Benjamin Hübner erlebt einen spannenden Rollentausch. Acht Spielzeiten lang bis zum vergangenen Sommer war er als Schauspieler am Landestheater Coburg engagiert. Nach seinem Wechsel in die künstlerische Selbstständigkeit gibt Hübner (39) nun sein Debüt als Regisseur. Auf der Studiobühne in der Coburger Reithalle ist er mit seinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen beim Proben-Endspurt für das Trauerspiel „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist. Wie er den Rollenwechsel von der Bühne ins Regiefach erlebt und was ihn an Kleist besonders fasziniert, erklärt Hübner im Interview.
In schwierigen Zeiten haben Sie im dritten Corona-Sommer mit dem Abschied aus dem Ensemble des Landestheaters den Gang in die freischaffende künstlerische Tätigkeit gewählt. Was hat den Ausschlag gegeben?
Benjamin Hübner: Ich dachte, nach Corona wird alles wieder besser. Nach acht Jahren am Landestheater war einfach der Impuls da, wegzugehen und etwas Neues zu erleben und nicht hängenzubleiben, obwohl es hier sehr schön war.
Für Ihr Regie-Debüt haben Sie sich ausgerechnet einen selten gespielten Klassiker ausgewählt – „Penthesilea“ von Kleist. Warum gerade Kleist, warum gerade „Penthesilea“?
Weil ich mich in meiner Zeit an der Schauspielschule in dieses Stück verliebt habe und seitdem leidenschaftlicher Kleist-Leser bin. Ich habe den Stoff so intensiv in mich aufgesogen, habe mich jahrelang mit Ideen beschäftigt, wie es wäre, wenn ich das inszenieren würde. Dabei hat mir Torsten Knoll, der für diese Inszenierung Songs geschrieben hat, sehr geholfen. Zusammen haben wir auch die musikalische Dramaturgie entwickelt.
Was fasziniert Sie an diesem Stück?
Die brachiale Gewalt, die gleichzeitig eine Klarheit liefert, die Bilder, die Kleist beschreibt, die Gegensätzlichkeiten, die er sprachlich aufzeigt, faszinieren einfach. Wir haben eine Strichfassung gemacht. Bei uns gibt es keine Amazonen auf der Bühne, wir haben keine Elefanten, keine Tiger, keine Hunde, wir spielen das mit fünf Darstellern. Meine Fassung ist – glaube ich – nicht so sperrig wie das Original.
Warum wird Kleist relativ selten gespielt?
Viele fassen ihn mit Samthandschuhen an, haben eine Scheu vor seinen Texten.
Wo kommt diese Scheu her?
Kleist ist sperrig, ist kompliziert, die Bilder sind zu verschachtelt, die Sätze sind eigentlich viel zu lang. Aber wenn man es richtig anfasst, ist Kleist sehr, sehr schön, sehr, sehr poetisch – und sehr, sehr modern, weil er einfach ganz, ganz tiefe menschliche Geschichten erzählt.
Was kann ein Drama über eine Amazonenkönigin aus der Zeit des Trojanischen Krieges dem Publikum im Jahr 2023 noch sagen?
Der Kampf des Menschen mit sich selbst, sein Innerstes zu zeigen, sich bloß zu stellen innerhalb der Strukturen, in denen er sich befindet. Bei Kleist ist das dieser rigide Amazonenstaat. An Penthesilea werden genauso Erwartungen gestellt wie an Achilles, den Helden des Trojanischen Krieges. Die beiden Superstars dieses Krieges treffen sich – und sie begegnen sich als Abbild, das von ihnen entworfen wird. Bei ihrer Begegnung erkennen sie: Ich möchte, dass Du mich erkennst, wie ich wirklich bin. Das ist eine sehr moderne, eigentlich zeitlose menschliche Dramatik, die sich jeden Tag ereignen kann.
Wo spielt das Stück zeitlich bei Ihnen?
