Erst ist es der verlegte Schlüssel. Dann die Zahlen auf den Kniffel-Würfeln, die immer weniger Sinn ergeben. Und die Worte, die zwar auf der Zunge liegen, aber nicht über die Lippen kommen. Mit jedem Tag bleibt noch ein Wort stecken und immer mehr Buchstaben und Zahlen verheddern sich. Gedanken, die im Kopf gefangen sind. Erinnerungen, die verblassen und irgendwann ganz verschwinden...
Bei Demenz wacht man nicht eines Morgens mit gelöschtem Gedächtnis auf. Es ist ein langsamer Prozess. Begleitet von Frustration und meistens pflegenden Angehörigen, ohne die es nicht ginge. Wird der Pflegegrad 1 abgeschafft, fiele ihre staatliche Unterstützung weg.
“Für die Angehörigen ist es sehr entlastend, wenn jemand vorbeikommt und sie so ein paar Stunden in der Woche Zeit für sich haben können.
”
Was ist Pflegegrad 1?
Im Jahr 2017 wurde der Pflegegrad 1 eingeführt. Er sollte es vor allem alten Menschen ermöglichen, so lange wie es geht in ihrem Zuhause zu bleiben und relativ selbstständig leben zu können. Pflegegrad 1 beinhaltet kostenlose Beratung rund um Pflege, Pflegekurse für Angehörige, finanzielle Zuschüsse für Umbaumaßnahmen und eine monatliche Zahlung von höchstens 131 Euro im Monat für Haushaltshilfen, Alltagsbegleitung oder einen ambulanten Pflegedienst. Jetzt diskutiert die Bundesregierung, Pflegegrad 1 wieder abzuschaffen. Der Grund: Es könnten so rund zwei Milliarden Euro gespart werden.
AWO Coburg: Pflegegrad entlastet Angehörige
Stück für Stück müssen die Angehörigen immer mehr Verantwortung für den Erkrankten übernehmen. Sie müssen die Finanzen regeln, den Tag planen, Erledigungen machen, auf Körperhygiene achten, geduldig sein, Gefahren begrenzen. Dabei können sie die Erkrankten oftmals nicht lang aus den Augen lassen.
Johanna Thomack vom AWO Kreisverband Coburg kennt die Situation der Angehörigen gut. Sie ist Sozialpädagogin und Mitbegründerin der Fachstelle für pflegende Angehörige der AWO in Coburg: „Viele Menschen mit Pflegegrad 1 sind im Anfangsstadium von Demenz. Für die Angehörigen ist es sehr entlastend, wenn jemand vorbeikommt und sie so ein paar Stunden in der Woche Zeit für sich haben können.“
Johanna Thomack ist Mitbegründerin der Fachstelle für pflegende Angehörige der AWO in Coburg. Im November geht sie in den Ruhestand. Mehr zu Johanna Thomack lesen Sie hier:
Abschaffung bedroht auch ehrenamtliche Hilfe
Ehrenamtliche könnten bei der AWO Coburg ein Zertifikat machen und dann den pflegenden Angehörigen unter die Arme greifen, so Johanna Thomack. Sie erhalten dafür eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 9,50 Euro pro Stunde. Da die Menschen ehrenamtlich tätig sind, sei dieses Angebot auch mit dem Geld, das man mit Pflegegrad 1 bekommt, bezahlbar, sagt Johanna Thomack.
„Wenn es um die Einstufung geht, ist meine Erfahrung, dass alte Menschen mit leichten, rein körperlichen Einschränkungen wie Luftnot oder Arthrose meistens keinen Pflegegrad bekommen. Das heißt, die beißen sich dann irgendwie durch im Alltag, sind oft über 90 Jahre alt, aber eben geistig fit. Diese Menschen sind dann ganz auf Angehörige und Nachbarschaftshilfen angewiesen.“
Zu den Menschen, die sich „durchbeißen“ müssen, würden bei Abschaffung des Pflegegrads 1 deutschlandweit noch rund 860.000 Menschen dazukommen.
“Viele ältere Menschen sind skeptisch, wollen keine fremden Personen in ihrem Haus haben. Wenn sie dann die Erfahrung machen, dass ihnen die Hilfe guttut, sind sie auch später eher bereit, Hilfe anzunehmen, wenn sie sie brauchen.
”
„Es ist ein ewiges hin- und herschieben von Geldern.“
Wenn hilfebedürftige Menschen keinen Pflegegrad und auch nicht genug Einkommen haben, dann bekämen sie Sozialleistungen, sagt Johanna Thomack. „Doch die Sozialhilfeträger ächzen ja jetzt schon unter den Kosten, die sie für die Heime zuschießen müssen. Es ist ein ewiges hin- und herschieben von Geldern“.
Eine Abschaffung von Pflegegrad 1 könnte laut Johanna Thomack dazu führen, dass Krankenhäuser mehr belastet werden: „Die Konsequenz aus der Abschaffung von Pflegegrad 1 wäre aus meiner Sicht, dass hilfebedürftige Menschen ohne Pflegegrad 1 öfter im Krankenhaus landen würden. Zum Beispiel, weil sie dehydriert sind oder verwirrt auf der Straße aufgegriffen werden. Und das würde nicht nur sehr viel Stress für die Betroffenen bedeuten, sondern wäre auch eine zusätzliche Belastung für die Krankenhäuser.“
Mit Pflegegrad 1 Hilfe annehmen lernen
Die Pflegestufe eins sei nicht nur wichtig, weil sie Angehörige entlastet oder alleinlebende Menschen, die Hilfe benötigen, unterstützt. „Durch den Pflegegrad 1 konnten Betroffene erste Erfahrungen mit Hilfe machen. Viele ältere Menschen sind skeptisch, wollen keine fremden Personen in ihrem Haus haben. Wenn sie dann die Erfahrung machen, dass ihnen die Hilfe guttut, sind sie auch später eher bereit, Hilfe anzunehmen, wenn sie sie brauchen.“













