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Premiere am Landestheater
„Götterdämmerung“: Musik-Rausch trotz Unterhose
Brünnhilde (Irina Oknina) ist in der Gewalt von Gunther (Lars Fosser) und wird dem Heer der Gibichungen vorgeführt.
Brünnhilde (Irina Oknina) ist in der Gewalt von Gunther (Lars Fosser) und wird dem Heer der Gibichungen vorgeführt. // EIKE WALKENHORST
Signet des Fränkischen Tags von Carolin Herrmann
Coburg – Die Vollendung von Wagners „Der Ring des Nibelungen“ wurde unter der Leitung von Daniel Carter zu einem überwältigenden musikalischen Ereignis. Die szenische Deutung durch Alexander Müller-Elmau ist eher kontraproduktiv.

Überwältigend. Richard Wagners „Götterdämmerung“, die Vollendung des Coburger „Rings“, führt in der musikalischen Verwirklichung durch Daniel Carter in eine Art Rausch. Bestehend aus nicht anders als wunderschön zu nennenden Klanggeweben, Malereien der äußeren und inneren Wirklichkeit, von Melodien oder auch nur deren Bruchstücken, die man meint, so frisch noch nie gehört zu haben, und sich immer weiter steigernden gewaltigen Eruptionen. In seiner fantastischen Akustik erweist sich das Globe in Daniel Carters die Spannung immer weiter steigerndem Duktus als Raum-Schiff von ungemeiner Klangpracht. 

Das erreicht eine emotionale Wucht, welche die Premierenbesucher am Ostersonntag nach den sechs Stunden Aufführungsdauer von den Sitzen riss. Und das trotz dieser Inszenierung. Über die wird zu reden sein. Jedenfalls war es das große Orchester, das mit der größten Begeisterung gefeiert wurde.

Neben Irina Oknina als einer Brünnhilde, die mit ihrer anhaltenden, sogar sich trotz der immensen Anforderung immer noch steigernder Kraft in den Höhen zum Staunen brachte. Wohlbemerkt bei gleichzeitig zu Herzen gehender Sensibilität in den leisen Passagen, im Schmerz über den Betrug und den Verlust ihrer Liebe. 

Lob für die Solisten

Wobei die Solisten dieser Coburger „Götterdämmerung“ allesamt auf fesselndem Niveau singen: Michael Lion als die Intrige führender Hagen, Lars Fosser als leicht zu verführender König Gunther, Ana Naqe als Gutrune, die glaubt, sich die Liebe Siegfrieds durch einen Vergessenstrank erzwingen zu können und Gustavo Lopez Manzitti als Sigfried, der sich bis zu seinem großen Erinnerungsmonolog im dritten Aufzug tenoral deutlich steigerte. Aber auch Kora Pavelic´ (Waltraute), Martin Trepl als Alberich, Iona Tautu, Emily Lorini und Rebecca Davis (Nornen, Rheintöchter) binden in ihren Berichten aus der Götter- und Jenseitswelt. 

Michael Lion steht ab Ostersonntag in der „Götterdämmerung“ als Drahtzieher der Verbrechen nun in der Menschenwelt auf der Bühne des Globe.
Michael Lion steht ab Ostersonntag in der „Götterdämmerung“ als Drahtzieher der Verbrechen nun in der Menschenwelt auf der Bühne des Globe. // Eike Walkenhorst

Die scheint in diesem vierten Teil von Wagners Bühnenfestspiel genannten „Der Ring des Nibelungen“ nur noch in den langen Erzählungen auf, dort allerdings sehr intensiv. Denn, wie gesagt, es ist das Orchester, welches das eigentliche Geschehen parallel zum Berichteten ausführlich ausbreitet.

Darum geht es 

 „Die Götterdämmerung“ findet äußerlich besehen in der Menschenwelt statt, womit die Verortung in heutiger Welt durch Regisseur Alexander Müller-Elmau und in den Kostümen (Julia Kaschlinski) an sich stimmiger ist als in den eher als Götterdramen zu bezeichnenden Teilen „Rheingold“, „Walküre“ und „Siegfried“.

