Wenn Bühnenbilder sprechen könnten, dann hätte dieses jetzt in Coburg gestrandete Schiff so einiges zu erzählen. Zum Beispiel: „Gebaut und bemalt wurde ich vor gut 150 Jahren für die Mailänder Scala. Anschließend war ich zwar nicht auf den sieben Weltmeeren unterwegs, wohl aber auf so mancher Theaterbühne. Zuletzt konnte man mich an der Deutschen Oper in Berlin bewundern – wow, bei der Oper La Gioconda gab es sogar Szenenapplaus für mich! Für ein Bühnenbild! Ach ja, und eines Tages standen plötzlich ein paar Männer vor mir und haben sich in mich verliebt. Genau deshalb bin ich jetzt in Coburg.“
Erst Mailand, dann Berlin, jetzt Coburg
Szenenwechsel, Globe Coburg: Daniel Kaiser steht hinter der Bühne und streicht behutsam über eine große, mit Stoff bespannte Leinwand. „Das ist schon sehr beeindruckend“, sagt er, „ich finde es äußerst faszinierend, sich vorzustellen, welche alte Handwerkstradition damit verbunden ist.“ Deshalb sei es für ihn geradezu eine „Kultur erhaltende Maßnahme“ gewesen, das alte Bühnenbild extra von Berlin nach Coburg zu holen.
Daniel Kaiser, Technischer Direktor des Coburger Landestheaters, gibt allerdings zu, dass er anfangs etwas skeptisch war, ob der Aufwand gerechtfertigt sei. „Aber unser Intendant Neil Barry Moss hat derart von dem Bühnenbild geschwärmt, dass wir im Januar 2024 nach Berlin gefahren sind und uns La Gioconda angeschaut haben.“ Als sie dann erfuhren, dass die Deutsche Oper keine Verwendung mehr für das Bühnenbild aller vier Akte hat und es deshalb entsorgen möchte, reifte in Moss und Kaiser eine Idee: „Wir müssen es retten!“
Kaiser: Der Aufwand hat sich gelohnt!
Ein Jahr später sind Teile des historischen Bühnenbilds – nämlich das wuchtige Schiff – im „Fliegenden Holländer“ im Coburger Globe zu sehen. „Der Aufwand hat sich gelohnt“, sagt Daniel Kaiser – wohl wissend, dass der Aufwand enorm war und auch noch immer groß ist. Sowohl baulich als auch logistisch.
Zunächst war da der Transport mit zwei Lastwagen von Berlin nach Coburg. Die Mitarbeiter des Landestheaters sind zwar geübt in einem sorgsamen Umgang mit Kulissenteilen. „Aber das hier ist schon das sensibelste Bühnenbild, mit dem zumindest ich je zu tun hatte“, sagt Daniel Kaiser.
“Dieses Bühnenbild ist eine Hommage an das Kunsthandwerk der Theatermalerei!
”
Die historischen Teile kamen gut in den Theaterwerkstätten im Coburger Stadtteil Cortendorf an. Doch zumindest fürs Schiff gab es kaum eine Ruhepause. Denn als feststand, dass es im „Fliegenden Holländer“ eingesetzt wird, musste es an etlichen Stellen behutsam restauriert werden. Auch war es erforderlich, die Kulisse um etliche Meter zu kürzen. Der Bühnenraum an der Deutschen Oper Berlin ist nämlich um ein Vielfaches größer und vor allem höher als der im Coburger Globe. Die Takelage, also der Bereich von Mast und Segeln, wurde regelrecht zusammengestutzt.
Porös und leicht brüchig
Doch auch die fortlaufende Logistik hat es in sich. So stellt sich grundsätzlich nach jeder Vorstellung im Globe die Frage: Wohin mit dem Bühnenbild? Eine Möglichkeit ist: Es wird zwischengelagert in den Werkstätten in Cortendorf, bis es laut Spielplan wieder auf der Bühne benötigt wird. Daniel Kaiser gibt aber zu Bedenken: „Um so weniger ein Bühnenbild angepackt und weite Wege transportiert werden muss, desto weniger kann etwas kaputtgehen.“ Erst recht bei einem sensiblen Teil, das bereits 150 Jahre auf dem Buckel hat und deshalb an vielen Stellen porös und leicht brüchig ist.
Deshalb wird beim „Fliegenden Holländer“ wie folgt vorgegangen: Wenn zwischen zwei Vorstellungen nur ein kurzer zeitlicher Abstand ist, verbleibt das komplette Bühnenbild im Globe. Liegt jedoch eine längere Pause zwischen zwei Vorstellungen, dann kommen lediglich die neu gebauten Teile nach Cortendorf - das Schiff hingegen bleibt im Globe als seinem sicheren Hafen.
