil eines Systems, wie zum Beispiel eines Familien- oder Paarsystems.
"Gerade in Partnerschaften kommt es darauf an, in Beziehung zueinander zu stehen und dies bedeutet im Wesentlichen, sich tatsächlich aufeinander zu beziehen und nicht zwei getrennte Leben nebeneinander zu führen“, sagt sie im Interview.
Wie definieren Sie Liebe innerhalb einer Paarbeziehung?
Franziska Bartsch: Tiefe Verbundenheit. Wobei man differenzieren muss, in welchem Stadium man sich in einer Partnerschaft befindet. Am Anfang einer Beziehung ist vor allem sexuelle Anziehungskraft meist vorherrschend, was meiner Meinung nach ebenfalls eine Form von Liebe ist. Diese entwickelt sich dann im besten Fall zu einer tiefen Verbundenheit, dem etwas Beständiges, Verzeihliches innewohnt.
Die Liebe sollte die Quelle sein, die uns daran hindert, die Beziehung zu verlassen, selbst wenn schwere Zeiten aufziehen – seien es beziehungsinterne Probleme oder externe Einflüsse, die das Leben miteinander auf die Probe stellen. Liebe ist und bleibt jedoch ein Gefühl, das schwer zu greifen und zu definieren ist, was es aber eben auch auf eine Art schön und geheimnisvoll macht.
Wie kann man eine liebevolle Beziehung erhalten?
Zuallererst muss man sich vor Augen halten, dass eine erfüllende Beziehung nicht einfach geschieht, sondern Arbeit ist. Arbeit an sich selbst und an dem Miteinander. Wir alle werden im Laufe unseres Lebens geprägt, mal beziehungsdienlicher, mal etwas dysfunktionaler.
“Es gilt vorerst herauszufinden, was mein ganz persönlicher Anspruch an eine Beziehung ist und zu überprüfen, ob dies realisierbar ist.
”
Dies muss zwangsläufig nicht erst vor dem Eingehen einer Partnerschaft erfolgen, sondern kann mithilfe dieser sogar besser ergründet werden. Wenn diese Reflexion auf beiden Seiten geschieht und man darüber stetig im Austausch bleibt, ist der Grundstein gelegt, seine Bedürfnisse zu erfüllen und auch erfüllt zu bekommen.
Wichtig ist, dass man sich und den anderen nicht aus den Augen verliert. So wie man sich selbst öfter am Tag fragen sollte, wie das körperliche als auch das mentale Befinden ist, so sollte man dies ebenfalls bei seinem Partner oder bei seiner Partnerin tun. Sollten sich hierbei Themen auftun, die einen oder beide Parteien beschäftigen, dann muss darüber gesprochen werden, bis sich beide emotional abgeholt fühlen.
Welchen Einfluss hat Sex auf die Liebe? Welchen Stellenwert sollte Sex in einer Beziehung haben?
Sex hat insofern großen Einfluss auf die Liebe, als dass es uns in vielen Facetten gleichzeitig befriedigen kann, was wiederum das Gefühl von Verbundenheit fördert. Intim miteinander zu werden, bedeutet sich vor dem Anderen nicht nur rein äußerlich nackt zu machen.
“Wenn man sich überwindet und dem Anderen offenlegt, was einem gefällt, wo und wie man berührt werden möchte, hat es etwas überaus Vertrauensvolles in sich.
”
Wenn es sich um einen hingebungsvollen Akt handelt, befriedigt Sex das Vertrauen in sich, in das Miteinander und fördert das allgemeine Wohlbefinden. Auch wenn ein Orgasmus nicht zwingend das Ziel sein muss, kann er ein liebevolles Geschenk des Gegenübers sein, was ebenfalls das Beziehungsband stärken kann.
Sex sollte definitiv ein hoher Stellenwert zugesprochen werden. Jedoch soll dies nicht bedeuten, dass man strikt darauf achtet, die „passende“ Anzahl an sexuellen Begegnungen zu erfüllen. Denn es kommt mehr auf die Qualität als auf die Quantität an. Sollte es zu Problemen im sexuellen Miteinander kommen, macht es in jedem Fall Sinn, da genauer hinzuschauen und zu überprüfen, wie es dazu kam, anstatt es einfach hinzunehmen.
Was sind Liebeskiller?
Desinteresse am Gegenüber. Das ist ein absolutes No-Go. Es muss immer darauf geachtet werden, Anteil am Leben des anderen zu nehmen. Andernfalls lebt man sich ganz klassisch auseinander und die Partnerschaft fängt an zu bröckeln.
In welchem Alter treten bei Paaren die häufigsten Probleme auf?
Meiner Erfahrung nach kann man dies nicht am Alter festmachen. Vielmehr hängen Probleme mit Lebensumständen zusammen, die sich ändern. Man hat sich am Anfang einer Beziehung auf ein funktionierendes Miteinander verbal oder ganz automatisch verständigt und plötzlich erleidet ein Partner einen Schicksalsschlag oder ein anderes einschneidendes Erlebnis. Dies bringt eine gewisse Wesensveränderung mit sich. Das bisherige Beziehungsleben ist in ihrer Form eventuell nicht mehr möglich, sodass Probleme entstehen.
