Ein sachter Windstoß drückt die Balkontür einen Spalt auf. Auf dem Tisch neben dem Bett: eine Dose Nivea-Creme, ein Buch, ein Smartphone, eine Lesebrille. Die Herbstsonne fällt an diesem Vormittag durch den Vorhang und taucht die im Schoß gefalteten Hände in warmes Licht. Eine Kanüle auf dem vom Leben gezeichneten Handrücken erinnert an die Operation, die die Seniorin kürzlich überstanden hat.
Gegenüber sitzt Detlev Juranek. Auch er hat die Hände gefaltet, die Augen geschlossen – das gemeinsame Gebet endet mit einem leisen „Amen“. Detlev Juranek ist Klinikseelsorger. Er ist da, wenn er gebraucht wird: für ein Gespräch, für einen stillen Moment – oder für den letzten Weg.
Kein Talent für die Landwirtschaft
1974 in eine Bauernfamilie in Neustadt an der Aisch reingeboren, wusste Juranek früh: Die Landwirtschaft ist nicht sein Weg. „Mir ist meine Herkunft wichtig, und das hat mich auch geprägt, aber ich habe da kein Talent für“, erzählt Detlev Juranek. Stattdessen führte ihn sein Weg zur Theologie.
Während seines Theologiestudiums ging es für ihn zum Austausch in die USA. Dort machte er auch eine Ausbildung in der Krankenseelsorge. Drei Monate arbeitete er zunächst in einem großen Seniorenheim in Milwaukee (Wisconsin). „Das war spannend – die Stadt war stark deutsch geprägt, viele waren nach dem Zweiten Weltkrieg eingewandert“, erzählt er. Mit deutschen Kinderliedern oder dem Vaterunser konnte er bei manchen Erinnerungen wecken.
Anschließend war er für ein Jahresprogramm dann in einem Krankenhaus in Minneapolis (Minnesota) tätig. Dort hat er unter anderem auf der Kinderstation, der Kinderintensivstation, in der Notaufnahme, auf der medizinischen Intensivstation, in einer psychiatrischen Station und auch mit HIV/AIDS Patienten gearbeitet. „Ich habe die Arbeit geliebt“, sagt er.
Am liebsten wäre er geblieben. Doch das Visum machte ihm einen Strich durch die Rechnung – also kehrte er zurück nach Deutschland. Sein Weg führte ihn über verschiedene Stationen schließlich nach Coburg, wo er 20 Jahre Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Katharina von Bora war.
Zeit, den Hut in den Ring zu werfen
Als er von der freien Stelle in der Krankenhausseelsorge am Sana Klinikum Coburg erfuhr, war für ihn klar: Nach 20 Jahren ist es Zeit für einen Wechsel. „Ich war gerne Gemeindepfarrer, aber ich dachte, es ist Zeit – für mich und für die Gemeinde. Zeit, den Hut in den Ring zu werfen.“
Seit März 2025 ist er nun Teil des ökumenischen Seelsorgeteams am Sana Klinikum Coburg – gemeinsam mit Pfarrer Klaus-Dieter Stark und Gemeindereferentin Angelika Jäger von katholischer Seite. „Die Klinikseelsorge wendet sich auch nicht nur an Patientinnen und Patienten und ihre Angehörige. Immer wieder suchen auch Mitarbeitende das Gespräch, gerade nach belastenden Erfahrungen. Auch das ist Aufgabe der Klinikseelsorge“, erläutert Detlev Juranek.
Unterstützt werden sie von einem Team ehrenamtlicher Seelsorgerinnen und Seelsorger, die regelmäßig im Haus unterwegs sind. Eine von ihnen ist Hildegard Mogalle.
Gegen die Einsamkeit hatte Detlev Juranek eine Idee
Sie begann als „Grüne Dame“ – ein Besuchsdienst, der Patientinnen und Patienten im Krankenhaus begleitet. Vor einigen Jahren absolvierte sie zusätzlich die Schulung zur Klinikseelsorgerin. „Wir hören einfach zu und sprechen mit den Menschen über das, was sie bewegt“, sagt sie. Was ihr dabei immer wieder auffällt: „Viele bekommen keinen Besuch – obwohl die Kinder in der Nähe wohnen.“ Gegen die Einsamkeit hatte Detlev Juranek eine Idee.
