Als Immobilienmaklerin hat Regina Leybold viele Jahre lang die schönsten Wohnungen angepriesen. Hat über die gute Lage von Häusern gesprochen, vom Vorteil großer Bäder geschwärmt und im Idealfall sogar etwas mit „Vesteblick“ anbieten können. Und heute? Hat die Coburgerin mit Kühen und Pferden zu tun sowie mit hungrigen Wanderern in den österreichischen Alpen. Als angehende Almwirtschafterin wohnt sie in einer einfachen Hütte, die im krassen Gegensatz zu ihrem bisherigen Leben steht. Zwar gibt es oben in 1543 Metern Höhe sowohl Strom als auch – den vielen Bergquellen sei Dank – fließend Wasser. Aber keine Heizung, keinen Fernseher und erst recht kein luxuriöses Bad. Wenn sie den Blick schweifen lässt, sieht sie auch nirgends ein anderes Gebäude, geschweige denn die Veste, sondern nur jede Menge Natur – und ist dabei sehr glücklich.
„In einer anderen Welt“
„Es tut einfach gut“, sagt Regina Leybold. „Diese Nähe zur Natur und zu den Tieren erdet einen. Man besinnt sich auf das Wesentliche.“ Viele Dinge aus ihrem früheren Alltag würden aus der Ferne betrachtet plötzlich so belanglos und lächerlich erscheinen. „Man lebt hier in einer anderen Welt.“ Allerdings ist diese „andere Welt“ sehr wohl mit Arbeit verbunden. Das fängt zum Beispiel schon damit an, dass die Coburgerin recht früh aufstehen muss, um den Ofen anzuschüren. Sonst ist es selbst im Sommer zu kalt in der Hütte. Außerdem muss und will sie ja täglich Brot und manchmal auch einen Kuchen backen. Der nächste Supermarkt ist schließlich so weit entfernt, dass sich die beschwerliche Fahrt dorthin mit dem Auto höchstens einmal pro Woche lohnt.
Einen Traum einfach wahr werden lassen
Um zu verstehen, warum sich Regina Leybold diesen mutigen Schritt in eine „andere Welt“ getraut hat, muss man in ihrem Leben ein bisschen zurückgehen. Eigentlich war sie ja als Produktentwicklerin tätig. Doch bereits mit dem Wechsel in die Immobilienbranche folgte ein erster Kurswechsel. Von 2010 bis 2021 hatte sie in Coburg sogar ihre eigene kleine Firma. Diese verkaufte sie allerdings Ende 2021 – „denn ich wollte noch einmal etwas anderes machen!“
Den Traum, eine Alm zu bewirtschaften, hatte sie schon immer, wie sie sagt. Doch 2022 stand zunächst eine sechsmonatige Wohnmobil-Tour durch Europa an. Auch ihr Mann Stefan reiste mit, hatte sich dafür extra eine beruflich Auszeit genommen. Gegen Ende der Tour waren die Leybolds in Frankreich, wo es im Sommer fürchterlich heiß und trocken war. Da war es fast schon ein Wink des Schicksals, dass Regina Leybold ausgerechnet zu dieser Zeit eine Art Stellenanzeige beim LFI entdeckte. Über das LFI, also das „Ländliche Fortbildungsinstitut Salzburg“, wurde jemand zur Bewirtschaftung einer Alm im Salzburger Land gesucht. Die Leybolds fuhren einfach mal hin, um sich die Örtlichkeiten anzuschauen. So kamen sie also in das 1000-Seelen-Dorf Werfenweng. Mit dem Job auf der Alm konnte es zwar noch gar nicht klappen, weil Regina Leybold noch andere Zeitpläne und zudem noch gar nicht alle erforderlichen Kenntnisse hatte. Doch der spontane Abstecher führte dazu, dass sich das Coburger Ehepaar regelrecht in Werfenweng verliebten. „Uns ging das Herz auf“, erinnert sich Regina Leybold, „alles war so schön satt grün. Das machte mich richtig glücklich – vor allem nach dieser trockenen Zeit in Frankreich.“
Wohnung in Werfenweng
Glücklich war auch Stefan Leybold. Denn der Zufall wollte es so, dass er ausgerechnet in dieser Ecke des Salzburger Landes auch sehr gut seinem großen Hobby, dem Gleitschirmfliegen, nachgehen konnte. Kurzum: Die Leybolds mieteten sich in eine Wohnung in Werfenweng und kamen jetzt immer häufiger in den viereinhalb Autostunden von Coburg entfernten Ort. „Dadurch haben wir natürlich auch immer mehr Menschen kennengelernt.“
Künftige Alm-Expertin
