Es ist 11 Uhr, in der Herrengasse steht die Gecko-Bahn und ist kurz davor loszufahren. Ich eile, um noch an Bord zu kommen. Die Fahrt ist aktuell länger als gewöhnlich. Durch eine Baustelle seit dem 1. Juli ist die übliche Route nicht fahrbar und damit ordnet sich auch die Bimmelbahn artig in die ausgeschilderte Umleitung ein.
Der lange Weg zum Ziel
Holprig ist die Fahrt dennoch wie gewohnt. Ich erinnere mich nur noch entfernt an meine erste Fahrt – damals mit meinem Großvater. Fast 20 Jahre muss das her sein. Doch dieses Gefühl kommt mir gleich wieder bekannt vor. Aktuell sieht man weniger beeindruckende Gebäude. Stattdessen noch mehr Baustellen, während wir uns der Leopoldstraße, Pilgramsroth und Löbelsteiner Straße entlangschlängeln. Dann die Abbiegung am Flugplatz vorbei, wodurch zumindest einen Blickfang auf der Reise liegt.
Uns hängt Buslinie 1405 im Nacken. Eigentlich fährt sie so getaktet, dass sie mit der Bimmelbahn nicht in Konkurrenzsituationen kommt, doch nun muss auch sie sich dem gemütlichen Tempo anpassen. All das notiere ich mir, lesen kann ich es danach aber nicht mehr. Zu sehr klappert und wackelt es bei der Auffahrt – wie bei einer authentischen Kutschfahrt.
Der „Veste Express“ ist für einen Freitag-Vormittag samt zu erwartendem Regen recht gut besetzt. An die 20 Menschen wollen die knapp 20-minütige Fahrt antreten und dabei jede Unebenheit auf der von Baustellen und parkenden Autos gesäumten Straße spüren. Als sich der Bus dann der „Fränkischen Krone“ nähert, umspielt Hochnebel die Türme und schafft damit fast schon eine Atmosphäre, die zu so manchem Sonntagsmärchen auf KiKa passt.
Nachdenken über Denkmäler
Die schallende Alarmanlage eines BMWs durchbricht jedoch die Illusion, in ein solches Märchen abzutauchen. Zurück in der Realität heißt es aussteigen und den Weg nach oben nehmen. Eine Seniorengruppe redet über Schuhdiebe und eine junge Familie weist ihre Kinder auf Besonderheiten der Festungsanlage hin. Die sind aber vom Anblick fasziniert und schenken dem Kontext kaum Beachtung.
Kaum hat man den Torgang unter dem Bulgarenturm passiert, blickt man auf den Fürstenbau und die Lutherkapelle. Doch mein Blick wandert am Brunnen und den beiden Gebäuden vorbei zu einer Statue, die wie alleingelassen und frierend auf der Wiese steht. Auf einem Schild vor ihr steht, sie sei „Die verhüllte Eos“ von Gerhard Marcks. Geschaffen wurde sie 1964 und auch 60 Jahre später erfüllt die griechische Göttin der Morgenröte ihre standhafte Pflicht.
Auf dem Weg zum inneren Tor steht eine französisch sprechende Familie. Sie betrachten soeben das Denkmal an die Gefallenen im Ersten Weltkrieg. Der Sohn ist fasziniert und scheint sich ein Ereignis, bei dem sich Deutsche und Franzosen bekämpften, gar nicht vorstellen zu können.
Der vergessene Bär
Plötzlich sind Hufgetrappel und Kanonenschüsse zu hören. Finde ich mich jetzt gleich in einem Live-Action-Rollenspiel wieder? Nein, die Geräusche kommen aus der angrenzenden Ausstellung „Gebt Feuer“, doch sie passen auch außerhalb der Ausstellungsräume zum Ambiente auf der ‚Krone‘. Der Gedankengang zum Sonntagsmärchen bricht sich wieder Bahn, bevor ein ankommendes Taxi mich erneut ins Jetzt zurückholt. Neben der Ausstellung geht ein inneres Tor ab und führt in Richtung Herzogin- und Carl-Eduard-Bau. Mit jedem Torbogen und jeder Biegung scheint die Veste anzuwachsen.
Auf dem dortigen Hof steht ein verlassenes Zelt, welches zum Wappen-Gestaltungskurs einlädt. Doch aktuell werden keine Wappen gestaltet und die Tische sind hochgestellt. Dahinter jedoch versteckt sich der Zugang zum Bärenzwinger samt ausgestopften Bärenpräparat hinter einer Glasscheibe. Ein Besucher führt seinen Hund vor die Scheibe. Doch das ausgestopfte Tier interessiert den Vierbeiner nicht. Selbst ein Kind stellt kurz darauf enttäuscht fest, dass es ja nur ein ausgestopfter Bär sei. So fristet der Bär sein Dasein hinter der Scheibe, Respekt hat dabei kaum noch jemand vor ihm.
Luther-Socken und Kaffeeautomaten
Der Regen deutet sich nicht mehr nur an, sondern nimmt zu. Ich husche in den Museumsshop und mich schauen von allen Seiten die Gesichter von Martin Luther und Katharina von Bora an. Wenn man bis jetzt ignoriert hätte, dass Luther 1530 hier ein Jahr auf der Veste verbrachte; spätestens jetzt führte kein Weg mehr daran vorbei.
Luther-Tassen, Luther-Comics, Luther-Bücher, Luther-Predigten und Luther-Socken. Es gibt scheinbar nichts, worauf man Luther nicht verewigen kann. Außer vielleicht auf einem Beichtstuhl. Die angrenzende Cafeteria ist mehr ein Automaten-Betrieb, bei dem indirekt beleuchtete Säulen als Teil der Deckenkonstruktion im Kontrast zu den auffällig gestalteten Automaten stehen.
Ein Blick auf die Uhr zeigt mir: Meine Stunde auf der Veste ist beinahe um. Ich schnappe mir den Regenschirm und schreite durch nun stärkeren Regen wieder zum „Veste Express“, der noch bis voraussichtlich Mitte August das Express-Versprechen nicht halten kann. Dieses Mal sitze ich alleine in der Bimmelbahn, was – nach manchen Blicken von außen zu urteilen – ein komisches Bild abzugeben scheint. Gut durchgeschüttelt, aber trocken und sicher, steige ich aus.
In 60 Minuten kann man gerade so den Burghof erkunden und vieles bleibt ungesehen. Ich beschließe wieder zu kommen und an einem anderen Tag auch den zahlreichen Museen einen Besuch abzustatten. Und wenn es nur dafür ist, um den Ursprung des Hufgetrappels und Kanonenschießens nachzuvollziehen – oder um mir endlich ein Paar Luther-Socken zu kaufen.
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