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Zweite Leichenschau eingeführt
Asche zu Asche: Alltag im Coburger Krematorium
Ein Blick ins Krematorium
In der Hauptbrennkammer verbringt der Sarg etwa 80 Minuten. Im ersten Schritt findet eine Selbstentzündung statt, das bedeutet, dass kein zusätzliches Brennmittel hinzugefügt wird, sondern die Hitze so hoch ist, dass der Sarg in Flammen aufgeht. // Julia Scholl
Coburg – Im Coburger Krematorium werden täglich bis zu 18 Verstorbene eingeäschert. Hier pendelt man zwischen pragmatisch und persönlich. Ein Besuch zeigt: Jeder Mensch ist einzigartig, bis zum Schluss. 

Eine rosa Rose liegt auf dem Sarg aus hellem Holz. Die vier Grad im Kühlraum und das mangelnde Wasser setzen ihr so langsam zu, die ohnehin zarten Blätter verlieren an Stabilität. Der Verstorbene, dem sie auf den Sarg gelegt wurde, wartet hier im Coburger Krematorium auf die Einäscherung. Und auch, wenn die Särge für die Einäscherung meist schlichter gewählt werden, so bleibt doch auch hier Raum für Individualität.

Ein Blick ins Krematorium
Ein letztes Zeichen der Liebe. // Julia Scholl

Raum für Individualität bleibt

Einer der Särge trägt zum Beispiel Wünsche und Unterschriften der Angehörigen und der Freunde. „Es wird, finde ich, noch viel zu wenig gemacht. Viele verpassen die Chance, den Sarg zum Beispiel zu bemalen. Dabei kann das ein guter Baustein in der Trauerarbeit sein“, sagt Tobias Debudey, Abteilungsleiter Friedhofs- und Bestattungswesen des städtischen Grünflächenamts. Doch was trägt man heute eigentlich auf seinem letzten Weg? „Vom Sterbehemd bis zum Hochzeitsanzug ist alles dabei“, sagt Debudey.

Ein Blick ins Krematorium
Tobias Debudey, Abteilungsleiter Friedhofs- und Bestattungswesen in der Stadtverwaltung // Julia Scholl

An diesem Tag lagern im Kühlraum 18 Särge. Zu Corona-Zeiten sah die Situation mitunter ganz anders aus. „Da haben wir gestapelt, weil der Platz überhaupt nicht gereicht hat“, erinnert sich Tobias Debudey. Zumal in Coburg nicht nur Menschen aus dem Landkreis kremiert werden. „Man kann sich das Krematorium frei auswählen“, sagt Debudey. Doch der Zeitplan ist strikt. In Bayern müssen Verstorbene in der Regel innerhalb von acht Tagen nach Feststellung des Todes bestattet oder eingeäschert sein. Das erfordert einiges an Logistik, zumal es in Coburg nur eine sogenannte Linie gibt, auf der eingeäschert wird. 

Ein Blick ins Krematorium
In der Kühlung lagern die Verstorbenen bei etwa vier Grad. In Einzelfällen gibt es auch eine Kammer, in der -18 Grad herrschen.Im Jahr werde etwa 2700 Menschen eingeäschert. // Julia Scholl

Bayern hat zweite Leichenschau eingeführt

Doch bevor es an die Einäscherung geht, muss der Leichnam ein zweites Mal untersucht werden: Wie in allen anderen Bundesländern schon länger üblich, muss auch in Bayern seit April 2025 eine zweite Leichenschau durchgeführt werden. „Vor allem die Logistik kostet Zeit und die Verwaltung ist aufwendig“, sagt Tobias Debudey. Täglich führt nun ein Arzt die Untersuchung der Leichname durch. Dabei wird der Körper rein äußerlich untersucht und die Ergebnisse werden mit dem Totenschein abgeglichen. Wenn es keine Auffälligkeiten gibt, wird das Go für die Kremierung erteilt und der Sarg bekommt einen grünen Aufkleber. Gibt es Ungereimtheiten, wird der Leichnam nicht freigegeben. „Wir hatten schon Verstorbene, die nicht freigegeben wurden. In ein, zwei Fällen wurde auch die Staatsanwaltschaft benachrichtigt“, sagt Debudey. Er betont jedoch: „Bei der zweiten Leichenschau geht es nicht nur darum, mögliche Tötungsdelikte zu finden.“ Es gehe zum Beispiel auch um Unfälle, wo vielleicht Rentenansprüche entstehen könnten.

Ein Blick ins Krematorium
Wenn es in der zweiten Leichenschau nichts zu beanstanden gab, bekommen die Särge einen grünen Aufkleber. // Julia Scholl

Als Familie der Einäscherung beiwohnen, das geht in Coburg nicht. Den Weg in die Hauptkammer begleiten lediglich Mitarbeiter wie Andreas Reichert.

Mit jedem Schritt im Gang Richtung Brennkammer steigt die Temperatur. Den Sarg für die nächste Einäscherung hat Andreas Reichert bereits in Position gebracht. Die Füße sind schon abmontiert. Noch kann man die schiere Hitze der Hauptbrennkammer nur erahnen. Dann fährt die Tür hoch. Die mit Schamottsteinen ausgekleidete Brennkammer glüht rot. An die 820 Grad herrschen darin.  Der Sarg fährt ein und entzündet sich innerhalb von Sekunden. 