Im Januar 2023 gab es erneut eine spannende Info vom LFI. Angeboten wurde ein halbjähriges Seminar, dessen erfolgreiche Teilnahme mit dem Zertifikat „Almwirtschafter/Almwirtschafterin“ belohnt wird. Regina Leybold bewarb sich, wurde genommen und legte im März 2023 los. Die Inhalte des Seminars waren und sind vielfältig: Es wird gezeigt, wie man Kühe melkt, wie Käse gemacht wird oder wie ein Zaun gebaut wird. „Wir haben sogar gelernt, wie man mit einem Lasso eine Kuh einfangen kann“, erzählt die künftige Alm-Expertin und muss schmunzeln. Hinzu kommt auch allerhand Theorie, rund um Tierhaltung, Betriebswirtschaft oder auch Arbeitssicherheit. Mitte Oktober steht nun die Abschlussprüfung an, und Regina Leybold will sie auch deshalb unbedingt bestehen, weil sie parallel zum Seminar auch schon in die Praxis gestartet ist. Denn durch ihre vielen Kontakte in und um Werfenweng hatte sie im Frühjahr 2023 doch tatsächlich die Eigentümer einer Almwirtschaft am nahe gelegenen Hochkönig kennengelernt. „Sie suchen für 2024 einen neuen Betreiber oder neue Betreiberin.“ Gut möglich, dass sie genau diese Person in Regina Leybold gefunden haben. Denn eine erste, fünfwöchige Testphase im Juni und Juli 2023 verlief vielversprechend.
Keine Pommes-Alm!
Zur Klingelbergalm Mühlbach (nicht zu verwechseln mit der Klingelbergalm Dienten!) gehört außer Kühen und Pferden auch eine Hütte, in der Wanderer eine Jause bekommen. „Es ist keine Pommes-Alm“, stellt die Coburgerin klar, „es gibt Suppen, belegte Brote und Getränke.“ Oft auch einen Kuchen. Außerdem gelten ein paar Regeln – zum Beispiel: Auf einer Alm gibt’s keine Nachnamen, und über 1000 Metern sind ohnehin alle „per Du“.
Also gut: Regina gibt offen zu, dass ihr anfangs durchaus etwas mulmig war, ganz alleine oben auf der Alm zu sein. Doch zum einen habe sie ja ihre treue Hündin Frieda dabei, zum anderen seien während der fünf Wochen immer wieder Freundinnen aus Coburg dabei gewesen, um mitzuhelfen. Denn ganz alleine ist der Betrieb der Alm auch kaum zu schaffen. Vor und nach den Öffnungszeiten der Hüttenküche muss nach den Tieren geschaut werden – und da sind Überraschungen immer inklusive. „Ich habe schon einmal vier Stunden nach sechs Kälbern gesucht!“ Was die Arbeit allerdings deutlich erleichtert: Die Kühe sind reine Weidekühe und müssen nicht gemolken werden.
Nichts erinnert an die Zivilisation
Jetzt im September steht eine weitere, diesmal vierwöchige Alm-Zeit an. Danach will Regina in sich gehen, wie sie sagt, und überlegen, ob sie 2024 die komplette Saison machen will. Offiziell entschieden ist zwar noch nichts. Aber wenn man Regina Leybold beim Schwärmen über das besondere Leben in und mit der Natur zuhört, dann bekommt man eine Vorahnung, wie die Entscheidung ausfallen könnte. „Ja, es ist schon verrückt, was das hier mit einem macht“, sagt die Coburgerin. „Man schaltet einfach total ab.“ Vor allem nachts, wenn es draußen stockdunkel ist – „da erinnert nichts mehr an Zivilisation!“
Auch ihr Mann, der dem Abenteuer anfangs durchaus kritisch gegenüber gestanden habe, könne sich das inzwischen vorstellen. „Weil er weiß, wie gut das einem hier tut!“ Er muss zwar nach wie vor in Coburg arbeiten, doch so oft es geht fährt er nach Österreich zu seiner Frau und nimmt sich eine Alm-Auszeit. Bei aller Idylle und Romantik sagt Regina allerdings auch: „Was ich hier schon vermisse, sind meine Familie und viele Freunde.“ Zum Glück werden aber auch im September wieder einige Freundinnen zu ihr auf die Klingelbergalm kommen; sowohl, um bei der Arbeit zu helfen als auch um ihr Gesellschaft zu leisten. Besonders gefreut hat sie sich während ihrer ersten Alm-Phase, dass sogar ihre 88 Jahre alte Mutter Hilde vorbeigeschaut hat. Bergluft tut eben jedem gut. Regina sagt außerdem: „Man ist ergriffen von der Schönheit der Natur und der Ruhe und Kraft, die die Tiere auf der Alm ausstrahlen ."
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