Welch ein Horror. Er hat das ewige Leben und will nur noch, dass alles aufhört, gänzlich aufhören möge. So besingt es der verfluchtefliegende Holländer immer wieder, ein Mensch, dem das letztendliche Menschsein genommen ist, der dabei aber keineswegs bösartig wurde, sondern nur ewig leidend.
Das ist das Gegenteil der von uns im westlichen Glauben ersehnten Erlösung in einem Leben nach dem Tod. Eine gruselige, fantastische Geschichte, die Richard Wagner da in ungemein aufwühlender Musik darstellt. Sehr beliebt und in der neuen Produktion des Landestheaters Coburg bei der zweieinviertel-stündigen, pausenlosen Premiere am Samstag auch ausverkauft.
Doch welch ein Horror. Die Inszenierung von Intendant Neil Barry Moss im Globe pendelt – fast möchte man es bösartig nennen – zwischen atemberaubender theatraler Fantastik sowie Bildgewalt und hämischer, auch alberner Destruktion, bestenfalls noch satirischen Momenten. Moss führt die geradezu irre, kunstvolle Kostümbildung von Annika Lu als Lüge vor, Bühnenbild und Musik ja genauso. Kapitän Daland wird als Regisseur von irgendetwas Heutigem eingeführt, er fuchtelt am Chor der Matrosen herum, später wandelt er sich doch ins fantastische Kostüm. Ansonsten wird konsequent von einer anderen Wirklichkeit gesungen, als Moss sie mit seinem Regiebruch darstellt. Wenn das denn irgendeine Erkenntnis brächte. Doch vom Zuschauer wird nur permanente Verdrängung gefordert, bevor er unerlöst in die Nacht geschickt wird.
Jubel für das Philharmonische Orchester
Die musikalische Präsentation unter Leitung von Daniel Carter steht überwältigend über allem. Von der Ouvertüre an lässt er das Philharmonische Orchester differenziert und feinfühlig, dann alles hinwegfegend und aufstürmend in die innere Geschichte des Holländers und der ersehnten Erlöserin Senta eindringen. Einmal mehr ein großes Klangerlebnis im Globe. Uneingeschränkter Jubel für das herausragende Ensemble, erst recht für das Philharmonische Orchester.
Dann einige wenige Buhrufe für den Regisseur und ein bisschen, aber durchaus merkliche Zurückhaltung im Beifall. Wer will denn nach solchem musikalischen Erleben den erträumten Opernabend für gestört erklären? Jetzt aber müssen wir uns doch der theatralen Realität stellen.
Schiffskulisse aus Mailand
Da lässt man eine 150 Jahre alte, malerische Schiffskulisse aus der Mailänder Scala, welche die letzte Zeit an der Deutschen Oper Berlin diente, nach Coburg bringen und von Juliane Längin in eine wunderbar surreale Bühne mit geheimnisvollen Licht- und Projektionsmöglichkeiten einbinden, um die Oper dann einen großen Teil lang auf einem nackten Gerüst quasi auf der Rückseite irgendeiner Bühne spielen zu lassen. Die spinnenden Mädchen sind Putzfrauen im blauen Kittel, die vor vier Waschmaschinen bisweilen Blödsinniges verrichten. Derweil Senta in ihrer düsteren Vision versinkt.
Die wiederum bleibt in der fantastischen Kostümwelt von Annika Lu, welche die verblüffende ästhetische Überraschung dieser Produktion ist. Die Figuren sind wie aus düsterer Graphic Novel in die dritte Dimension gesprungene, bemalte Skulpturen, erstarrt im schlimmsten Moment eines Sturmwindes, Skulptur gewordener Horror.
Mit Asa Jäger als Senta konnte ein neuer Stern am Wagner-Himmel verpflichtet werden, wenn man so klischeehaft wie treffend formulieren will. Ihr auch in den höchsten Tönen klar und voll klingender Sopran ist ein machtvolles Instrument der Seelenerforschung, beeindruckend, in welcher Sicherheit sie in schwindelnde Höhen springt. Als Senta wird in weiteren Aufführungen auch Flurina Stucki zu erleben sein.
Lars Fossers gerade noch vor dem Abgrund gehaltener Bass lässt uns großes Mitleid gewinnen mit diesem Holländer. Michael Lion (alternierend mit Bartosz Araszkiewicz) als berechnender Kapitan Daland, Gustavo López Manzitti als verschmähter Erik, Jaeil Kim als Steuermann, Kora Pavelic (alternierend Emily Lorini) als Amme Mary – sie alle fesseln in ihrem Gesang und ihrer düsteren, comichaften Gestalt. Der große Männerchor – was für eine Wucht (Einstudierung Alice Lapasin Zorzit) - wenn er nicht gerade ein banales Tänzchen aus bekannten Internet-Clips aufführen muss.
Diese Inszenierung schöpft aus dem Reichhaltigsten und Besten; Neil Barry Moss zeigt es uns, um dann mutwillig und sinnlos seine Mätzchen damit zu treiben. Er wählt den Weg der Fantastik, um sich dann selbst auf die Finger zu klopfen und sie als blöde hinzustellen. Was für ein Horror, wenn das Fantastische im Leben der Menschen nicht mehr sein darf.
Dass dies gerade im Umgang mit Wagners Fantastik heute Mode ist, macht die Sache in Coburg nicht besser.
Die Produktion
Landestheater Coburg: Der fliegende Holländer. Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner. Musikalische Leitung Daniel Carter. Inszenierung Neil Barry Moss. Bühne Juliane Längin. Kostüme Annika Lu. Choreinstudierung: Alice Lapasin Zorzit. Lichtregie Markus Stretz. Dramaturgie André Sievers. Chor und Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg.
Darsteller: Åsa Jäger (alternierend Flurina Stucki), Lars Fosser, Michael Lion (alternierend Bartosz Araszkiewicz), Gustavo López Manzitti, Jaeil Kim, Kora Pavelic (Emily Lorini).
Weitere Termine: 7., 13. Februar, 26. März, 19.30 Uhr im Globe
Lesen Sie auch