Wenig Lagerraum im Globe
Was vernünftig klingt, bringt aber auch schon die nächste Herausforderung mit sich. Denn im Globe gibt es nicht sehr viel Lagerraum. Zumindest nicht so viel, wie es für einen regulären Theaterbetrieb vielleicht erforderlich wäre. Aber: Es ist ja auch nur eine Interimsspielstätte.
Kreative Lösungen
An dieser Stelle sind Daniel Kaiser zwei Hinweise wichtig. Erstens: „Das Globe ist das beste Interim, das wir hätten bekommen können!“ Und dass bei einem Interim auch immer mal wieder Kompromisse eingegangen werden müssen, sei von Anfang an klar gewesen. Zweitens: Fürs Lagerproblem gibt’s kreative Lösungen. Nach der Premiere des „Fliegenden Holländers“ tauchte das Schiff zum Beispiel kurzzeitig ab in einen Raum unter dem Parkett, der eigentlich als Stuhllager dienen soll. Aber so lange die meisten Stühle „oben“ sind, kann der Raum noch anderweitig genutzt werden.
Aktuell ist auch das Schiff wieder „oben“, von der Bühne nur durch ein Brandschutztor getrennt. Deshalb kommt Daniel Kaiser täglich gleich mehrmals daran vorbei und muss immer wieder staunen. „Dieses Bühnenbild ist eine Hommage an das Kunsthandwerk der Theatermalerei!“ Dazu muss man wissen: Auch am Coburger Landestheater gibt es noch heute Theatermaler. Doch der Beruf ist vom Aussterben bedroht. „Zum einen gibt es heute ganz andere technische Möglichkeiten als vor 150 Jahren“, erklärt Daniel Kaiser. Zum anderen fehle inzwischen oft schlichtweg die Zeit, um sich mehrere Wochen lang mit dem Erstellen von nur einem bestimmten Bühnenbild zu beschäftigen.
Zumal ein Bühnenbild auch noch während der bereits laufenden Produktion einiges an Arbeit erforderlich macht. So sind immer wieder kleinere Reparaturen notwendig. Wenn Bühnenbilder sprechen könnten, dann würde das in Coburg gestrandete Schiff vielleicht Folgendes erzählen: „In Coburg gefällt es mir gut. Von den fleißigen Leuten in den Theaterwerkstätten habe ich untenherum sogar einen neuen, blauen Rand bekommen – das soll das Meer sein! Autsch – aber in dieser einen Kampfszene beim Fliegenden Holländer hat mir da jemand aus Versehen hineingetreten. Zum Glück konnten das die fleißigen Leute schnell wieder in Ordnung bringen. Erste Hilfe sozusagen. Jetzt freue ich mich auf die nächsten Vorstellungen in Coburg. Und nachts, wenn es dunkel ist, träume ich gerne von meiner Mailänder Heimat.“
Hintergrund: Richard Wagner in Coburg
„Der Fliegende Holländer“ von Richard Wagner kommt in der Spielzeit 2024/2025 des Landestheaters Coburg in einer Inszenierung von Intendant Neil Barry Moss auf die Bühne im Globe Coburg.
- Musikalische Leitung Daniel Carter
- Inszenierung Neil Barry Moss
- Bühne Juliane Längin
- Kostüme Annika Lu
- Lichtregie Markus Stretz
- Choreografie Martine Reyn
- Dramaturgie André Sievers
Die Rollen (darunter auch alternierende Besetzungen):
- Kaufmann Daland: Michael Lion und Bartosz Araszkiewicz
- Senta, seine Tochter: Flurina Stucki und Asa Jäger
- Mary, die Amme von Senta: Kora Pavelic und Emily Lorini
- Erik, ein Jäger: Gustavo Lopez Manzitti
- Der Steuermann: Jaeil Kim
- Der Holländer: Lars Fosser
Weitere Mitwirkende:
- Statisterie des Landestheaters Coburg
- Chor des Landestheaters Coburg
- Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg
Mehrere weitere Vorstellungen gibt es bis Mitte Juli, unter anderem am Mittwoch, 26. März (19.30 Uhr), Sonntag, 13. April (18 Uhr), sowie am Dienstag, 22. April (19.30 Uhr).
Dauer: zwei Stunden und 15 Minuten (keine Pausen)
Wo gibt es Karten?
- Karten können online auf der Internetseite des Landestheaters Coburg gebucht werden (Link dazu hier)
- Tickets sind auch persönlich sowie telefonisch an der Theaterkasse erhältlich. Diese befindet sich im Globe (Nina-Bellosa-Platz 1) und ist zu erreichen unter 09561/89 89 89
- Die Kassenöffnungszeiten sind: Dienstag bis Freitag jeweils von 10 bis 17 Uhr, Samstag von 10 bis 12 Uhr
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