Müller-Elmau blieb seit dem Start des Coburger „Rings“ im Jahr 2019 in diesem Konzept. So wie es als Avantgarde geltende Mode ist, historische Dramen auf der Bühne in heutige Verkleidung zu zwingen. Manchmal gibt es dadurch Erkenntnisgewinn. Im „Ring“ jedoch begeben wir uns in eine gänzlich mythische Welt der nördlichen Götter- und Heldensagas, deren Zauber des Stabreims Richard Wagner sprachlich auch noch reitet wie die Walküren ihre feurigen Rösser. 

In Unterhosen fläzend

Bei Müller-Elmau hecken Hagen, Gunther und Gutrune die Vergewaltigung Brünnhildes in Unterhosen auf nackten Stühlen fläzend aus. Wir sind ja bei ihnen zuhause, in einer kaputten Welt. Derweil wird von der mystischen Frau auf dem Feuerfelsen gesungen, der von Wotan verbannten Walküre. Nur ein Überheld wie Siegfried, der sich ein legendäres Schwert schmiedete, den Drachen erschlug und so in den Besitz des Rheingoldes kam, könne zu ihr vordringen. Darauf später ein Dosenbier für alle bei der Rast während der finalen Jagd.

Es besteht permanente Diskrepanz zwischen dem, was in dem als graues Museum gezeigten Einheits-Bühnenraum dargestellt wird, und den inhaltlich beschriebenen und besungenen gewaltigen Welten, der Besessenheit von Macht und Gier, welche die Götter- wie die Menschendämmerung bringen wird. 

Dass Siegfried einen Revolver als Schwert Nothung zückt, ist dabei nur eine kleine Albernheit. Auch dass Siegfried, der ein unschuldig-schuldiger Tor ist, gleich wie eine Art Otto Walkes in strähnigem Blondhaar – er könnte von Walter Moers (Werner Beinhart, Käpt'n Blaubär) gezeichnet sein – herumhüpft, könnte man noch als Satire auf den Heldenstatus sehen.

Langweilig bis abstoßend

Doch bringt es uns das Geschehen näher, wenn uns die mythischen Figuren in verlotterter Kleidung von heute vorgeführt werden? Im Bayerischen Rundfunk war an anderer Stelle von befremdlich hässlichen Klamotten die Rede. So schlimm ist es diesmal nicht, nur die Einsicht eben sogar störend. Und für das Auge langweilig bis abstoßend. Über sechs Stunden hinweg. 

Es ist nur der Überzeugungskraft der Wagnerschen Tondichtung in der Darbietung durch das in allen Instrumentengruppen packenden Orchesters und den Sängern zu danken, wenn etwa im zweiten Aufzug Brünnhildes Drama so unter die Haut geht: die starke Kämpferin als überlistetes Beutestück gefesselt und erniedrigt vor den Gibichungen. 

Ja, bei den langen Berichten aus anderer Welt ist Zeit, damit die Figuren in Ansätzen und ein paar Gesten auf differenzierter zu sehende Charaktere hinweisen. Das ginge aber genauso in einer weniger störenden, vielleicht abstrahierenden, entrückten Szenerie. Betreibt nicht gerade Wagner die Entrückung exzessiv, um uns in die Seele zu kommen?

Coburg 2023 - Bilder eines Jahres
Coburg 2023 - Bilder eines Jahres: Ein neuer Leuchtturm für Coburg! Das Globe wird eröffnet. // Landestheater Coburg / Michael von Aichberger

Dass in das beschriebene musikalische Raum-Schiff des Philharmonischen Orchesters am Ende tatsächlich ein Alien guckt – ach, das darf dann sein? Schon gut, das nennen sie dann Perspektive. 

Halten wir uns an das herausragende musikalische Ereignis, das diese „Götterdämmerung“ unzweifelhaft ist, hervorgebracht in einer gewaltigen Kraftanstrengung durch das Landestheater Coburg. Das andere möge diskutiert werden. 

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