Das Leben könnte so trist sein. Der letzte Applaus ist längst verklungen, kaum noch eine Erinnerung wert. Und der Blick in die Zukunft hält nur noch das eigene Ableben bereit. Das Leben in einem Seniorenheim – ganz gewiss kein Fall für eine üppig zu bemessende Vergnügungssteuer. Oder vielleicht doch? In diesem Seniorenheim ist jedenfalls alles anders. Denn dieses Seniorenheim ist in Wirklichkeit ein Theater. Genauer: es war ein Theater. Bevor es wegen dringenden Sanierungsbedarfs geschlossen werden musste – wie das Landestheater Coburg in diesem Sommer.
Gnadenlos unterhaltsam
So skurril, so schräg ist die Ausgangssituation in der wirklich allerletzten Premiere im betagten Landestheater vor der endgültig unabwendbaren Schließung. „Ewig Jung“, das Schauspiel-Musical von Erik Gedeon, ist nahe dran an der aktuellen Situation in Coburg – schreckend und zugleich gnadenlos unterhaltsam nahe dran an der Wirklichkeit.
Mimen rocken das Seniorenheim
Pensionierte Mimen auf dem Abstellgleis namens Seniorenheim – sie bilden das Personal in Gedeons „Ewig Jung“. Das Quintett der greisen Insassen mag gebrechlich und von diversen Marotten geplagt sein. Den darstellerischen Drang haben die Damen und Herren freilich noch längst nicht verloren. Und der Umstand, aus Mangel an Besuchern zugleich ihr eigenes Publikum sein müssen, hält sie nicht von ihren Auftritten ab. Dieses Songdrama erweist sich von der ersten Szene an als ein Stück, bei dem Coburgs Schauspieldirektor Matthias Straub sein Gespür für mehrheitsfähiges Amüsement wieder einmal überzeugend unter Beweis stellen kann.
Viele Anspielungen
Der Text von Erik Gedeon bietet ausdrücklich reichlich Spielraum für Anspielungen, die auf das jeweilige Theater bezogen sind. Matthias Straub setzt optisch auf eine schräge Persiflage, die mit einfachen Mitteln funktioniert. Denn der Abend spielt komplett vor dem Eisernen Vorhang, der zum Hintergrund wird für witzig verwandelte Platten-Cover mit anspielungsreich hinein montierten Coburger Intendanten-Konterfeis. Ein betagtes Sofa, Stühle, kreuz und quer übereinander liegende alte Teppiche, dazu noch ein Flügel (an den Tasten: die musikalische Leiterin Angela Rutigliano als Herr Rutigliano) – mehr braucht es nicht an äußerem Aufwand.
Virtuose Verwandlungskunst
Dazu liefern die ironisch zugespitzt wirkenden Kostüme (Juliane Längin) und die virtuose Verwandlungskunst der Maskenbildnerei die perfekte Unterstützung der Darstellerschar. Den entscheidenden Teil übernehmen die spielenden Akteure, die sich in eine Riege rührend gebrechlicher und dennoch tatendurstiger Greise verwandeln. Der Abend lebt von der Lust an ironischen Brechungen, angefangen bei den Namen, die einfach die Nachnamen der Schauspielerinnen und Schauspieler übernehmen – mit Juliane Schwabe als Frau Schwabe, dazu Tobias Bode, Nils Liebscher, Hans Ehlers und Annelie Straub. Kaum zu erkennen hinter der perfekten optischen Verwandlung Niklaus Scheibli als Schwester Nicola, die in diesem Seniorenheim ein strenges Regiment führt.
Bitterböser Humor
Denn schnell wird klar: Der Humor dieses Stücks ist ein Humor der bitterbösen Art. Das Lachen mischt sich immer wieder mit nachdenklichen Momenten, mit erschrockenem Erkennen. Wer an diesem Abend nicht lacht, der lacht nimmermehr. Doch der Lächerlichkeit preisgegeben wird Niemand in dieser Inszenierung. Der bitterböse Humor stimmt nachdenklich – und schenkt dem Publikum dennoch viele wunderbar heitere Momente.
Das Publikum verzückt
Damit aber wird „Ewig Jung“ zur perfekten Abschieds-Premiere vor dem Umzug ins Globe – heiter bis melancholisch: ein Abend, an dem sich das Theater mit Spielfreude und hintergründigem Witz selber feiert und sein Publikum verzückt.
Rund um die letzte Schauspiel-Produktion im Landestheater
Theater-Tipp „Ewig Jung“ - Ein Songdrama von Erik Gedeon; Landestheater Coburg - Termine und Tickets online unter landestheater.coburg.de Tickets für die Vorstellungen gibt es außerdem an der Theaterkasse (Tel. 09561/898989).
Produktionsteam und Darsteller
Musikalische Leitung: Angela Rutigliano
Inszenierung: Matthias Straub
Bühne und Kostüme: Juliane Längin
Dramaturgie: Victor Pohl
Niklaus Scheibli als Schwester Nicola
Angela Rutigliano als Herr Rutigliano
Juliane Schwabe als Frau Schwabe
Tobias Bode als Herr Bode
Nils Liebscher als Herr Liebscher
Hans Ehlers als Herr Ehlers
Annelie Straub als Frau Straub
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