Einblick ins Krematorium Coburg

„Jeder Mensch ist eben individuell, bis zum Schluss“

In einem abgetrennten Raum überwacht Andreas Reichertt akribisch den Ablauf. Wie lange der Verstorbene in der Hauptbrennkammer ist, hängt von einigen Faktoren ab. Handelt es sich um eine weiblichen oder einen männlichen Körper? Der weibliche Körper hat in der Regel einen höheren Fettanteil, das wirkt brandbeschleunigend. Es gibt jedoch auch Faktoren, die Einäscherung verlängern – Gesamtgewicht zum Beispiel: „Ab 150 Kilogramm Gesamtgewicht dauert die Einäscherung etwa ein Drittel länger. Menschen, die zum Beispiel Chemotherapie bekommen haben, brauchen deutlich länger, weil das Gewebe dichter ist und die Medikamente die Zersetzung verzögern können“, sagt Debudey, „Jeder Mensch ist eben individuell, bis zum Schluss."

Ein Blick ins Krematorium
Nach der Verbrennung bleibt noch so einiges übrig. Hier zu sehen: Teile von künstlichen Gelenken. // Julia Scholl

In den ersten Wochen habe er immer ein beklemmendes Gefühl gehabt, als er ins Krematorium gegangen ist, heute sei es zum Alltag geworden, sagt Debudey. „Es gibt natürlich immer noch Situationen, die schwer sind. Zum Beispiel, wenn ein Kind verstirbt. Wir haben einen Kollegen, der strikt sagt, dass er keine Kinder einäschert. Das berücksichtigen wir natürlich“, erläutert Tobias Debudey.

Ein Blick ins Krematorium
Hier lagern die Urnen von Verstorbenen, die anonym beigesetzt werden sollen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Mit dieser ausziehbaren Trage werden die Särge ins Krematorium transportiert. Erste Station: Eine Waage. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
In der Kühlung lagern die Verstorbenen bei etwa vier Grad. In Einzelfällen gibt es auch eine Kammer, in der -18 Grad herrschen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Es erinnert an ein DHL-Abholschrank: Hier können die Bestatter in ihren zugeteilten Fächern die Urnen abholen. Über den Status werden sie digital informiert. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Hinten links geht es zum Ofen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Nach der Verbrennung bleibt noch so einiges übrig. Hier zu sehen: Teile von künstlichen Gelenken. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
In dieser Maschine werden die menschlichen Überreste zu einer feinen Asche vermahlen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Ein letztes Zeichen der Liebe. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Wenn es in der zweiten Leichenschau nichts zu beanstanden gab, bekommen die Särge einen grünen Aufkleber. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Falls es bei der zweiten Leichenschau Ungereimtheiten gibt, bekommen sie einen roten. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
In wenigen Sekunden wird sich die Tür zur ersten Brennkammer öffnen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
In der Hauptbrennkammer verbringt der Sarg etwa 80 Minuten. Im ersten Schritt findet eine Selbstentzündung statt, das bedeutet, dass kein zusätzliches Brennmittel hinzugefügt wird, sondern die Hitze so hoch ist, dass der Sarg in Flammen aufgeht. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Hinter der Schiebetür findet die erste Verbrennung statt. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Am Ende bleiben noch Knochenteile übrig. Die weiße Farbe ist ein Hinweis darauf, dass aller Kohlenstoff verbrannt ist. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Unten sieht man Teil eines Schädelknochens. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Mit einem Magneten werden metallische Bestandteile wie die Sargnägel herausgefischt. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Mit einem Magneten werden metallische Bestandteile wie die Sargnägel herausgefischt. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Übrig bleiben auch größere künstliche Körperteile, wie rechts eine Verstärkung der Wirbelsäule oder ein ganzer Oberschenkelknochen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Auch Sargbeigaben wie eine Uhr, ein Brillenetui, Werkzeuge, oder einmal ein Sägeblatt wurden schon gefunden. Auf letzteres sollte verzichtet werden, denn das könnte die Maschine beschädigen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Tobias Debudey, Abteilungsleiter Friedhofs- und Bestattungswesen in der Stadtverwaltung // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Tobias Debudey, Abteilungsleiter Friedhofs- und Bestattungswesen in der Stadtverwaltung // FOTOGALERIE Julia Scholl
Ein Blick ins Krematorium
Tobias Debudey, Abteilungsleiter Friedhofs- und Bestattungswesen in der Stadtverwaltung // FOTOGALERIE Julia Scholl

Im Schnitt dauert es 240 Minuten, bis die Asche aus der Ausbrennkammer entnommen werden kann. Das, was am Ende der Einäscherung übrig bleibt, ist noch nicht die eigentliche „Asche“, die in der Urne landet. Noch kann man deutlich Reste von Knochen erkennen. Dabei ist die weiße Färbung der Knochen ein Zeichen, dass das organische Material des Körpers verbrannt ist und nur die mineralischen Bestandteile übrig bleiben.

Ein Blick ins Krematorium
Mit einem Magneten werden metallische Bestandteile wie die Sargnägel herausgefischt. // Julia Scholl

Von Hüftgelenk bis Armbanduhr

Mit einem starken Magneten geht Andreas Reichert durch die Überreste und fischt metallische Gegenstände heraus. Darunter die Sargnägel, aber auch medizinische Ersatzteile, wie Hüftgelenke oder auch mal ein ganzer Oberschenkelersatz. Auch Sargbeigaben bleiben häufig am Ende noch übrig. Darunter Dinge wie Werkzeuge oder Armbanduhren. Bevor die Überreste am Ende in der Urne landen, werden sie noch zu einer feinen Asche gemahlen. Was am Ende bleibt, sind drei bis sechs Kilogramm. Sie werden gut verpackt und in einer Art Spind deponiert, der vom Prinzip an eine Paketstation erinnert. Digital kann sich der Bestatter über den Status der oder des Verstorbenen informieren. Jeder Bestatter hat hier sein eigenes Fach, das er mit einem Schlüssel jederzeit öffnen kann, um die Urne abzuholen – bereit für die weitere Reise. 

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