„Können Sie das Knie bewegen? When did the pain start? Did you fall?“, fragt Christine Metzger, Medizinische Fachangestellte. Knieschmerzen und ein Taubheitsgefühl treiben den Mann mittleren Alters in die Notaufnahme. Doch der russische sprechende Patient kann kaum Englisch, kein Deutsch. Ein Problem, wenn es um medizinische Diagnosen geht und darum, einzuschätzen, wie dringlich es ist. Christine Metzger greift zum Telefon, wie so oft an diesem Tag in der Notaufnahme.
365 Tage, 24 Stunden: Die Notaufnahme ist offen – immer und für jeden. Hier verblassen soziale Unterschiede und kulturelle Hintergründe. Alles suchen eines: Hilfe. Und es wird geholfen, ob Zeckenbiss oder Verkehrsunfall. Auch dann, wenn es eigentlich kein Fall für die Notaufnahme ist.
Der Patient hat immer Recht
Die Coburger Notaufnahme hat zwei Eingänge: einen für Patienten, die ein Rettungswagen bringen muss. Der andere ist für alle anderen. Etwa 35.000 Notfallpatienten kommen jährlich in der Zentralen Notaufnahme am Sana Klinikum Coburg. Ab 11 Uhr, wenn andere schon an Mittagspause denken, geht es in der Coburger Notaufnahme eigentlich erst richtig los, denn dann haben die meisten Hausarztpraxen zu. Das bedeutet: mehr Menschen im Warteraum.
Eine Mutter mit ihrem Kind, das sich den Kopf gestoßen hat, eine Tochter mit ihrer älteren Mutter, die sie eingekotet und desorientiert auf dem Boden gefunden hat, und ein Chemotherapie-Patient mit Bauchschmerzen: Sie alle sind unter den Patienten, die heute darauf warten, dass sich die Türe öffnet und Christine Metzger sie hereinbittet.
“Mit Schmerzen von zehn läuft man in der Regel nicht mehr selbstständig.
”
Zwölf Behandlungsräume, davon zwei Schockräume, hält die Notaufnahme vor. Pro Tag sind etwa 17 Pflegekräfte und zehn ärztliche Mitarbeiter im Einsatz, wenn es erforderlich ist, werden aus dem Haus noch Fachärzte hinzugeholt. Doch trotzdem ist nicht immer sofort Platz und Zeit für jeden Patienten.
In der Coburger Notaufnahme wird nach dem Manchester Triage System gearbeitet. Die Einstufung erfolgt aufgrund von Symptomen, Vitalwerten und Schmerzgraden auf einer Skala von eins bis zehn in fünf Kategorien: von Rot (sofortige medizinische Versorgung) bis Blau (sehr niedrige Dringlichkeit).
Gerade das Einordnen von Schmerzen ist für Patienten nicht immer leicht. „Mit Schmerzen von zehn läuft man in der Regel nicht mehr selbstständig“, sagt Christine Metzger. Und doch gilt am Ende eines: „Der Patient hat immer Recht.“
Die Auswirkungen von Corona
„Triage war vor Corona sicher kein Begriff, den viele außerhalb des medizinischen oder militärischen Bereiches kannten“, erklärt Thomas Bohnke, Fachkrankenpfleger für Notfallpflege, während er mit zügigen Schritten den Gang entlangläuft. Zehn bis 14 Kilometer in einer Schicht, das ist für die Mitarbeiter keine Seltenheit.
Aus dem Behandlungszimmer, an dem er gerade vorbeieilt, dringt eine Unterhaltung auf Spanisch. Der ältere Patient auf dem Bett scherzt mit der behandelnden Ärztin. Doch der Verdacht ist ernst: Herzinfarkt. „Wir machen einen Herzultraschall“, sagt Franziska Groenen, Chefärztin der Notaufnahme. Die Kommunikation ist nicht ganz einfach, doch ein junger Medizinstudent kann übersetzen. „Und jetzt bist du mal dran“, sagt Groenen und macht den Stuhl frei für den Nachwuchs. Die Notaufnahme sei eine gute Schule: „Man bekommt einen Einblick in die ganze Palette.“
Was gehört in die Notaufnahme?
Acht Jahre lang arbeitete Franziska Groenen in Sonneberg in der Notaufnahme. Seit April leitet sie nun die Notaufnahme in Coburg und ist zusätzlich noch im Rettungsdienst als Notärztin unterwegs. „So bekommt man ein gutes Verständnis für die andere Seite“, sagt sie. Sie weiß auch, wo es Optimierungsbedarf gibt. So wird aktuell zum Beispiel ein einheitliches Modell für die Übergabe mit dem Rettungsdienst implementiert, um Informationen strukturiert zu übermitteln.
Fälle wie der vermutete Herzinfarkt gehören eindeutig in die Notaufnahme. Andere hingegen, wie ein einfacher Zeckenbiss, sind hier eigentlich fehl am Platz. In der Notaufnahme werden zum Beispiel auch keine Rezepte oder Krankmeldungen ausgestellt. Da ist man an anderer Stelle im Haus, wie dem ärztlichen Bereitschaftsdienst, eher richtig.
„Unser Ziel im Gesundheitssystem muss sein, den Zustrom der Patienten, die kein Fall für die Notaufnahme sind, zu unterbinden und anders umzuleiten“, sagt Fachkrankenpflegerin Rosie Schnäpp. Sie arbeitet seit 1998 in der Notaufnahme und hat in dieser Schicht quasi den Hut auf. Das Team weiß: Patienten können in den Situationen selbst häufig schwer einschätzen, wie akut es ist. Und es fehlt dann häufig der Weitblick. Perspektivisch soll deshalb ein zentraler Tresen geschaffen werden, der die Patienten je nach Beschwerden erfasst und verteilt.
„Time is brain“
Es piept durchdringend, Rosi Schnäpps Blick wandert zum Bildschirm schräg über ihr. Von der Leitstelle der nächste Rettungswagen angekündigt – Farbstufe Rot. Etwas, das keinen Aufschub duldet, weiß Rosie Schnäpp. „Wenn wir eine Alarmierung mit der Stufe rot bekommen, ist es etwas Ernstes“, erläutert sie. In diesem Fall besteht der Verdacht auf einen akuten Schlaganfall. „Der Neurologe steht dann schon da. Er macht eine Kurzuntersuchung und dann geht es direkt zur Computertomografie (CT)“, sagt Rosie Schnäpp. In so einem Fall heißt es „Time is brain“ – Zeit ist Hirn. Jeder Moment zählt. Wie so oft in der Notaufnahme.








