Oder zwei Menschen verlieben sich, gehen eine Beziehung ein und es stellt sich relativ schnell heraus, dass sich die jeweiligen Charaktere vielleicht doch nicht mehr so gut ergänzen. Dann ist es die Frage der jeweiligen Persönlichkeiten, ob diese mit Problemen einhergehenden Unterschiede bearbeitet oder verdrängt werden.
Macht es Sinn, immer erstmal um eine Beziehung zu kämpfen?
Absolut. Man wird nicht umhinkommen, an der ein oder anderen Stelle, um die Beziehung kämpfen zu müssen. Natürlich sollte man hierbei immer sein eigenes Energielevel im Auge behalten. Beziehungen sollten uns langfristig guttun und uns nicht schaden. Auch ist es ratsam abzuklären, inwiefern der Andere überhaupt noch gewillt ist, an der Beziehung festzuhalten. Denn selbst die größte Liebe kann manchmal eine Beziehung nicht retten, wenn es einer Partei nicht möglich ist, in Beziehung überhaupt zu gehen oder bleiben zu können.
Man sollte sich in diesem Zusammenhang auch immer bewusst machen, dass eine Beziehung, selbst bei größter Verbundenheit, aus zwei Individuen mit ihren ganz eigenen Persönlichkeiten besteht, die zwangsläufig zu unterschiedlichen Meinungen sowie Herangehensweisen führt. Es ist somit unumgänglich, an einem Miteinander arbeiten zu müssen.
Hat das Thema Narzissmus in den letzten Jahren zugenommen? Zurecht?
Meinem Empfinden nach hat das Thema zugenommen. Ich betrachte diese Entwicklung jedoch kritisch. Erstmal muss man sich vergegenwärtigen, dass es sich bei „Narzissmus“, anders als oft deklariert, nicht um eine psychische Störung handelt, da die bisher damit assoziierten Persönlichkeitsmerkmale zu pauschal waren. Dem Regelwerk zur Folge werden narzisstische Merkmale allenfalls als Unterkategorie aufgeführt. Diese Tatsache ist mir insofern wichtig zu betonen, als dass es wieder eine gewisse Art von Einflussnahme zulässt.
Denn wenn es für mich klar ist, dass mein Gegenüber narzisstisch und somit krank ist, kann ich selbst an der damit einhergehenden Beziehungsdynamik (hier sind tatsächlich alle Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen gemeint) nichts ändern. Dem ist jedoch in den meisten Fällen nicht so.
“Man selbst kann Einfluss nehmen, wie Andere sich einem selbst gegenüber verhalten. Gerade bei Personen mit narzisstischen Tendenzen ist es sehr wichtig und hilfreich, Grenzen zu setzen und nachhaltig für sich einzustehen.
”
Wie haben sich Paarbeziehungen in den vergangenen fünf Jahrzehnten verändert?
Mal abgesehen davon, dass es mittlerweile viele verschiedene Beziehungsmodelle gibt, wie gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder auch polyamore Beziehungen, die deutlich machen, dass das traditionelle Beziehungsmodell nicht mehr automatisch geläufig ist, haben sich die Rollenbilder in den Mann-Frau-Beziehungen deutlich verändert.
War es noch der Mann, der früher das Geld verdienen musste und somit die Pflicht innehatte, für die Familie finanziell zu sorgen, sind heutzutage andere Qualitäten von Wichtigkeit. Frauen verdienen selbst ihr Geld, streben Karrieren an oder möchten sich selbst außerhalb der Kindererziehung verwirklichen hat nun mal zwangsläufig zur Folge, dass der Mann mehr Aufgaben im Haushalt und in der Kindererziehung erfüllen muss.
Diese bereits seit Jahrzehnten fortschreitende Entwicklung führt ebenfalls dazu, dass andere Persönlichkeitseigenschaften wichtig sind.
“Es braucht nicht mehr den kalten, strengen Mann, sondern vielmehr eine emotionale Stütze und einen aufmerksamen Gesprächspartner.
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Die festgesetzten Rollenbilder (Frau zu Hause, kümmert sich um Haushalt und Kinder – der Mann arbeitet) gibt es als solches nicht mehr. Die Auswahl eines eigens, auf die Individuen zugeschnittenen Zusammenlebens ist jetzt vorherrschend. Dies kann natürlich trotzdem dazu führen, dass das traditionelle Beziehungsleben geführt wird, nur eben aus freien Stücken entschieden und nicht weil es verpflichtend.
Wir danken für das Gespräch.
Zur Person
Franziska Bartsch, 1990 geboren, begann zunächst eine Ausbildung in der Versicherungsbranche. Dort arbeitete sie über zehn Jahre. Es kristallisierte sich zunehmend raus, dass die Psychologie eher ihrer Leidenschaft entsprach, weshalb sie im Jahr 2020 mit dem Studium der Psychologie an der Euro-FH in Hamburg begann. Anfang des Jahres 2024 schloss sie dem noch eine akkreditierte Weiterbildung zur Systemischen Sexual- und Paartherapeutin bei Professor Dr. Ulrich Clement an. Im Rahmen dessen vertiefte sie ihr Wissen zum Thema „Umgang mit Affäre".
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