Keine zwei Wochen mehr bis zum ersten Spiel der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM. Normalerweise würden jetzt im Prinzengarten (vormals Josiasgarten) die Vorbereitungen für Coburgs größtes Public Viewing auf Hochtouren laufen. Doch bei dieser WM ist eben – leider – vieles nicht normal. Zum einen ist da die ungewohnte Jahreszeit: Wer hat schon Lust, sich im kalten November und Dezember in einem Biergarten zu treffen, um gemeinsam Fußball zu schauen?
Entgleisung des WM-Botschafters
Zum anderen wird das bevorstehende Turnier von zig Menschenrechtsverletzungen überschattet, die in Katar begangen wurden und noch immer werden. Erst Anfang dieser Woche sorgte der katarische WM-Botschafter für eine verbale Entgleisung, als er Homosexualität als „geistigen Schaden“ bezeichnete. „Eine WM in so einem Land zu veranstalten ist ein Skandal“, lautete ein Kommentar auf der Facebook-Seite des Tageblatts, nachdem wir gefragt hatten, ob in Coburg bereits das Fußballfieber grassiert.
Mit Hackfleisch leichter zu ertragen?
Auch auf der Facebook-Seite der Sportvereinigung Eicha wurde zuletzt munter diskutiert. Der Verein organisiert – wie bei jedem größeren Fußballereignis – wieder Events im Sportheim. Für das Deutschland-Spiel gegen Japan sind bereits Anmeldungen möglich; außerdem kann Essen vorbestellt werden, zur Auswahl stehen „Kopf- und/oder Bauchspint“, Niere wird extra angeboten, und – wenn gewünscht – wird anschließend auch noch Hackfleisch serviert. „Diese WM braucht aber doch kein Mensch“, schrieb ein Fußballfan unter den entsprechenden Facebook- Post. „Das muss jeder selber entscheiden“, lautete daraufhin die direkte Antwort von einem Funktionär des Vereins – mit dem augenzwinkernden Zusatz: „Was ich aber ganz sicher brauche ist Spint!“
Viele Vereine haben Probleme
Bei allen Boykott-Gedanken, die es bereits für die WM gibt: Dafür, dass speziell Vereine trotzdem kleinere Public Viewings anbieten, hat allen voran Michael Schulz vollstes Verständnis. Denn der Vorsitzende des Coburger Sportverbands weiß um die prekäre finanzielle Situation vieler Vereine: Nach zwei schwierigen Corona-Jahren explodieren jetzt auch noch die Energiepreise. Und weil es in fast jedem Sportheim nun einmal einen Fernseher oder Beamer gebe, hält es Schulz für „nachvollziehbar“ und „legitim“, dass zum gemeinsamen Gucken der WM aufgerufen wird: „Wo sollen Vereine denn aktuell noch Einnahmen herbekommen?“
Mitgliedsbeiträge werden steigen
Michael Schulz, der auch Vorsitzender des SV Ketschendorf ist, rechnet vor: „Bei uns sind alleine die Kosten fürs Gas von bislang jährlich 3500 Euro auf 9000 Euro gestiegen!“ Deshalb komme man nicht drumherum, die Mitgliedsbeiträge zu erhöhen. Noch in diesem Jahr soll bei einer Mitgliederversammlung darüber entschieden werden. Auch viele andere Vereinen müssten das wohl bald machen, wobei Michael Schulz hier schon wieder das nächste Problem sieht: „Die Mitgliedsbeiträge sind oft sehr niedrig, weil sie ja familienfreundlich sein sollen. Doch in den vergangenen Jahren gab es – auch wegen Corona – kaum Anpassungen, weshalb jetzt mögliche Erhöhungen umso drastischer ausfallen könnten.“
Keine Vorfreude auf die WM
Doch zurück zur Fußball-WM. Michael Schulz persönlich kann sich auf das Turnier überhaupt nicht freuen, was außer an Katar auch an der gesamten Weltlage liegt: „Mir ist im Moment nicht nach einem Sport-Event. Wir haben gerade ganz andere Herausforderungen.“ Ja, räumt er ein, vielleicht werde er sich das eine oder andere Spiel anschauen, falls er Zeit hat – „aber wenn ich etwas Besseres zu tun habe, dann schaue ich eben nicht.“
Im Sportheim des SV Ketschendorf auf dem Buchberg wird es bei der WM übrigens nur eher kleine, vereinsinterne TV-Übertragungen geben.
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