Eine rosa Rose liegt auf dem Sarg aus hellem Holz. Die vier Grad im Kühlraum und das mangelnde Wasser setzen ihr so langsam zu, die ohnehin zarten Blätter verlieren an Stabilität. Der Verstorbene, dem sie auf den Sarg gelegt wurde, wartet hier im Coburger Krematorium auf die Einäscherung. Und auch, wenn die Särge für die Einäscherung meist schlichter gewählt werden, so bleibt doch auch hier Raum für Individualität.
Raum für Individualität bleibt
Einer der Särge trägt zum Beispiel Wünsche und Unterschriften der Angehörigen und der Freunde. „Es wird, finde ich, noch viel zu wenig gemacht. Viele verpassen die Chance, den Sarg zum Beispiel zu bemalen. Dabei kann das ein guter Baustein in der Trauerarbeit sein“, sagt Tobias Debudey, Abteilungsleiter Friedhofs- und Bestattungswesen des städtischen Grünflächenamts. Doch was trägt man heute eigentlich auf seinem letzten Weg? „Vom Sterbehemd bis zum Hochzeitsanzug ist alles dabei“, sagt Debudey.
An diesem Tag lagern im Kühlraum 18 Särge. Zu Corona-Zeiten sah die Situation mitunter ganz anders aus. „Da haben wir gestapelt, weil der Platz überhaupt nicht gereicht hat“, erinnert sich Tobias Debudey. Zumal in Coburg nicht nur Menschen aus dem Landkreis kremiert werden. „Man kann sich das Krematorium frei auswählen“, sagt Debudey. Doch der Zeitplan ist strikt. In Bayern müssen Verstorbene in der Regel innerhalb von acht Tagen nach Feststellung des Todes bestattet oder eingeäschert sein. Das erfordert einiges an Logistik, zumal es in Coburg nur eine sogenannte Linie gibt, auf der eingeäschert wird.
Bayern hat zweite Leichenschau eingeführt
Doch bevor es an die Einäscherung geht, muss der Leichnam ein zweites Mal untersucht werden: Wie in allen anderen Bundesländern schon länger üblich, muss auch in Bayern seit April 2025 eine zweite Leichenschau durchgeführt werden. „Vor allem die Logistik kostet Zeit und die Verwaltung ist aufwendig“, sagt Tobias Debudey. Täglich führt nun ein Arzt die Untersuchung der Leichname durch. Dabei wird der Körper rein äußerlich untersucht und die Ergebnisse werden mit dem Totenschein abgeglichen. Wenn es keine Auffälligkeiten gibt, wird das Go für die Kremierung erteilt und der Sarg bekommt einen grünen Aufkleber. Gibt es Ungereimtheiten, wird der Leichnam nicht freigegeben. „Wir hatten schon Verstorbene, die nicht freigegeben wurden. In ein, zwei Fällen wurde auch die Staatsanwaltschaft benachrichtigt“, sagt Debudey. Er betont jedoch: „Bei der zweiten Leichenschau geht es nicht nur darum, mögliche Tötungsdelikte zu finden.“ Es gehe zum Beispiel auch um Unfälle, wo vielleicht Rentenansprüche entstehen könnten.
Als Familie der Einäscherung beiwohnen, das geht in Coburg nicht. Den Weg in die Hauptkammer begleiten lediglich Mitarbeiter wie Andreas Reichert.
Mit jedem Schritt im Gang Richtung Brennkammer steigt die Temperatur. Den Sarg für die nächste Einäscherung hat Andreas Reichert bereits in Position gebracht. Die Füße sind schon abmontiert. Noch kann man die schiere Hitze der Hauptbrennkammer nur erahnen. Dann fährt die Tür hoch. Die mit Schamottsteinen ausgekleidete Brennkammer glüht rot. An die 820 Grad herrschen darin. Der Sarg fährt ein und entzündet sich innerhalb von Sekunden.
Einblick ins Krematorium Coburg
„Jeder Mensch ist eben individuell, bis zum Schluss“
In einem abgetrennten Raum überwacht Andreas Reichertt akribisch den Ablauf. Wie lange der Verstorbene in der Hauptbrennkammer ist, hängt von einigen Faktoren ab. Handelt es sich um eine weiblichen oder einen männlichen Körper? Der weibliche Körper hat in der Regel einen höheren Fettanteil, das wirkt brandbeschleunigend. Es gibt jedoch auch Faktoren, die Einäscherung verlängern – Gesamtgewicht zum Beispiel: „Ab 150 Kilogramm Gesamtgewicht dauert die Einäscherung etwa ein Drittel länger. Menschen, die zum Beispiel Chemotherapie bekommen haben, brauchen deutlich länger, weil das Gewebe dichter ist und die Medikamente die Zersetzung verzögern können“, sagt Debudey, „Jeder Mensch ist eben individuell, bis zum Schluss."
In den ersten Wochen habe er immer ein beklemmendes Gefühl gehabt, als er ins Krematorium gegangen ist, heute sei es zum Alltag geworden, sagt Debudey. „Es gibt natürlich immer noch Situationen, die schwer sind. Zum Beispiel, wenn ein Kind verstirbt. Wir haben einen Kollegen, der strikt sagt, dass er keine Kinder einäschert. Das berücksichtigen wir natürlich“, erläutert Tobias Debudey.
Im Schnitt dauert es 240 Minuten, bis die Asche aus der Ausbrennkammer entnommen werden kann. Das, was am Ende der Einäscherung übrig bleibt, ist noch nicht die eigentliche „Asche“, die in der Urne landet. Noch kann man deutlich Reste von Knochen erkennen. Dabei ist die weiße Färbung der Knochen ein Zeichen, dass das organische Material des Körpers verbrannt ist und nur die mineralischen Bestandteile übrig bleiben.
Von Hüftgelenk bis Armbanduhr
Mit einem starken Magneten geht Andreas Reichert durch die Überreste und fischt metallische Gegenstände heraus. Darunter die Sargnägel, aber auch medizinische Ersatzteile, wie Hüftgelenke oder auch mal ein ganzer Oberschenkelersatz. Auch Sargbeigaben bleiben häufig am Ende noch übrig. Darunter Dinge wie Werkzeuge oder Armbanduhren. Bevor die Überreste am Ende in der Urne landen, werden sie noch zu einer feinen Asche gemahlen. Was am Ende bleibt, sind drei bis sechs Kilogramm. Sie werden gut verpackt und in einer Art Spind deponiert, der vom Prinzip an eine Paketstation erinnert. Digital kann sich der Bestatter über den Status der oder des Verstorbenen informieren. Jeder Bestatter hat hier sein eigenes Fach, das er mit einem Schlüssel jederzeit öffnen kann, um die Urne abzuholen – bereit für die weitere Reise.

