Die Zeitebenen sind bei uns eigentlich komplett aufgelöst, es geht um die inneren Zustände der Menschen. An diesem Abend sind ständig alle Darsteller auf der Bühne. Die Szene ist das Schlachtfeld bei Troja, aber zugleich auch das innere Schlachtfeld des Menschen.
Wo liegt bei diesem Stück die Herausforderung für die Regie?
Diese opernhaft komponierten Sprachbilder in eine moderne Sprachbehandlung zu übersetzen – das ist die Herausforderung. In Kleists Text gibt es auch viel Humor. Ich habe das Glück, dass in Coburg sehr gute Schauspielerinnen und Schauspieler engagiert sind. Mit ihnen macht es einfach Spaß, an diesen Texten zu arbeiten. Alles steht und fällt mit der Sprache.
Sie waren acht Spielzeiten als Schauspieler am Landestheater engagiert, kennen alle Darsteller aus dieser Arbeit. Wie haben Sie den Rollenwechsel in die Position des Regisseurs erlebt?
Sehr schön, weil ich gemerkt habe, dass mir ein großes Vertrauen entgegengebracht wird – nicht nur, weil wir uns menschlich nahe sind, sondern weil die Kolleginnen und Kollegen merken, dass ich genaue Vorstellungen habe, dass ich Ideen und Gedanken habe, die Hand und Fuß haben. Ich werde auch als Regisseur wahrgenommen – und nicht als der Kollege, mit dem man gemeinsam auf der Bühne gestanden hat.
Sind Sie ein strenger Regisseur?
Nein, überhaupt nicht. Ich versuche, eine Atmosphäre zu schaffen, dass jeder sich wohlfühlt. Wir sind ein Team, ein Ensemble. Außerdem ist das einfach ein tolles Stück. Dass ich die Kolleginnen und Kollegen so gut kenne, ist natürlich ein Vorteil, man redet gleich auf einer anderen Ebene miteinander.
Vorstellung und Wirklichkeit: Wie haben Sie das Abenteuer Regie-Debüt in der Probenphase erlebt?
Ich hatte mir das nicht genau so vorgestellt. Alle Entscheidungen werden bei mir abgefragt. Das nervt mich eigentlich. Als Regisseur muss man viel wacher und offener für alles sein. Auch für Dinge, die hinter der Bühne geschehen, die auf der Bühne geschehen, die vor der Probe, die nach der Probe geschehen. Das ist viel anstrengender, als nur auf der Bühne zu spielen. Für den Schauspieler steht die Arbeit an sicher selber im Fokus. Beim Regisseur läuft im Idealfall alles zusammen.
Nach den Erfahrungen bei der Probenarbeit an „Penthesilea“ in Coburg: Haben Sie den Rollenwechsel ins Regiefach bereut?
Keine Sekunde – ich freue mich total auf die Premiere.
Was sind die nächsten Pläne? Wie soll es generell weiter gehen?
Für mich geht es erst mal als Schauspieler weiter in Naumburg, dann werde ich wahrscheinlich noch eine Sache in Coburg machen – und ich hoffe, dass ich künftig zweigleisig fahre: als Darsteller und als Regisseur. Regie zu führen, bereichert mich total, ich habe auch die Theaterarbeit noch mal ganz neu verstanden.
Rund um „Penthesilea“ in der Coburger Reithalle Schauspiel-Tipp „Penthesilea“, Trauerspiel von Heinrich von Kleist – Premiere: Samstag, 15. April, 20 Uhr, Theater in der Reithalle, weitere Termine und Tickets online unter landestheater-coburg.de, Tickets außerdem an der Theaterkasse
Produktionsteam
Regie: Benjamin Hübner
Bühne: Carola Volles/Juliane Längin
Kostüme: Juliane Längin
Musik und Songtexte: Torsten Knoll
Lichtregie: Klaus Bröck
Dramaturgie: Victor Pohl
Besetzung
Penthesilea: Marina Schmitz
Achilles: Florian Graf
Prothoe: Lilian Prent
Oberpriesterin: Kerstin Hänel
Odysseus: Simon Latzer
Am Klavier: Torsten Knoll
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