„Ich wünsche dir, dass du bald wieder gesund wirst“, steht auf gelbem Papier, daneben ein rotes Herz. Die Karte – eine von vielen – liegt in einem kleinen Korb am Eingang der Krankenhauskapelle. „Es waren mal viel mehr“, sagt Juranek und lächelt. Gebastelt wurden sie von Grundschülern – gemeinsam mit Juraneks Ehemann, der Lehrer ist. Die Gute-Besserungs-Karten dürfen mitgenommen werden – als kleiner Trostspender für sich selbst oder andere.
Wie geht es weiter?
In den Gesprächen geht es oft um Diagnosen – und um die Frage, wie es weitergeht. „Kann ich noch allein leben? Brauche ich Kurzzeitpflege? Muss ich vielleicht dauerhaft in ein Heim?“ – Fragen, die viele umtreiben, sagt Hildegard Mogalle. Für manche geht es nach Hause zurück. Für andere nicht.
“Ich glaube, dass Gott auch im Unverständlichen bei uns ist. Dass er sich nicht scheut, mit uns zu leiden. Aber ich bin überzeugt, nicht der Tod ist das letzte Wort Gottes über uns Menschen, sondern das Leben.
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Der Tod und das Sterben – Themen, mit denen die Seelsorger regelmäßig konfrontiert sind. Ob man da nicht auch die eigene Vorstellung vom Sterben hinterfragt? „Was mich trägt, ist die Hoffnung, dass wir bei Gott aufgehoben sind. Dass wir etwas Gutem entgegengehen“, sagt Juranek. Auch wenn das Hadern dazugehört.
Wenn man sich fragt: Muss das sein?
„Natürlich ist das Sterben oft schmerzhaft und schwer. Aber es gibt auch Menschen, die leicht und friedlich gehen. Ich war kürzlich bei jemandem, der im hohen Alter im Beisein seiner Tochter gestorben ist – das war rund. Wenn aber eine junge Mutter mit drei Kindern stirbt, fragt man sich: Warum muss das sein? Wie kann Gott das zulassen?“ Seine Antwort: „Ich glaube, dass Gott auch im Unverständlichen bei uns ist. Dass er sich nicht scheut, mit uns zu leiden. Aber ich bin überzeugt, nicht der Tod ist das letzte Wort Gottes über uns Menschen, sondern das Leben.“
Hildegard Mogalle erinnert sich an eine Frau, Anfang 50, die wusste, dass sie sterben wird. „Sie zeigte mir das Bild, das bei ihrer Trauerfeier aufgestellt werden soll – sie im Dirndl. Ein schönes Bild.“ Die Erinnerung rührt sie zu Tränen.
„Ich bin dankbar, an solchen Momenten teilhaben zu dürfen.“
Auch Juranek erzählt von einem besonderen Moment: Auf der Palliativstation begleitete er eine Familie. Die sterbende Frau wünschte sich, noch einmal gemeinsam Abendmahl zu feiern. „Ich bin dankbar, an solchen Momenten teilhaben zu dürfen.“
Und manchmal, manchmal, da liegen Freude und Trauer, Lachen und Weinen ganz nah beieinander. Ob das die scherzhafte Frage nach ihrer privaten Telefonnummer war, die Hildegard Mogalle mal von einem Verehrer gestellt bekam. Oder die Avancen einer älteren Patientin, die Detlev Juranek abweisen musste, weil da sein Mann sicher was dagegen hätte, wie er scherzend erzählt.
Eines haben alle Begegnungen für ihn gemeinsam: „Ich gehe am Ende des Tages nach Hause und sage: Ja, es war gut, dass ich da war. Es hat den ein oder anderen berührt, ihm Kraft gegeben oder ein Lächeln geschenkt“, sagt Juranek.
Eine Runde durch das Klinikum
Und mit diesem Gefühl verlässt er nach dem Gebet auch das Zimmer der Seniorin. Er wird sicher wiederkommen, um zuzuhören und Trost zu spenden. Für Detlev Juranek geht es nun erst einmal weiter. Zum nächsten Zimmer. Zum nächsten Menschen. Auf dem Flur begegnet er Pflegepersonal, wird kollegial begrüßt. Zur Arbeit in einem Krankenhaus gehört eben nicht nur die medizinische Leistung, sondern auch die für die Seele.
Ehrenamtlicher Seelsorger werden?
Wenn Sie Interesse haben, sich ehrenamtlich in der Krankenhausseelsorge am Sana Klinikum Coburg oder Lichtenfels zu engagieren, wenden Sie sich gerne an Pfarrer Detlev Juranek (09561 225220 oder Detlev.Juranek@regiomed-kliniken.de). Ein Ausbildungskurs mit sieben Abenden für beide Kliniken beginnt im März.
















